Umfrage

Fricktaler Kandidaten sagen, weshalb es sie im Nationalrat braucht

Hier wollen die Kandidatinnen und Kandidaten hin: der Nationalratssaal.

Hier wollen die Kandidatinnen und Kandidaten hin: der Nationalratssaal.

55 Fricktaler wollen in den Nationalrat. Weshalb eigentlich? Die AZ hat 14 Kandidaten befragt – und zum Teil Erstaunliches erfahren.

Sie sind heiss umkämpft, die 16 Aargauer Sitze im Nationalrat. Allein aus dem Fricktal wollen 37 Männer und 18 Frauen nach Bern. Doch warum überhaupt? Die AZ hat allen Kandidatinnen und Kandidaten der grösseren Parteien, die auf einer Hauptliste antreten, die Frage gestellt: Weshalb braucht es Sie im Nationalrat? Die Antworten fielen vielschichtig aus – und zeigen auch etwas vom jeweiligen Selbstverständnis der Kandidierenden auf.

Einer, der es wissen muss, ist Maximilian Reimann. Er politisiert für die SVP seit 1987 in Bern. Zuerst sass er 8 Jahre im Nationalrat, dann 16 Jahre im Ständerat. Seit Ende 2011 ist er wieder im Nationalrat aktiv. Reimann, der diesmal nicht auf der SVP-Liste, sondern für seine eigene Bewegung Team65+ antritt, sagt unumwunden: «Jeder Mann, jede Frau in unseren Parlamenten ist ersetzbar. Kein vernünftiger Politiker erhebt den Anspruch, es gehe nicht ohne ihn.» Seine Wählerschaft solle aber verspüren, «dass ich voll motiviert bin, weiterhin für ihre Anliegen in der Bundespolitik einzustehen und zu kämpfen». Für ihn ist klar: Auch die älteren Jahrgänge gehören im Parlament angemessen vertreten.

Rolf Schmid (SP) nimmt Reimanns Flanke auf und spielt einen Steilpass nach vorne. Gerade in Zeiten von Klimawandel, Hysterie um die demografische Entwicklung und des rasanten digitalen Fortschritts seien junge Stimmen sehr wichtig. «Die letzten Jahre der nationalen Politik sind grösstenteils verlorene Jahre», findet der 27-Jährige. Zu viel sei über Lobbyisten entschieden worden, «jedoch nicht jene für die einfachen Menschen, sondern für Grossunternehmen und Vermögende».

Kandidaten verweisen auf ihre politische Erfahrung

Seine Parteikollegin Carole Binder legt klassische SP-Werte in die Wahl-Schale. Sie stehe ein «für eine soziale, solidarische, ökologische und weltoffene Schweiz» und stelle Eigeninteressen in den Hintergrund.

SVP-Grossrat Christoph Riner verweist auf seine Erfahrungen auf kommunaler und kantonaler Ebene. «Ich durfte viele Erfahrungen sammeln, lernte mit Sieg und Niederlage umzugehen.» Er bezeichnet sich als motiviert, unabhängig und kompromissfähig. «Mir liegen die Menschen in der Schweiz, in unserem Kanton und im Fricktal am Herzen und ich möchte meinen Beitrag leisten», so Riner.

Auch Désirée Stutz (SVP) verweist auf ihre Arbeit im Grossen Rat. Sie habe hier gezeigt, «dass ich den Auftrag meiner Wählerinnen und Wähler ernst nehme, eine klare Linie habe und konsequente Sachpolitik betreibe».

Kurz und bündig beantwortet Grüne-Grossrätin Gertrud Häseli die Frage: «Mensch und Umwelt brauchen meine grüne Stimme.» Dass es mehr grünt in Bern, wünscht sich auch ihr Partei- und Ratskollege Andreas Fischer. Sich selber nimmt er allerdings etwas zurück. «Es braucht nicht explizit mich im Nationalrat, sondern angesichts der drängenden Probleme mehr grüne Politikerinnen und Politiker in Bern», sagt er. Selbstverständlich würde er sich freuen, «wenn ich im Nationalrat mit meinen Ideen und meiner Arbeit mithelfen dürfte, unser Land fit für die Zukunft zu machen».

Für Kompromisse, gegen Schwarz-Weiss-Malerei

Alfons P. Kaufmann, CVP-Grossrat und Unternehmer, sieht sich gerade als Unternehmer in Bern gefragt. Er stehe klar für Unternehmungen und Arbeitsplätze ein. Er betont, wie alle (Mitte-)Politiker, seine Kompromissfähigkeit. Bei seinem Rats- und Parteikollegen Werner Müller tönt das dann so: «Mein Anspruch ist lösungsorientiertes Handeln, nicht polarisieren, sondern vermitteln und Lösungen suchen.» Leider gebe es in Bern zu wenig Politiker mit einer solchen Haltung. «Daher möchte ich in den Nationalrat.»

Für Marion Pfister, die dritte Fricktalerin im CVP-Bunde auf der Hauptliste, braucht es im Nationalrat Menschen mit Bodenhaftung, analytischem Denkvermögen, Umsetzungswillen und einer guten Fehlerkultur. Menschen, die nicht nur schwarz-weiss denken und die nicht Angst davor haben, «das Gesicht zu wahren, wenn man seine Meinung auch mal ändert, weil sich neue Dinge ergeben haben oder einem neue Informationen und Argumente zuteilwurden». Sie neige nicht zu Extremen, sagt Pfister von sich. Sie ist aber überzeugt, «dass auch solche Menschen für die Meinungsbildung sehr wichtig sind. Aber sie sollten das Salz in der Suppe bilden und nicht die Brühe selbst».

Bruno Tüscher (FDP), Gemeindeammann von Münchwilen, hebt seinen Pragmatismus hervor. Umgekehrt formuliert: Er stehe «nicht für die Bewirtschaftung von Problemen». Zudem bringe er «in meinen jungen Jahren» – Tüscher ist 35 – schon einiges an Erfahrung mit.

Seine Parteikollegin Gaby Gerber wirft ihre Führungserfahrung aus der Wirtschaft – sie ist Kommunikationsleiterin bei Feldschlösschen – in die Waagschale und sagt von sich: «Ich bin eine Praktikerin.» Es brauche in Bern auch «politische Start-ups», die «für frischen Wind sorgen».

Mehr Politikerinnen sind in Bern gefragt

Béa Bieber (GLP) bringt zuerst den Genderaspekt ins Spiel; es brauche grundsätzlich mehr Politikerinnen in Bern. Vor allem brauche es mehr Politikerinnen, «die sagen, was sie denken, und die sich unabhängig für eine Sache einsetzen».

Ihr Parteikollege Michael Derrer will als international tätiger Unternehmer eine Perspektive einbringen, die über die Landesgrenzen hinausgeht. Es brauche ihn, um den KMU mehr Gewicht zu geben, aus dem Korsett der gängigen Ideologie auszubrechen, neuen Ideen eine Chance zu geben und «um dem arbeitenden Mittelstand mehr Geld zu belassen, ohne in die linke oder rechte Rhetorik zu verfallen».

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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