Fricktal
Weniger schlafen und doch besser ausgeruht? Dies ist bei Bernhard Lindner ein Nebeneffekt des Fastens

Wie ist es, eine Woche lang zu fasten? Die «Aargauer Zeitung» begleitet den Theologen und Erwachsenenbildner Bernhard Lindner durch seine Fastenwoche. Am dritten Fastentag hat sich der Körper auf den Nahrungsverzicht eingestellt – und zeigt auf den Heuschnupfen eine nicht erwartbare Wirkung.

Thomas Wehrli
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Bernhard Lindner war 14,5 Jahre lang Gemeindeleiter in Oeschgen. Heute arbeitet er für die Landeskirche Aargau.

Bernhard Lindner war 14,5 Jahre lang Gemeindeleiter in Oeschgen. Heute arbeitet er für die Landeskirche Aargau.

Thomas Wehrli/ Aargauer Zeitung

Er tönt frisch und munter. Es gehe ihm gut, erzählt Bernhard Lindner am Dienstagmorgen beim Gespräch per Zoom mit der «Aargauer Zeitung». Er habe gut geschlafen, fühle sich ausgeruhter als an anderen Tagen – und dies, obwohl er in der Nacht weniger geschlafen habe als im Schnitt.

«Diesen Effekt habe ich jedes Mal, wenn ich faste», sagt der katholische Theologe und Erwachsenenbildner. Er nennt es ein Zur-Ruhe-Kommen, ein Sich-Erden, das sich bei ihm jedes Mal einstellt, wenn er eine ganze Woche fastet.

Die Heilfastenwoche hat bei Lindner am Sonntag begonnen, die AZ begleitet ihn durch diese Woche. Er zieht am Dienstag eine erste Zwischenbilanz:

«Ich habe das Gefühl, der Körper hat sich an das Fasten gewöhnt.»

Das Hungergefühl bleibt bei ihm beim Fasten jeweils weitgehend aus; Lindner weiss, dass es anders sein kann und bei anderen auch anders ist.

Heuschnupfensymptome verlaufen milder

Noch etwas Erstaunliches stellt der 60-Jährige, der in dieser Woche gleich zwei Fastengruppen begleitet – eine im realen, eine im virtuellen Raum –, bei sich beim Fasten fest:

«Ich leide unter Heuschnupfen. Während der Fastenwoche sind die Symptome deutlich milder.»

Dies hat er am Montag einmal mehr festgestellt, als er gut zwei Stunden im Garten war und hier den Apfelbaum zusammen mit zwei Enkeln – «der Montagnachmittag ist Enkelhütetag» – frühlingsfit machte. «Normalerweise reagiere ich auf solche Garteneinsätze mit den typischen Heuschnupfensymptomen wie Niesen und Augenbrennen.» Davon spüre er jetzt kaum etwas.

Lindner lacht. «Auch habe ich heute keinen Muskelkater, was bei der für mich ungewöhnlichen Betätigung nicht selbstverständlich ist.» Ob es mit dem Fasten zusammenhängt? Lindner zuckt die Schultern.

Höchstleistungen kann der Körper nicht vollbringen

Dass er den Körper derzeit nicht mit gleich viel Energie wie üblich versorgt, merkt Lindner allerdings bei der körperlichen Leistungsfähigkeit schon – wie auch bei der Konzentration und dem Sich-Fokussieren auf etwas. «Als ich am Montagabend zur Fastengruppe nach Sulz aufbrach, vergass ich einen Teil der Unterlagen.» Etwas, was ihm sonst kaum passiert. Er rät allen, die eine Woche fasten wollen:

«Man sollte sich keine Höchstleistungen in der Fastenwoche vornehmen.

Die Fastengruppe. Es sei einfacher, in der Gruppe zu fasten, ist Lindner überzeugt und zählt gleich vier Benefits des Gruppenfastens auf. Zum einen sei die Gruppe ein Ort, in dem sich Gleichgesinnte austauschen können. «Ein Teil der Gruppentreffen besteht darin, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erzählen, wie es ihnen geht.» Wo sie anstehen, was gut läuft, was sie bewegt.

Am Montag erzählte eine Teilnehmerin beim Treffen in Sulz von ihrer Müdigkeit am Mittag, die so stark gewesen war, dass sie sich eine Zeit lang hinlegen musste. Eine andere von ihrem Heisshunger, dem es zu widerstehen galt.

Gruppe ermöglicht eine Tiefendimension

Natürlich, man könnte sich auch zu Hause mit seinem Partner austauschen, der nicht mitfastet. «Das ist nicht dasselbe», ist Lindner überzeugt.

«Mit Menschen zu reden, die zum selben Zeitpunkt das Gleiche erleben, ermöglicht eine andere Tiefendimension.»

Ein zweiter Benefit ist für Lindner das Begleitet-Sein. «Wenn man spürt, wie es anderen geht, dass auch sie <kämpfen> müssen, macht einem das Mut», ist er überzeugt.

Drittens ermöglicht das Fasten in der Gruppe, dass man auch spirituell miteinander unterwegs ist. Das Fasten führt einen näher zu sich selber, ermöglicht ein Sich-Spüren, ein Bei-sich-Sein. Lindner:

«Dieses Gefühl versuche ich in der Gruppe mit Achtsamkeitsübungen zu stärken.»

Einen Zugang ermöglicht aber auch das Hören von Psalmen und anderen Texten oder auch körperliche Übungen.

Gruppe gibt Motivation und Halt

Viertens hilft die Fastengruppe dabei, durchzuhalten. Es entsteht eine Art Gruppendruck – wobei: Dieses Wort behagt Lindner nicht besonders. Er spricht lieber von einer Motivation in der und durch die Gruppe. Allein schon die Tatsache, dass man ein allfälliges Aufhören den anderen ja kommunizieren muss, führt für Lindner zu einem vertieften Nachdenken darüber, ob man wirklich aufgeben will.

Bleibt der Teilnehmende dabei, aufzuhören, ist dies für Lindner «vollkommen in Ordnung». Doch dieses vertiefte Nachdenken auf der einen, das Sehen, dass auch andere kämpfen müssen, auf der anderen Seite, bewegt den einen oder anderen dann doch dazu, sich durchzubeissen. Im Nachhinein sind die, die solche Krisen überwunden haben, dann froh, den Biss gehabt zu haben.