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Müde, aber zufrieden: Wie das Fasten den Fricktaler Theologen Bernhard Lindner näher zu sich selber bringt

Am Tag vier seiner Fastenwoche fühlt sich Bernhard Lindner gelassener und ruhiger als vor dem Heilfasten. Für den Theologen hat das Fasten eine spirituelle Dimension. Gerade beim Fasten spürt er: «Das Leben ist ein wunderbares Geschenk.» Wenn da nur die Vergesslichkeit nicht wäre ...

Thomas Wehrli
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Neben dem Fasten gehört für Bernhard Lindner auch das Pilgern zu seinem Lebensweg: Zwei- bis dreimal pro Jahr trifft man ihn auf dem Jakobsweg an.

Neben dem Fasten gehört für Bernhard Lindner auch das Pilgern zu seinem Lebensweg: Zwei- bis dreimal pro Jahr trifft man ihn auf dem Jakobsweg an.

Thomas Wehrli / Aargauer Zeitung

Tag vier. Seit Sonntag fastet Bernhard Lindner, wie jedes Jahr, eine Woche lang. Die «Aargauer Zeitung» begleitet ihn durch die Woche. Er fühle sich gut, sagt der Theologe und Erwachsenenbildner am Mittwochmorgen im Gespräch. «Ich hatte am Dienstag einen intensiven Tag und war am Abend entsprechend platt», erzählt er, überlegt kurz, fügt dann an:

«Aber ich war wohltuend platt.»

Lindner betreut in dieser Woche auch zwei Fastengruppen; die eine trifft sich real jeweils am Abend in der Kirche in Sulz, die andere virtuell über den Mittag. «Allen Teilnehmenden geht es gut. Sie haben es geschafft, ins Fasten einzusteigen.» Man kann auch sagen: Sie sind angekommen. Bei sich, in sich.

Ruhiger und gelassener

Lindner erlebt dieses Sich-nahe-Sein jedes Jahr, wenn er fastet, intensiv. «Ich werde ruhiger und gelassener.» Er nehme vor, was kommt, gehe entschleunigt durch die Tage.

Lindner lacht. «Ein Nebeneffekt des Fastens ist, dass ich vergesslicher bin.» So war er am Dienstag sicher, dass ein Termin virtuell per Zoom stattfindet – er fand allerdings live vor Ort in seinem Büro in Aarau statt. Also ab ins Auto, auf nach Aarau. «Die Gesprächspartnerin nahm es zum Glück locker – sie wartete auf mich.»

Religiös-spirituelles Moment gehört bei ihm dazu

Lindner nimmt die wenigen negativen Nebenwirkungen des Fastens gerne in Kauf. «Weil mir das Fasten viel bringt», sagt er. Er spürt sich anders, tiefer, geerdeter. Und das Fasten intensiviert auch sein In-Bezug-Sein mit Gott. Das religiös-spirituelle Moment gehört bei ihm zum Fasten hinzu. Für ihn ist aber auch klar:

«Das religiöse Moment ist beim Fasten überhaupt keine Bedingung.»

Lindner, dessen virtueller Hintergrund auf Zoom am Mittwoch einen Apfelbaum in voller Blütenpracht zeigt, hat in der Fastengruppe der Fachhochschule Nordwestschweiz viele Teilnehmer, die keinen Bezug zur Kirche haben. Anders in der Gruppe in Sulz: Sie ist religiös unterwegs. Entsprechend formt er auch die Impulse, die er gibt, anders.

Eingeladen in das Vertrauen

Für ihn selber bedeutet das Fasten spirituell, dass er sich eingeladen fühlt, «mich noch tiefer in das Vertrauen zu Gott hineinzubegeben». Es ist ein Vertrauen gerade in einem Moment, wo er selber nie genau weiss, wie der Körper diesmal auf das Fasten reagiert.

Das Fasten macht für ihn auch die Grenzen des eigenen Tuns, des eigenen Seins spürbar. «Ich gebe im Leben das, was ich kann, und weiss zugleich, dass ich dabei getragen werde», umschreibt er das Gefühl. «Ein gutes Gefühl.» Eines, das ihm auch die Gewissheit gibt:

«Das Leben ist ein wunderbares Geschenk.»

Diesen positiven Bezug versucht Lindner auch in den Fastengruppen zu vermitteln. Die virtuellen Mittagsimpulse an der Fachhochschule sind ebenso wie die präsentischen Treffen an den Abenden in Sulz geprägt von einem Bewusstsein, dass das Leben mehr ist als eine Summe alltäglicher (Konsum-)Gewohnheiten.

In der Gruppe ankommen

Zuerst gilt es bei den Treffen, anzukommen. Dazu setzt Lindner auf Körperübungen und Rituale, welche die Teilnehmenden einladen, in sich hinein zu hören, wie es ihnen geht, wie der Tag war, was man geschenkt bekommen hat. Wer will, kann seine Eindrücke mit anderen teilen.

Jedes Treffen stellt Lindner unter einem Thema. Das kann eine Reflexion über den Konsum sein, das war am Dienstag der Song «Gracias A La Vida», indem Violetta Para besingt, wie viel sie im Leben geschenkt bekommen hat.

Segenskreis wegen Corona auf Distanz

Abgeschlossen werden die Treffen jeweils mit einem Schlussritual. Vor Corona versammelten sich dazu alle in einem Kreis, gaben sich die Hand oder legten sie den Nachbarn auf die Schultern. «Dies half, sich als Gruppe zu spüren», sagt Lindner. Als Gruppe, die sich gemeinsam auf den Weg gemacht hat, die ein kleines Stück des Lebensweges zusammen geht, die sich auf diesem Wegstück Halt gibt.

Corona schafft Distanz. Auch die Präsenzgruppe in Sulz geht bei ihren Treffen auf die geforderte Coronadistanz. Statt des Segenskreises lädt Lindner nun die zwölf Teilnehmenden in Sulz jeden Abend zum Abschluss der Treffen ein, mit den Händen eine offene Schale zu formen als Ausdruck, dass jeder viel geschenkt bekommt. Das Leben.