Fricktal
«Jeder weiss, dass alle verzichten müssen» – die Solidarität bei jungen Menschen ist in der Pandemie trotz eigenem Leid gross

Bei jungen Fricktalerinnen und Fricktalern überwiegt in der Pandemie die Solidarität mit gefährdeten Mitmenschen das Leid über die Einschränkungen. Sie stehen hinter den Massnahmen zur Bekämpfung der Coronapandemie. Sie sagen aber auch: «Uns gehen einmalige Momente verloren.»

Thomas Wehrli
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Der Fricktaler Fabio Haller, gelernter Fachmann Gesundheit, hält die Öffnungsschritte für unverantwortlich, auch gegenüber dem Pflegepersonal.

Der Fricktaler Fabio Haller, gelernter Fachmann Gesundheit, hält die Öffnungsschritte für unverantwortlich, auch gegenüber dem Pflegepersonal.

Symbolbild: Sandra Ardizzone (18. November 2020)

Fabio Haller, 20, ist gelernter Fachmann Gesundheit. Er findet die seit dieser Woche geltenden Lockerungsschritte unverantwortlich, denn sie kämen direkt vor einer dritten Welle. Und:

«Es schmerzt mich vor allem persönlich als Pfleger, wie gewisse Menschen noch vor einem Jahr geklatscht haben und uns nun vergessen haben.»

Ilka Pfoster, ebenfalls 20, freut sich zwar über die Öffnungsschritte, sagt aber auch: «Mir ist es wichtiger, eine weitere Welle durch langsame und kleine Öffnungsschritte zu verhindern.» Denn langfristig gesehen müsste ihre Generation die wirtschaftlichen Folgen ausbaden.

Die «Aargauer Zeitung» liess in den letzten Tagen zehn junge Frick- talerinnen und Fricktaler zu Wort kommen. Sie zeigten ihre Sicht auf die Coronakrise auf – eine Sicht, die sich in vielen Punkten von derjenigen unterscheidet, welche die amtierenden Politiker – meist zwischen 40 und 65 – haben. So sagt etwa der 19-jährige Cedric Meyer (SVP): «Für die Jungen wurde gar nichts getan.»

Den Abschluss der Serie machen Ilka Pfoster und Fabio Haller. Pfoster ist 20 Jahre alt, arbeitet im Kundendienst einer Elektronikkette und ist Vorstandsmitglied der GLP Möhlin. Haller ist ebenfalls 20 und lebt in Wölflinswil. Er ist seit 2018 in der SP und arbeitet als gelernter Fachmann Gesundheit.

Hat die Coronakrise aus Ihrer Warte junge Menschen vermehrt politisiert?

Ilka Pfoster: Mein persönliches Empfinden ist, dass junge Menschen in letzter Zeit ein grösseres Bedürfnis haben, sich politisch zu äussern.

Fabio Haller: Ich denke nicht, dass die Coronakrise konkret die Jugendlichen mehr politisiert hat. Bei einer Krise wird generell genauer auf die Politik geschaut und wie sie mit dieser Krise umgeht. Dies beruht auf allen Altersstufen. Aber ich sehe in meinem persönlichen Umfeld keine Steigerung zum Beispiel an mehr Teilnahmen bei Abstimmungen oder grösserem Interesse daran, wie denn unsere Politik nun genau funktioniert.

Wie erleben Sie das in der eigenen Partei? Haben Sie mehr Anfragen und Beitritte junger Menschen?

Pfoster: Ja. Wir erhielten auch mehr Sympathisanten.

Ilka Pfoster befürwortet, dass geimpfte Personen Privilegien haben.

Ilka Pfoster befürwortet, dass geimpfte Personen Privilegien haben.

Zvg

Haller: Der Einsatz von uns Jungen in der eigenen Partei steigt spürbar. Aber dies geht vielmehr einher mit dem Willen nach mehr Klimaschutz und Gleichberechtigung.

Wie erleben Sie gleichaltrige Menschen in der Pandemie?

Pfoster: Gefühlt etwa zwei Drittel der Gleichaltrigen haben Verständnis für die Massnahmen und versuchen, vorsichtig und achtsam zu sein. Jedoch etwa ein Drittel hält sich weniger an die Massnahmen und bezweifelt den Sinn dahinter.

Haller: Ich merke an mir selbst und anderen, wie die Solidarität das Leid überwiegt. Jeder weiss, dass alle verzichten müssen, und jeder möchte es gerade schöner haben, aber die Hoffnung auf Besserung hält durch.

Was fehlt den Jungen aktuell am meisten?

Pfoster: Ich denke, den Jungen fehlt das Verständnis der älteren Altersgruppen, dass auch wir auf soziale Kontakte verzichten müssen, eine schwierige Jobsuche haben und keine Gewissheit haben, wann wir beim Impfen dran sind.

Haller: Wir vermissen die Freiheit ganz klar. Die Clubs am Wochenende, die Bars, Festivals, volle Stadien bei einem Fussballmatch. Es gehen wichtige Momente im Leben verloren, die man nur einmal hätte. Seien es Abschlussfeiern oder schon die Chance, neue Menschen kennen zu lernen. Vieles kann man verschieben oder nachholen, aber einmalige Momente nicht, und bei einem langen Zeitraum wie bei dieser Pandemie wird auch das Verschieben von alltäglichen Treffen immer mühsamer. Jung bleibt man nicht ewig.

Was vermissen Sie selber am meisten?

Pfoster: Ich vermisse die Vorfreude auf diverse Events wie Festivals oder grössere Familienfeste. Ausserdem freue ich mich auf die Zeit, wenn mein Niesen wegen Heuschnupfen gesellschaftlich wieder akzeptiert wird.

Haller: Den Ausgang. Einfach sich mit beliebig vielen Freunden zu treffen und sorglos etwas zu feiern.

Man hört immer wieder einmal: Die Jugend verpasst durch den Lockdown wichtige Zeiten der Freiheit. Stimmen Sie diesem Befund zu?

Pfoster: Teilweise. Wir können zurzeit schwierig neue Leute kennen lernen oder mit Freunden in den Ausgang am Wochenende. Jedoch denke ich, dass die Zeit dafür schon bald wieder kommen wird. Anderen Generation hingegen läuft die Zeit wirklich davon.

Haller: Absolut. Jeder möchte mal wieder in ein Restaurant oder in die Ferien. Es betrifft nicht nur die Jugendlichen. Am Schluss tun wir es alle für die Risikogruppen und die überforderte Pflege.

Für wie wichtig halten Sie die aktuell beschlossenen Öffnungsschritte mit Blick auf die junge Generation?

Pfoster: Ich freue mich über jeden Schritt zurück in die Normalität. Aber mir ist es wichtiger, eine weitere Welle durch langsame und kleine Öffnungsschritte zu verhindern. Denn langfristig gesehen wird unsere Generation die wirtschaftlichen Folgen ausbaden müssen.

«Vor einem Jahr geklatscht, nun vergessen», sagt Pfleger Fabio Haller.

«Vor einem Jahr geklatscht, nun vergessen», sagt Pfleger Fabio Haller.

Zvg

Haller: Sie gibt nicht wirklich mehr Freiheiten zurück. Die Lockerungsschritte sind nicht für Jugendliche gedacht worden. Sie kommen vom Druck der Wirtschaftslobby. Sie bedrohen die Chance auf einen ruhigen Sommer, in dem dann Jugendliche mehr Freiheiten hätten, da es weniger Fälle gibt. Nun kommen Öffnungsschritte direkt vor einer möglichen dritten Welle. Dies ist unverantwortlich. Es schmerzt mich vor allem persönlich als Pfleger, wie gewisse Menschen noch vor einem Jahr geklatscht haben und uns nun vergessen haben.

Was erwarten Sie von der Politik bezüglich weiterer Schritte?

Pfoster: Ich erwarte mehr Rücksichtnahme auf alle Altersgruppen. Der Bundesrat soll nicht auf Druck von Lobbys oder Verbänden entscheiden, sondern aufgrund von verlässlichen Kriterien. Ich befürworte, dass geimpfte Personen Vorteile erhalten. Und das nicht aufgrund des Alters, sondern nachdem die Risikogruppe geimpft ist, gilt: first come, first serve.

Haller: Dass man in einer Pandemie den Gesundheitsexperten zuhört – genau gleich wie man bei einer Wirtschaftskrise den Wirtschaftsexperten zuhört. Es ist unverständlich, wenn Menschen aus Brasilien einreisen und dagegen nichts getan wird. Man setzt Menschenleben aufs Spiel.

Wie beurteilen Sie die bisherige Coronapolitik?

Pfoster: Was heute gilt, kann morgen schon wieder falsch sein. Ständig wird die Strategie gewechselt und man hat keinen Verlass auf das, was gesagt wurde. Dies führt zu Verschwörungstheorien und schwächt das Vertrauen in die Politik. Das reine wirtschaftliche Denken hilft nur kurzfristig, aber verlängert die Pandemie, was langfristig schadet.

Haller: Der Bundesrat und das Bundesamt für Gesundheit werden bombardiert mit Kritik und Besserwisserei. Ich hingegen möchte mich meistens mit konkreten Forderungen zurückhalten. Man weiss nicht viel über Viren. Auch ist es die grösste Pandemie in einer so globalisierten Gesellschaft. Da kommt alles und jeder an seine Grenzen. Die Politik tut das, was sie für richtig hält. Grosse Firmenchefs wie Sergio Ermotti sind für mich die wahren skrupellosen Menschen. Jeder verzichtet, nur Menschen wie diese sacken Saläre und Boni ein bis zum geht nicht mehr.

Wurde denn für die Jungen genug getan?

Pfoster: Ich finde nicht. Ich kann nicht verstehen, warum unter 20-Jährige Privilegien bekommen haben, aber was ist mit den über 20-Jährigen? Die sind doch auch jung.

Haller: Man kann immer mehr tun. Ich denke, wir haben viele Anlaufstellen für alle möglichen Probleme, an die sich Jugendliche wenden können, wenn es nicht mehr geht. Da muss man auch selbst auf sich schauen und sich schützen. Es muss einfach ein stetiger Informationsfluss stattfinden, um dafür zu sorgen, dass sich junge Menschen nicht verlieren. Immer wieder informieren, dass ein Gespräch mit Freunden und Familie schon vieles lösen kann. Es ist eine harte Zeit, aber gemeinsam können wir sie überstehen.

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