Frick
Trotz Pandemie: Forschungsinstitut für biologischen Landbau schafft 30 neue Stellen

Vor rund einem Jahr übernahm die dreiköpfige Direktion die Nachfolge von Urs Niggli. Um die Transformation der Landwirtschaft mitzugestalten, wird ordentlich Personal rekrutiert. Derzeit arbeiten nur rund zehn Prozent der Mitarbeitenden vor Ort. Homeoffice sind die meisten Mitarbeitenden gewohnt, dennoch fehlen die Emotionen.

Dennis Kalt
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Die drei Direktoren des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau: Lucius Tamm, Knut Schmidtke und Marc Schärer (v. l.).

Die drei Direktoren des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau: Lucius Tamm, Knut Schmidtke und Marc Schärer (v. l.).

Bild: Britta Gut (25. August 2020)

Vor rund einem Jahr – am 1. April 2020 – war es, als Knut Schmidtke, Lucius Tamm und Marc Schärer die Leitung des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau (FiBL) in Frick von Urs Niggli übernommen haben. Schmidtke, Vorsitzender der Geschäftsleitung und Direktor für Forschung, Extension & Inno­vation, betonte damals, dass es zuweilen eine Herausforderung sei, die Leitung zu dritt gut zu realisieren.

Heute sagt er zurückblickend: «Der Wunsch, den wir hatten, um Dinge zu ringen, damit wir gemeinsam die beste Lösung finden, das ist uns sehr gut geglückt.»

Lucius Tamm, Direktor für Kooperationen, bestätigt dies. In einer völlig veränderten Welt sei es vorteilhaft gewesen, dass die Last der Führung des Instituts sich auf drei Schultern verteilt habe. «In einer anderen Konstellation wäre dies wohl kaum zu meistern gewesen», sagt er.

Ein nachhaltiges Ernährungssystem sichern

Ein Beispiel hierfür ist etwa die Kooperation mit den fünf weiteren in Europa verteilten Einrichtungen der FiBL-Gruppe. Diese Gruppe, bestehend aus rechtlich jeweils eigenständigen Instituten, zusammenzubringen, erfordert gemäss Schmidtke viel Fingerspitzengefühl.

Während Schärer sich hier den finanziellen Fragen und Tamm jenen der Kooperation annahm, verfasste Schmidtke zusammen mit der Leitung der anderen FiBL-Institutionen erstmals ein Papier mit einer gemeinsamen Vision, die nun alle Einrichtungen eint und die partnerschaftliche Zusammenarbeit stärkt. Schmidtke sagt:

«Das gemeinsame Ziel ist es, weltweit die Ernährung und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen durch biologischen Landbau und ein nachhaltiges Ernährungssystem zu sichern.»

Den Forschungsbetrieb aufrechtzuerhalten, damit habe das FiBL trotz Pandemie weniger Mühe gehabt. Die Informatik habe von Beginn gut funktioniert und die Mehrheit der Mitarbeitenden sei es ohnehin wegen ihrer Reisetätigkeiten gewohnt, von unterwegs oder im Homeoffice zu arbeiten, sagt Marc Schärer, Direktor für Finanzen und Administration. «Vor Ort waren zuweilen lediglich rund zehn Prozent der Mitarbeitenden, die etwa nach den Tieren oder Pflanzen schauen mussten», so Schärer.

Doch Schönreden will Schärer die derzeitige Situation nicht – im Gegenteil:

«Uns fehlt der persönliche Kontakt und mit diesem die Emotionen.»

Etwa sei vor wenigen Wochen der IT-Leiter pensioniert und via Videokonferenz verabschiedet worden. «70 Leute haben sich eingeschaltet, eine Stunde unterhielt man sich – aber es ist einfach nicht das Gleiche», sagt er.

Kommt hinzu, dass das FiBL stark in internationale Netzwerke eingebettet ist. Treffen mit Personen, die man kenne, könne man zwar über Videokonferenzen substituieren, so Tamm. Aber:

«Die Erweiterung der Netzwerke – gerade über kulturelle Grenzen hinweg – ist kaum möglich, wenn man die Personen nicht eins zu eins sieht.»

Denn Visionen oder Projektideen zu entwickeln, das passiere oft im persönlichen Gespräch.

Den Mitarbeitenden winden die Direktoren besonders für ihre Flexibilität ein Kränzchen. Etwa hat das FiBL seine Kurse nicht einfach gestrichen, sondern digitalisiert. Denn: Der Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis ist für das Institut ein essenzielles Standbein. So gestaltete auch die Leiterin des Kurses «Bio-Tofu-Herstellung» diesen komplett um und verpackte kurzerhand die Tofusets, um sie per Post zu den Teilnehmern zu schicken.

So soll das Alvarium, das zentrale Empfangs- und Tagungsgebäude, aussehen.

So soll das Alvarium, das zentrale Empfangs- und Tagungsgebäude, aussehen.

Visualisierung: zvg

Das neue Tagungsgebäude samt Aula und Restaurant soll Ende 2021 bezugsbereit sein. «Wir liegen gut in der Zeit», sagt Schmidtke. Nach dem Abschluss der Bauarbeiten sollen etwa 230 Mitarbeitende am Standort Frick tätig sein. Schärer sagt:

«Wir haben in das Budget 2021 30 neue Stellen aufgenommen.»

Diese braucht das FiBL auch. So hat das Parlament beschlossen, die jährliche Grundfinanzierung des Instituts von 7,5 auf 15 Millionen Franken bis zum Jahr 2022 zu erhöhen. «Wir sind dankbar für dieses Vertrauen, mit dem aber auch ein Leistungsauftrag verbunden ist, den wir erfüllen müssen», sagt Schärer.

Antworten für neue Problemstellungen finden

Zweifelsohne stellt der neue Forschungscampus, der seit 2018 etappenweise entsteht, eine Trumpfkarte für die Rekrutierung wissenschaftlicher Arbeitskräfte dar. «Wir brauchen eine moderne Infrastruktur, mit der wir etwa auch molekulargenetische Untersuchungen und Versuche unter kontrollierten Laborbedingungen machen können, die ‹State of the Art› sind», sagt Schmidtke:

«Da sind wir nicht anderes aufzustellen wie eine ETH Zürich.»

Ein positiver Nebeneffekt der Pandemie ist für das FiBL, dass die Menschen in Zeiten von Homeoffice, beschränkten Kontakten und Kurzarbeit mehr Zeit für sich haben und vermehrt auf eine gesunde und nachhaltige Ernährung achten. Tamm sagt, dass die Zuwächse im Lebensmittelbereich für Bioprodukte spürbar seien und dies für den Transformationsprozess der Landwirtschaft förderlich sei. Aber:

«Wenn der Anteil der biologisch bewirtschafteten Landwirtschaftsfläche von 18 auf 25 oder 30 Prozent steigt, generiert dies neue Problemstellungen.»

Erstens: Wie skaliert man die Biofläche auf solch einen hohen Anteil? Stichwort: Nährstoffversorgung der Pflanzen, Versorgung der Tiere mit Futtermittel und Saatgutproduktion. Zweitens: Wie stellt man den Biolandbau auf veränderte klimatische Veränderungen ein und gestaltet diesen selbst klimaneutral? Drittens: Wie können die gewonnenen Erkenntnisse des Biolandbaus auf die Mainstreamlandwirtschaft übertragen werden? Fragen, zu denen das FiBL in den kommenden Jahren Antworten finden will.