Etwas Freiheit ist zurück

Irma und Chris Thalmann leben in Australien. Sie haben einen der strengsten Lockdowns weltweit erlebt.

Matthias Stadler aus Auckland
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Die Fricktaler Irma und Chris Thalmann leben seit fast 50 Jahren in Australien – das Fondue darf da nicht fehlen, auch nicht während der Coronapandemie.

Die Fricktaler Irma und Chris Thalmann leben seit fast 50 Jahren in Australien – das Fondue darf da nicht fehlen, auch nicht während der Coronapandemie.

Bild: zvg

Das Schlimmste sei gewesen, sagt Chris Thalmann, dass er und seine Ehefrau Irma ihre Kinder und Grosskinder acht Monate lang nicht besuchen durften. Das Paar aus dem Fricktal lebt in der australischen Metropole Melbourne, die Ende Oktober nach fast vier Mona- ten aus einem äusserst strengen Lockdown kam. Es war der zweite, nachdem im Frühjahr schon ein solcher durchgeführt worden war.

«Am ersten Tag nach dem Lockdown, also vor wenigen Tagen, konnten wir unsere Familie endlich wieder sehen», sagt der 69-jährige Chris Thalmann. Sie hätten sich in einem Park zu einem Picknick getroffen, es sei wunderbar gewesen: «Ich habe meine Frau noch nie so glücklich gesehen wie in diesen Stunden», so Thalmann.

Eingeschränkter Radius, keine Kontakte

Australien wurde vom Coronavirus ursprünglich nicht stark getroffen. Die Regierung konnte Covid-19 dank strengem Grenzschutz und einem Lockdown im Frühjahr vergleichsweise erfolgreich vom Roten Kontinent fernhalten. Doch im Juni nahm die Anzahl Fälle in der zweitgrössten Stadt des Landes – in Melbourne – plötzlich sprunghaft zu. Die fünf Millionen Einwohner, darunter auch das Ehepaar Thalmann, mussten ab dem 9. Juli erneut einen Lockdown über sich ergehen lassen, der um einiges härter ausfiel als der erste im Frühjahr.

Die Bevölkerung durfte sich nicht mehr als fünf Kilometer vom eigenen Haus entfernen und nur für die nötigsten Besorgungen aus dem Haus. Es wurde eine nächtliche Ausgangssperre eingeführt, und es galt, sämtliche physischen Kontakte ausserhalb des eigenen Haushalts einzustellen.

Die beiden Auslandschweizer arrangierten sich gut mit der Situation, wie sie erzählen: «Da wir einen grossen Garten haben, gab es immer genug zu tun. So haben wir etwa einen neuen Sitzplatz gebaut», erzählt Chris Thalmann. «Ich weiss gar von einem Freund, der sein Haus derzeit umbaut und im Witz meinte, er wünschte sich einen noch längeren Lockdown, damit er noch mehr Zeit zum Bauen habe.» Zudem seien sie jeden Tag die erlaubte Stunde in der Nachbarschaft spazieren gegangen: «Mittlerweile könnten wir den Fünf-Kilometer-Radius rückwärts ablaufen.»

Nun ist der Lockdown in Melbourne vorbei, die Fallzahlen sind vom Spitzenwert Anfang August – über 600 Neuinfektionen an einem Tag – auf null in den vergangenen Tagen gesunken. In ganz Australien sind bis dato 907 Personen an Covid-19 gestorben, über 800 davon alleine im Bundesstaat Victoria, wovon Melbourne die Hauptstadt ist.

Thalmanns bleiben vorerst vorsichtig

Die Stadtbewohner dürfen sich nun mit Maske wieder 25 Kilometer vom Zuhause entfernen und ohne zeitliche Einschränkung an die frische Luft, wovon sie auch Gebrauch machen. Zu Beginn der Woche lockte ein Feiertag Tausende Personen an die Strände. Die nächsten Lockerungen sollen schon bald bekannt gegeben werden.

Das Ehepaar Thalmann hingegen bleibt vorerst vorsichtig. «Wir könnten wieder in Restaurants gehen oder wieder in ein Café sitzen. Doch wir sind noch nicht parat, wieder in dieses Getümmel rauszugehen.» Man wisse schliesslich nicht, wer mit dem Virus infiziert sei und wer nicht. «Wir sind ein wenig paranoid. Wir müssen uns zuerst wieder an den normalen Alltag gewöhnen», führt Chris Thalmann aus.

Endlich wieder raus zum Bauernhof

Doch für danach, wenn die Angst überwunden ist und die Massnahmen weiter gelockert sind, hat das Fricktaler Ehepaar bereits Pläne. «Wir sind schon immer viel herumgereist. Nun wollen wir so schnell wie möglich wieder einmal aus Melbourne raus. Man muss sich das mal vorstellen: Wir sitzen jetzt seit vier Monaten in dieser Stadt fest.» Die Beiden freuen sich darauf, auf ihrem kleinen Bauernhof, den sie nördlich der Stadt besitzen, wieder zum Rechten zu sehen. «Und danach wollen wir weiterreisen. Australien hat viel zu bieten», sagt der Fricktaler. Und natürlich: Die Kinder und Grosskinder wollen besucht werden.

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