Fricktal

Erinnerungen an den Samichlaus: Ein Praliné wird zur haarigen Sache

Kaspar Lüscher hat den selbst gebastelten Bart und die weissen Handschuhe all die Jahre aufbewahrt.

Kaspar Lüscher hat den selbst gebastelten Bart und die weissen Handschuhe all die Jahre aufbewahrt.

Bekannte Fricktaler erinnern sich an ihre Samichlaus-Erlebnisse – wie Kaspar Lüscher als Chlaus die Sprache verlor.

Das Schauspielern lag ihm schon immer im Blut. Kaspar Lüscher, der als Kind mit seiner Familie einige Jahre in Belgien gelebt hat, kam als Dreikäsehoch ins Wohnzimmer, sah den gefüllten Nikolausstiefel – und fand die Inszenierung, sagen wir einmal: nicht ganz so gelungen. Seine Mutter sagte zu ihm, dann solle er doch den Samichlaus selber spielen, was Klein-Kaspar dann auch tat. Mit Wattebart, Sonnenbrille, Spazierstock und im Mantel seiner Mutter gab er den Samichlaus im Wohnzimmer. Er kam gut an.

Jahre später. Kaspar Lüscher, um die 18, lebte inzwischen in der Schweiz. Er sei in der Nachbarschaft als «Schauspieler und Menschenfreund» bekannt gewesen, erzählt er. Eine Mutter fragte ihn deshalb, ob er für ihre Kinder den Samichlaus spielt.

Er sagte zu. Und wer Kaspar Lüscher, heute einer der grossen in der Schauspielerei, kennt, weiss: Wenn er eine Rolle spielt, dann will er sie perfekt spielen. Entsprechend minutiös bereitete er sich auf den Einsatz vor. Suchte Tannenzapfen im Wald, bastelte sich einen Bart aus Dichtungsmaterial, zog einen roten Mantel um, schlüpfte in weisse Handschuhe.

Die Kinder hätten ihn gleich ins Herz geschlossen, erzählt er. So sehr, dass ihm die Kleinste ein Praliné schenkte. Unverpackt. Was tun? In der Hand behalten konnte er das Schoggiding nicht, zurückgeben oder weglegen wäre unhöflich und der Bart war nicht auf Nahrungsaufnahme ausgelegt.

Er entschied sich für das Essen – oder zumindest den Versuch dazu. Denn mitsamt dem Praliné fanden auch diverse Dichtungshaare den Weg in den Mund, verklumpten da mit der Schoggimasse, sodass Kaspar ­Lüscher weder das Schoggiding runterschlucken noch weitere Worte absondern konnte. Rausnehmen geziemte sich nicht und so beschränkte Lüscher seinen Wortfluss notgedrungen auf ein «Mmmm, mmmm» – und verabschiedete sich mit einem ebensolchen Gemurmel. Seit da hat Lüscher den Samichlaus nie mehr gegeben.

Mehrfach gespielt hat ihn dagegen Philipp Weiss. Er war als Kind und junger Erwachsener in der Jungwacht in Klingnau, die den Samichlaus organisiert. In Erinnerung geblieben ist Weiss der Chlauseinzug, der traditionell am 1. Advent stattfindet und jeweils Hunderte von Besuchern anlockt. «Das war ein besonderer Moment», erzählt Weiss.

Das Chlausglöcklein ­klingelt nun im Kino

Er selber absolvierte zuerst «einige Lehrjahre» als Schmutzli, bevor er zum Chlaus befördert wurde. Als solcher zog er, in ein ausgedientes Bischofsgewand gehüllt, mehrere Jahre um den 6. Dezember in Klingnau von Haus zu Haus. «Es war spannend, Familien kennen zu lernen und zu sehen, wie sie funktionieren», erzählt er, lacht. «Und es war eine Super-Möglichkeit, in Häuser zu sehen, in die man sonst wohl nie blicken könnte.»

Die Informationen, was zu sagen ist, bekamen er und die anderen Klingnauer Samichläuse jeweils im Vorfeld. Die Gaben lagen dann meist im Milchkasten. «Wir staunten ob manche einem wirklich teuren Geschenk und fragten uns, was die Kinder dann wohl zu Weihnachten bekämen», so Weiss.

Mehr als einmal wurden er und sein Schmutzli dafür eingesetzt, Sachen geradezubiegen, welche die Eltern verbockt haben. Wieder lacht er. «Ich dachte dann jeweils, eigentlich müsste ich den Eltern auch eine Standpredigt halten.» Er liess es.

Gut erinnert sich Weiss noch an einen kleinen Jungen, den er anhalten sollte, braver zu sein. Nur: Den Standardspruch, «wenn Du dich nicht besserst, nimmt die der Samichlaus mit», quittierte der Junge mit einem: «Ou, ja!» Da er auch im kommenden Jahr wieder mitkommen wollte, nahm ihn Weiss zum nächsten Hausbesuch mit. «Er war zufrieden und ging wieder nach Hause.»

Es sei eine schöne Zeit gewesen, blickt Weiss zurück, nimmt das Glöcklein, das ihm seine Partnerin Martina Welti bringt, klingelt. «Das ist noch aus dieser Zeit», erzählt er dann. Seit die beiden Fricks Monti betreiben, dient es als Pausenglöcklein, das zur Fortsetzung des Films ruft.

Wie Annemarie Pieper in den Sack befördert wurde

Weniger gute Erinnerungen an die erste Begegnung mit dem Samichlaus hat die Philosophin Annemarie Pieper. Nach Kriegsende seien Nikolaus und sein Knecht Ruprecht, wie das Gespann in Deutschland heisst, in den Kindergarten gekommen und habe jedem braven Kind ein Bonbon versprochen. «Wir sollten ein Gedicht oder ein Weihnachtslied vortragen», erzählt Pieper. «Ich brachte angesichts der beiden riesigen, auf mich bedrohlich wirkenden Kerle keinen Ton heraus.»

Da packte sie der Knecht unversehens und beförderte sie «ziemlich grob» in seinen Sack. «Ich hörte die anderen Kinder schreien, während ich in einer Art Schockstarre auf mein Ende in der Finsternis wartete.» Der Spuk sei dann zum Glück schnell wieder vorbei gewesen. Pieper wurde aus ihrem Gefängnis befreit und Nikolaus schenkte ihr zum Trost ein Bonbon. «Aber noch heute wecken die beiden Gestalten bei mir klaustrophobische Gefühle, verbunden mit der Empfindung kratziger Jute auf meinem Gesicht und dem Geruch muffiger Kartoffeln.»

Sie sei wahnsinnig aufgeregt gewesen, erinnert sich SP-Gross­rätin Elisabeth Burgener an einen Samichlaus-Besuch, als sie etwa zehn Jahre alt war. So aufgeregt, dass sie statt dem gelernten Samichlaus-Sprüchlein ein Sommer-Sprüchlein aufsagte. Alle lachten. Von da an fand sie jedes Jahr im Samichlaus-­Säckli eine Dekoblume. «Später habe ich dann herausgefunden, dass meine Gotte die Blume jeweils in den Sack steckte.»

SVP-Grossrat Christoph ­Riner hat als Kind immer darüber gestaunt, wie gut der Samichlaus Bescheid wusste, was er in den letzten Monaten gut und was er weniger gut gemacht hatte. «Das hat seine Wirkung nicht verfehlt», sagt er. Wenn er unter dem Jahr wieder einmal laus­bübisch unterwegs war, erinnerte er sich, dass das der Samichlaus ja dann wieder wüsste. «Manchmal liess ich mein Vorhaben dann», sagt er, schmunzelt. «Aber nicht immer.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1