Laufenburg
Eine Künstlerin mit Durchhaltewillen – Corona kann ihre Kreativität nicht bremsen

Dora Freiermuth stellt in Laufenburg aus profanen Dingen Kunst her. Die aktuelle Krise hat ihre Kreativität nicht gebremst.

Peter Schütz
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Dora Freiermuth mit der Krone aus leeren Nespresso-Kapseln, die sie 2019 anlässlich einer Ausstellung zum 1000-Jahr-Jubiläum des Basler Münsters geschaffen hat, und den Backsteinen aus Zeitungspapier.

Dora Freiermuth mit der Krone aus leeren Nespresso-Kapseln, die sie 2019 anlässlich einer Ausstellung zum 1000-Jahr-Jubiläum des Basler Münsters geschaffen hat, und den Backsteinen aus Zeitungspapier.

Peter Schütz

Karton, Draht, Papierschnitzel, Haare, Korkzapfen, Kaffeefilter, abgefallene Ginkgoblätter, neuerdings sogar Bananenschalen und Schwämme: Dora Freiermuths Archiv an Dingen, die vielfach im Recyclinghof oder in der Mülltonne landen, ist enorm. Aufbewahrt in Kartonschachteln in ihrem Atelier in der Laufenburger Altstadt, harren sie einer kreativen Aufwertung zu Kunstwerken.

Freiermuth sorgt damit immer wieder für Aufsehen, wie 2004 in Bad Säckingen, wo sie auf die damaligen Sparzwänge mit der Installation «Homo ­sapiens illudens» reagiert hat. Der Ausstellungstitel entbehrte jeglicher wissenschaftlichen Grundlage und bedeutete in etwa «der sich selbst täuschende Mensch». Freiermuth platzierte 100 gesichtslose Figuren ohne Ohren, Arme und Beine in einen Raum, hergestellt aus Haushaltspapier, das die Tropfen einer undichten Kaffeemaschine aufgesogen hatte.

Parallelen zur Situation von 2004

Eine dieser Figuren befindet sich im Atelier, stocksteif, als ob sie angesichts der aktuellen Lage ungläubig erstarrt wäre. Tatsächlich gibt es Parallelen zu der Situation von 2004, wenngleich aus anderen Gründen: Wegen Covid-19 findet so gut wie nichts statt. Künstlerinnen wie Dora Freiermuth trifft es besonders hart: keine Ausstellungen und wenig Aussicht auf Besserung. Was geplant war, ist entweder abgesagt oder verschoben worden. Gefragt nach Plänen für 2021 antwortet sie: «Keine Ausstellungsanfragen. Ich werde weiterhin jeden Tag ins Atelier gehen. Durchhaltewillen ist gefragt.»

Was für sie auch schwer wiegt: Weil Museen und Galerien geschlossen sind, findet kein Austausch statt. Der ist jedoch ihrer Meinung nach nötig, denn der Besuch einer Ausstellung ist für sie Weiterbildung, Inspiration, Nahrung für die Seele. «Kunst erzeugt Kunst», sagt sie, «es bringt einen weiter.»

2020 hatte Freiermuth immerhin zwei Ausstellungen: Eine in Basel, die im April hätte stattfinden sollen, dann jedoch in den Oktober verschoben und eine Woche nach Eröffnung wieder geschlossen wurde. Den zweiten Auftritt hatte sie in der Kurbrunnenanlage in Rheinfelden, wo sie getrocknete Bananenschalen zu Schriftbildern anordnete.

Hand nach Operation ­immer noch eingeschränkt

Einen persönlichen Rückschlag hatte sie auch noch zu verkraften, als sie wegen eines Karpaltunnelsyndroms die rechte Hand einer Operation unterzog und sechs Wochen lang nicht arbeiten durfte. Die Operation verlief nicht zu ihrer Zufriedenheit, die Hand ist nach wie vor sehr eingeschränkt.

Dora Freiermuth gab nicht auf, wechselte die Seite: Sie begann einen medizinischen Text mit links abzuschreiben, jeden Tag denselben, und stellte fest, dass es immer besser ging, sodass sie ein zunehmend schöneres Schriftbild hinbekam. Ihre künstlerische Arbeit nahm wieder an Fahrt auf. «Kreativität will raus, da versucht man alles».

Letzter Akt: kleine Skulpturen aus Schwämmen, wie sie beim Jassen verwendet werden. Ausserdem Backsteine aus Zeitungspapier, die sie mit einem Flüchtling geformt und gepresst hat. Damit wollte sie eine Mauer auf der Laufenbrücke bauen. Titel: «mauern». Auch hier wurde sie von der Realität eingeholt, als im Frühjahr 2020 die Grenze zu Deutschland geschlossen wurde.

1960 geboren und aufgewachsen in Zeiningen, hat Dora Freiermuth die meiste Zeit ihres Lebens im Fricktal verbracht. Seit zehn Jahren lebt sie in Laufenburg. Ihren Mann Rolf Baumgartner, auch er ein Künstler, hat sie nach einer Krankheit verloren. Auch die Kunst hat sie aufgefangen, mittlerweile hat sie für Ausstellungseinrichtungen ihren Sohn Gian-Luca als rechte Hand und ihre Freundin Grety Greber zur Seite.