Konkurs

Ein letzter Applaus: «Der Circus Nock gehörte zum Dorf»

Damals war die Zirkuswelt noch in Ordnung: Ein Clown verabschiedet sich 2017 bis zur nächsten Vorstellung.

Der Circus Nock ist Geschichte. Er verkörperte auch ein Stück Heimat. Ein letzter Applaus.

Den Circus Nock gibt es nicht mehr. Am Freitag teilten die Familien Nock überraschend mit, dass sie den Zirkusbetrieb per sofort einstellen. Ein Jahr vor dem 160-Jahr-Jubiläum, das der Zirkus mit seinen Fans gross feiern wollte, muss er einen Schlussstrich ziehen. Es ging finanziell nicht mehr (siehe Box unten). «Die leuchtenden Augen unserer grossen und kleinen Zuschauer bei unseren unzähligen Auftritten und derjenigen unserer grossartigen Artisten werden für immer in unserer Erinnerung bleiben.»

Immer in Erinnerung bleiben wird der Zirkus auch den Fricktalern, verkörperte er doch ein lieb gewonnenes Stück Tradition, ein Stück Heimat, ja: ein Stück gemeinsamer Weg. Die AZ spendet den Familien Nock in einer zweiteiligen Artikelserie einen letzten Applaus mit sieben persönlichen Erinnerungen.

Ganz nah dabei war Bernhard Stöckli. Er wuchs in der Nähe der Fricker Ebnet auf, dort also, wo der Circus Nock jedes Jahr seine Premiere feierte. «Als Kinder waren wir vom ersten Wagen, der kam, bis zum letzten Wagen, der wegfuhr, vor Ort», erinnert sich der Landschaftsarchitekt. Sie hätten immer mitgeholfen, sagt Stöckli, lacht. «Aus Erwachsenensicht standen wir wohl eher im Weg herum.»

Weggeschickt hat sie nie jemand. Das hätte nicht zur Familie Nock gepasst, die stets eine Herzlichkeit ausstrahlte und eine familiäre Atmosphäre vorlebte. Im Gegenteil: Bernhard und die anderen Kinder durften mitanpacken, durften «wichtige Dinge» (aus damaliger Kindersicht) herumtragen, durften helfen beim Einhängen der Sitzbänke. Durch die Bänke hindurch schauten sie dann jeweils zu, wie die Familie und die Artisten probten. Wieder lacht Bernhard Stöckli. «Wir kannten das Programm schon vor der Premiere in- und auswendig.

Es sei schon ein komisches Gefühl gewesen, als in diesem Frühling keine Premiere stattfand, als nirgends Plakate hingen. Das lag daran, dass der Zirkus die Saison 2019 stark verkürzen wollte, um finanzielle und konzeptionelle Ressourcen für die Jubiläumstournee 2020 generieren zu können. Dazu kommt es nun nicht mehr.

«Es ist schwierig geworden, die Leute für Zirkus zu begeistern»: die Nock-Chefinnen im Interview

«Es ist schwierig geworden, die Leute für Zirkus zu begeistern»: die Nock-Chefinnen im Interview

Die Schwestern Alexandra und Franziska Nock leiten gemeinsam den Circus Nock. Im SommerTalk mit Luca Laube sprechen sie über Herausforderungen im Zirkusalltag. (Juli 2018)

Bernhard Stöckli, inzwischen zweifacher Vater, bedauert das Aus für den Zirkus sehr. Er ging in den letzten Jahren jeweils mit seinen Kindern zum Nock, auch, um ihnen die Tiere zu zeigen. Im letzten Jahr zog der Fricktaler Zirkus mit Lamas, Kamelen, Eseln, Ponys und Pferden durch die Schweiz. «Der Besuch war jedes Mal ein spezielles Erlebnis», so Stöckli.

Duft nach frischem Popcorn

Dieses Erlebnis gibt es nun nicht mehr. «Man merkt oft erst, wenn etwas nicht mehr ist, wie wertvoll es eigentlich war», bilanziert Stöckli. Dass der Zirkus im März kommt, dass er den Frühling einläutet, sei für ihn immer selbstverständlich gewesen. «Der Circus Nock gehörte zum Dorf», so Stöckli, auch wenn er sein Winterquartier im Nachbardorf hatte. «Er war auch unser Zirkus.» Die Erinnerungen daran wird Stöckli nie vergessen.

Zirkus-Familie Nock – historische Bilder:

Ähnlich geht es SVP-Grossrat Christoph Riner. Auch er, der Zeiher, war als Kind regelmässig im Zirkusrund. Er erinnert sich gut und gerne an die Vorstellungen, an dieses «Highlight im Jahr» – und hat, wenn er daran denkt, immer diesen speziellen Duft nach frischem Popcorn und Sägemehl in der Nase. «Es ist einfach nur brutal schade, dass der Zirkus seinen Betrieb einstellen muss», meint er. «Für mich bricht ein Stück Heimat weg.» Noch heute kommt ihm jedes Mal, wenn er durch Frick in Richtung Gipf-Oberfrick fährt, der Circus Nock in den Sinn, immer dann, wenn er an der Ebnet vorbeifährt. Dort, wo bisher einmal im Jahr die Familie Nock ihr Zirkuszelt aufschlug, dort, wo die Nock-Leuchtschrift den Nachthimmel erhellte, dort, wo mehr als eine Woche lang – die Proben inklusive – Zirkusmusik aus dem Zelt hallte.

Auch für Michael Widmer, Gemeindeschreiber von Frick, hinterlässt das Nock-Aus eine Lücke. Widmer war zwischen 1998 und 2004 Gemeindeschreiber in Oeschgen. «Immer im März kamen die Arbeiter und Artisten auf die Gemeindekanzlei und meldeten sich an», erinnert er sich. Da habe auf der Einwohnerkontrolle jeweils reger Betrieb geherrscht. Ein halbes Jahr später meldeten sich die Saisonniers dann wieder ab. Auf einer Gemeinderatsreise verschlug es die Reisetruppe aus Oeschgen einmal ins sankt-gallische Wil. Und wer war schon vor ihnen da? Der Circus Nock. Ein Stück Heimat in der Fremde. «Wir besuchten dann geschlossen eine Vorstellung», erinnert sich Widmer.

Rolle auf den Leib geschrieben

Zu seiner Zeit als Gemeindeschreiber von Oeschgen leitete Franz Nock das Familienunternehmen; in den letzten Jahren wurde der Zirkus von den Nock-Schwestern Franziska und Alexandra in siebter Generation geführt, Franz und Verena Nock waren aber immer noch aktiv mit von der Partie. Widmer erinnert sich noch gut an die Begegnungen mit Franz Nock. «Die Rolle des Zirkusdirektors war ihm auf den Leib geschrieben.» Wenn Franz Nock die Manege betrat, seinen dannzumal noch kleinen Enkel an der Hand, habe man deutlich gespürt: Er und die Familie leben für den Zirkus, leben für das Zauberwort: «Manege frei!»

Dieses Wort hat seinen Zauber für die Familie Nock wie auch für viele Fricktaler nun verloren. Leider.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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