Wahlen 2019

Digitaler Wahlkampf: Wie sich die Fricktaler Kandidaten auf ihren Internet-Seiten präsentieren

Die AZ hat die Internet-Seiten der Fricktaler Nationalrats-Kandidierenden unter die Lupe genommen und sie getestet.

Verflixt. Der Wahltag naht – und noch immer prangt bei manch einem Wähler ein dickes Fragezeichen auf der Stirn: Wen soll ich bloss wählen? Köpfe hats nun wirklich genug, allein aus dem Fricktal wollen 55 nach Bern. Und diese Köpfe äugen einen, breit lächelnd, von den Kandelabern herab an, rufen einem förmlich zu: Wähl mich! Aber was geht in diesen Köpfen ab (so weit man das wissen möchte), für was stehen deren Inhaber?

Nun gibt es etliche Optionen der Annäherung: Man studiert die Parteiprogramme, Wahlversprechen und Leistungsausweise der Kandidaten. Das ist zielführend, braucht aber Zeit. Oder man besucht Wahlveranstaltungen.

Auch das ist nichts für das schmale Zeitbudget. Oder man folgt den Kandierenden in den sozialen Medien auf Schritt und Tritt. Doch will man wirklich jedes Schrittchen und verbale Rülpslein mitbekommen?

Dann gibt es noch das gute, alte – Internet. Als zeitloser Zeitgenosse ist man hier goldrichtig; die Websites bieten alles Wissenswerte innert weniger Clicks – oder sollten es zumindest. Doch wie gut sind die Startseiten? Was verraten sie?

Die AZ hat den Test mit den Homepages der 14 Fricktaler Kandidierenden auf den Hauptlisten der grossen Parteien gemacht. Drei Punkte fallen dabei auf: Wirklich schlechte, verstaubte und unbewirtschaftete Websites gibt es, anders als noch bei den Nationalratswahlen vor vier Jahren, heute kaum mehr.

Ein Auftritt im virtuellen Raum gehört, zweitens, bei den Wahlen 2019 zwingend dazu. Auch das war vor vier Jahren noch nicht so; damals setzten etliche Kandidaten noch voll auf Flyer und das Face-to-Face-Prinzip.

Die virtuellen Prioritäten setzen die Kandidierenden, drittens, unterschiedlich. Einige sehen mehr Wahlprofit bei Facebook, Twitter und Instagram, andere in einem umfassenden Internetauftritt.

Virtuell kaum präsent – zumindest als Nationalratskandidat – ist der Grüne Andreas Fischer. Eine eigene Homepage sucht man vergebens. Er sei auf den Parteiwebsites zu finden, sagte er im August zur AZ. «Für die aktive Bewirtschaftung eines eigenen Internetauftrittes fehlt mir derzeit nebst Beruf, Politik und Familie die Zeit.»

Von Marion Pfister (CVP) findet man zwar eine Website, diese sagt einem aber: «Coming soon». Sie sei über die sozialen Medien präsent, sagte sie der AZ im Sommer, für eine eigene Website fehle ihr aber wohl die Zeit, um es seriös zu machen.

Landschaftsbilder sind bei diesen Wahlen der Hit

Sucht man bei den Kandidaten, die eine Homepage haben, nach einem Trendsetter, so sind es Landschaftsaufnahmen. Gleich mehrere Kandidaten posieren auf der Startseite vor imposanten Landschaften – selbstredend Fricktaler Landschaften.

Die beste Bild-Slogan-Kombination liefert dabei Christoph Riner ab: «Ächt bodenständig» sei er, liest man da. Die wichtigsten Infos über ihn findet man auf der Startseite, wobei man sich fragen kann, ob die Frage im Introtext, wo er die Ferien am liebsten verbringe, für die Wahl wirklich zentral ist. Der Vollständigkeit halber: Es ist die Surselva. Gerne schaut man sich auch die Bildgalerie an. Unser Highlight: Der bekränzte Riner.

Seine Parteikollegin Désirée Stutz sagt sich da: Was der Riner kann, kann ich auch, Gottfried Stutz – und trumpft ebenfalls mit einem Landschaftsbild, diesmal Möhlin, auf. «Gradlinig, auch bei Gegenwind» sei sie – und gradlinig führt der Mauszeiger zu den «Nächsten Terminen».

Nur: Anklicken lässt sich da im Oktober nichts, nicht mal der 20. Oktober, also der Wahltag. Informationen findet man, klickend, derweil viele. Auf der Startseite hat es, für unseren Geschmack, etwas gar viel Werbung für andere SVPler (Ständeratskandidat Hansjörg Knecht, Regierungsratskandidat Jean-Pierre Gallati).

Nichts vormachen kann man dem alten Hasen im Nationalrat, Maximilian Reimann (SVP), der diesmal auf einer eigenen Liste antritt. Seine Website ist gespickt mit Informationen, im Hintergrund schimmert das Bundeshaus durch. Beim Teaser-Bild – Reimann vor der Holzbrücke in Stein – allerdings stutzt man beim Slogan.

«Der beste Brückenbauer ist die Unabhängigkeit», steht da. Hm, nach unserem Sprachempfinden würden wir «Die beste Brückenbauerin» erwarten. Noch einmal stutzt der Leser, wenn er nach unten scrollt und in grossen Lettern liest: «Wie lange noch mit 70 zum Medizinalcheck?» War da nicht was? Doch, doch, Reimanns Vorstoss, den Alterscheck für Autofahrer erst ab 75 durchzuführen, nahmen die eidgenössischen Räte an – und die neue Regelung ist seit Januar in Kraft.

Wenn das Runde zum Eckigen wird

Bei Gaby Gerber (FDP) fehlt einem das Runde. Die FDP-Politikerin wirbt an den Strassenrändern mit runden Plakaten. Dieses Element vermisst man auf ihrer Website – mal abgesehen von den prominenten Unterstützern, die aus einem runden Bild heraus werben. Die Seite selber ist informativ und gut strukturiert. Man erfährt da auch, dass man eigentlich mit Frau Gerber per Du ist, irgendwie zumindest, steht doch da: «Gaby – für mehr Wirtschaft in Bern.»

Ihr Parteikollege Bruno Tüscher ist «pragmatisch offen statt ideologisch zu» und lädt einen, ganz pragmatisch, bereits auf der Startseite ein, ihn mit Spenden zu unterstützen. Die Startseite ist etwas wirr, doch klickt man sich durch, erfährt man vieles über den Gemeindeammann von Münchwilen, etwa, dass er «eine freundliche und aufgestellte Persönlichkeit» ist, die «motiviert ist, Neues zu lernen».

Werner Müller (CVP) veröffentlicht als einziger der 14 Fricktaler Kandidaten auf den Hauptlisten bereits auf der Startseite seinen Spider, der dem nach einem Wählbaren Suchenden optisch zeigt: Er ist es – oder nicht. Die Startseite, im CVP-Orange gehalten, kommt ansonsten recht textlastig daher.

Ganz anders die Seite seines Parteikollegen Alfons P. Kaufmann. Der Malermeister erzählt in Bildern, für was er steht – und was ihn umtreibt. Als Unternehmer kenne er die Basis, steht etwa da, und er sei «für Sie fit für Bern». Das Bild dazu: Kaufmann auf dem Bike. Der Text ist bisweilen etwas kryptisch, so weiss man auf Anhieb mit dem Eintrag «Grossartige Unterstützung durch Bio Suisse» wenig anzufangen. Des Rätsels Lösung: Bio Suisse schlägt Kaufmann zur Wahl vor.

Das Bild spricht, sagt sich auch Gertrud Häseli (Grüne) und zeigt in Bildern, für was sie einsteht. Für Bio, für eine Schweiz ohne AKW, für Fair Food, für Bildung – und für Südafrika? Weshalb sie die Fahne des afrikanischen Staates in den Händen hält, erschliesst sich dem Schnellleser jedenfalls nicht auf Anhieb – und einen Text zum Bild gibt es nicht. Ein Anruf bei der Politikerin verschafft Klarheit: «Für Solidarität, denn wir sind ein Teil dieser Welt.»

Rolf Schmid (SP) liebt es kurz und prägnant. «Menschen vor Profite. Es ist Zeit.», steht auf seiner Startseite. Er weiss: «Als junger, gutgebildeter, weisser Mann mit Schweizer Pass bin ich enorm privilegiert.»

Dies verpflichte, Verantwortung zu übernehmen. Derweil kann der Besucher gleich seine Verantwortung übernehmen – und Schmids Wahlkampf finanziell unterstützen. Etwas arg prominent lädt Schmid zur finanziellen Unterstützung ein, die man gleich online und per Paypal erledigen kann.

Die Suche nach dem Button endet oben rechts

Die Startseite von Carole Binder-Meury, ebenfalls SP, kommt aufgeräumt daher. Ein grosses Porträtfoto – natürlich ebenfalls eingebettet in die heimische Landschaft –, ein angenehm kurzer Text. Wer allerdings mehr erfahren will, der sucht im ersten Moment krampfhaft nach dem Button – und findet ihn schliesslich oben rechts und nicht links, wie man erwarten könnte.

Béa Bieber (GLP) zeigt sich als «kompetente Macherin aus dem Fricktal» und untermauert dies auch mit ihrem breiten Leistungsausweis. Sie bindet auf der Startseite auch gleich ihr Instagram-Profil ein, das eine Mischung aus politischen und privaten Impressionen ist. So erfährt man, dass Bieber ja sonst schon eine Verfechterin des öV ist. «Aber in den neuen SBB-Wagen machts noch mehr Spass. #sbb #sanft.»

Die Homepage ihres Parteikollegen Michael Derrer (GLP) kommt eher textlastig und etwas altbacken daher. Dafür kann man sie sich auf Englisch und Russisch übersetzen lassen. Letzteres, weil Derrer Schweizer Unternehmen bei der Geschäftsentwicklung in Osteuropa unterstützt.

Als kleines Schmankerl findet sich auf Derrers Seite der Link zu seinem Wahlsong «Der Grind». Diesen hat der Unternehmer selber komponiert, getextet und singt ihn gleich auch selber, unterstützt von einem Kinderchor. Frei nach Robert Lembke und Michael Derrer bleibt eine Frage: Welches Grinderl hätten Sie nun gerne?

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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