Fricktal
Diese Chauffeurin liebt ihre Arbeit – auch wenn Schüler ihren Müll liegen lassen

Simone Hanke stammt aus Thüringen, ist Postauto-Chauffeurin und liebt ihren Job. Für manche Stammgäste ist sie eine Beraterin in Lebensfragen. Es gibt aber auch Passagiere, die sie verärgern, wenn sie ihren Müll im Fahrzeug liegen lassen.

Florian Binder
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Volle Konzentration auf die Strasse: Simone Hanke an ihremArbeitsplatz.

Volle Konzentration auf die Strasse: Simone Hanke an ihremArbeitsplatz.

fbi

Es ist 15.20 Uhr und Simone Hanke (45) betritt ihren Arbeitsplatz, der noch bewegungslos auf dem Bahnhofplatz Frick steht, und durch das Drehen des Zündschlüssels dröhnend und zitternd zum Leben erwacht.

Im Inneren des elf Tonnen schweren gelben Strassenriesen sitzen bereits eine Handvoll Gäste still auf den Sitzen verteilt und warten darauf, dass die Fahrt beginnt. Der von Simone Hanke gesteuerte Bus mit der Nummer 135 fährt schwungvoll in einem weit ausholenden Bogen über den Vorplatz und fädelt sich schnell und erstaunlich leicht in den Verkehr ein.

Hanke trägt eine schwarze Sonnenbrille, ihre beringten Hände umfassen das grosse Lenkrad und ziehen nach links, ziehen nach rechts. Der ergonomische Sitz, auf dem sie Platz genommen hat, gleicht die Unebenheiten der Strasse aus und federt langsam auf und ab.

Das Fahrzeug, das die Chauffeurin nun zum Laufenburger Bahnhof lenkt, ist eines von über 2200 der Postauto Schweiz AG, die tagtäglich auf den Schweizer Strassen 380 000 Menschen von A nach B transportieren.

Vorher arbeitete sie im Spital

Simone Hanke, die aus Thüringen stammt und gelernte Berufskraftfahrerin ist, liebt ihre Arbeit: «Ich habe viel mit Menschen zu tun. Für manche Stamm-Fahrgäste werde ich auch schon mal zur Beraterin für Lebensfragen«, sagt sie beim Gespräch augenzwinkernd und lacht.

Die Arbeit im Spital, die sie vorher ausgeübt hatte, habe ihr nicht gefallen und sie sei froh, nun hier im Fricktal arbeiten zu können. «Bei all den netten Kollegen», wie sie meint.

Sie, die in der deutschen Stadt Nordhausen auch als Taxifahrerin gearbeitet hat, bekam die Leidenschaft für die Strasse in die Wiege gelegt, denn: «Fast jeder in der Familie fährt irgendetwas», sagt Simone Hanke, «egal ob Taxi, Lastwagen oder Bus, Hauptsache, es hat Räder und fährt. Mein Vater hat auch den Lastwagenführerschein gemacht.»

Das Postauto fährt an Rebstöcken und prächtig blühenden Obstbäumen vorbei und schlängelt sich der Strasse entlang den Hügeln des Fricktals empor. In der Zwischenzeit hat sich der Bus langsam gefüllt und an jeder Haltestelle mehr Menschen aufgenommen, als ausgestiegen sind.

Es herrscht eine mittäglich-matte Stimmung, die Menschen reden nicht viel, sie schauen entweder auf ihre Smartphones oder aus dem Fenster. Es sind Schulferien. Nur eine Gruppe jugendlicher Frauen, die zu fünft das Viererabteil in Beschlag nehmen, unterhält sich ausgelassen, und ihr freudiges Gelächter vermischt sich mit dem tiefen Brummen des Motors.

An anderen Tagen ist das Postauto gerammelt voll mit Schülern, die den Heimweg antreten. Dann ist jeder Platz besetzt, und ein lautes Gemurmel und Geschwatze erfüllt den Bus, wie das Gesumme den Bienenstock.

Manche der Kleinen erzählen sich lauthals Geschichten, werfen sich Prahlereien über die Sitzreihen hinweg zu und schlürfen genüsslich an ihren Dosengetränken. Die zusteigenden Leute, die keinen Platz finden, stehen wankend im Gang und halten sich irgendwo fest, darum bemüht, in den Kurven nicht hinzufallen.

«Zu Stosszeiten ist es manchmal schwierig, den Fahrplan einzuhalten», sagt Hanke, «denn bis alle Leute ein- und wieder ausgestiegen sind, vergeht schon ein Weilchen.»

Auch der Stau führe zu Verspätungen und damit letztlich zu Stress. Doch wie Simone Hanke von sich selber sagt: «Das ist kein Problem, ich mag es stressig.» Aber über den Müll, den manche Schüler zurücklassen, rege sie sich auf. «Denn schliesslich müssen wir Fahrer den Bus anschliessend auch wieder reinigen.»

Das Postauto erreicht nun nach etwa einer Viertelstunde Fahrt die Endstation: Laufenburg Bahnhof. Die Türen öffnen sich, und aus dem Bus strömen die zahlreichen Gäste heraus und verteilen sich in alle Himmelsrichtungen.

Chauffeurin Simone Hanke schliesst die Türe, auf der Anzeigetafel des Busses erscheint nun kein Stadtname, sondern: «Dienstfahrt» – und mit leerem Bus braust sie wieder über die Hügel in Richtung Frick davon.