Im August des nächsten Jahres führt das Theater Magden das Freilichttheater «Deschliken 1437 – Letzte Stunden eines Dorfes» auf. An die Siedlung «Deschliken» erinnert heute noch ein Magdener Flurname. Einige Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner kennen ausserdem die Sage um den Untergang des Dorfes – einer von ihnen ist der 79-jährige Werner Rothweiler.

Er selber sei kein Sagenforscher, habe sich aber im Rahmen der Arbeit für die «Magdener Dorfgeschichte» mit den Fricktaler – und insbesondere mit den Magdener – Sagen befasst. Vor bald 20 Jahren hatte er auf Anfrage von Gemeindeammann Brunette Lüscher die Projektleitung des Werks übernommen, das anlässlich des 1200-Jahr-Jubiläums der Gemeinde 2004 veröffentlicht wurde. Seither hat er sich durch die Publikation verschiedener historischer Beiträge einen Namen gemacht. Der promovierte Chemiker ist Mitglied der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau.

Erst später aufgeschrieben

«Das Fricktal war unter vorderösterreichischer Herrschaft eine mehr oder weniger in sich geschlossene Region. Kaum jemand schrieb die Geschichte der hiesigen Bevölkerung auf», sagt Rothweiler. Geschehnisse wurden vielmehr mündlich weitergegeben und nahmen nach grösserem zeitlichem Abstand die Form von Sagen an, die erst im 19. Jahrhundert aufgeschrieben wurden, schildert Rothweiler.

Die «Fricktalisch-Badische Vereinigung für Heimatkunde» hat die Fricktaler Sagen gesammelt und im Rahmen ihrer Jahrbücher«Vom Jura zum Schwarzwald» herausgegeben. Die Initiative ging vom Kaister Lehrer Traugott Fricker aus, der 1933 die Lehrer der Bezirke Rheinfelden und Laufenburg um Mitarbeit bat. So stammten einige Fricktaler Sagen sogar aus Schüleraufsätzen, welche Lehrer in Auftrag gegeben hatten. «Diese Geschichte ist im Vorwort zur dritten Auflage ‹Sagen aus  dem Fricktal› von 1987 vom Rheinfelder Bezirkslehrer Arthur Heiz festgehalten worden», erklärt Werner Rothweiler, der manche dieser «Mitstreiter» persönlich kannte.

Zwei Ereignisse vermischt

Im Gegensatz zu Märchen gründen Sagen auf Ereignissen, die weit in der Vergangenheit zurückliegen. «Durch die mündliche Weitergabe über Generationen wurden verschiedene Begebenheiten miteinander vermischt», so Rothweiler. Ein Beispiel sei die «Däschliker Sage». Zwei Ereignisse, die nichts miteinander zu tun hatten, sind darin enthalten: Der Untergang der Siedlung Däschlikon (oder auch: Deschliken) anno 1437 durch einen Erdrutsch und das grosse Unwetter vom 6. August 1748 über dem Halmet, bei dem 83 Menschen starben. «Dazwischen liegen 311 Jahre oder 11 Generationen und nochmals sechs bis sieben Generationen, bis zur schriftlichen Aufzeichnung der Sage», sagt Rothweiler.

Etwas Wahres ist an der Sage um Deschlikens Untergang aber dran. Der Gelterkinder Geografie-Professor Paul Vosseler (1890-1979) nennt in seiner Habilitationsschrift «Der Aargauer Jura» (1926) das Jahr 1437 für den Abgang Deschlikens, allerdings ohne Angabe einer Quelle. «Recherchen in Vosselers Nachlässen in der Uni-Bibliothek, im Staatsarchiv Basel-Stadt wie auch im von Sohn Martin bewohnten Haus blieben leider erfolglos. Ich nehme an, dass Paul Vosseler eine uns unbekannte Quelle hatte», vermutet Rothweiler.

Backsteine als Beweis

Für Vosselers Nachfolger, den Basler Professor Hans Annaheim (1903-1978), lieferte das Gelände den Realbeweis für die These der Verschüttung Deschlikens durch einen Erdrutsch vom Halmet. Bei Drainage-Arbeiten in den 1940er-Jahren sind auf der Flur Deschliken Backsteine und Ziegelreste zum Vorschein gekommen, die auf das verschüttete Dorf hinweisen.

Für Werner Rothweiler ist es sinnvoll, das Thema Sagen im Schulunterricht zu behandeln. «Sagen haben meist einen historischen und sozialen Bezug, der den Schülerinnen und Schülern im Geschichts- und Deutschunterricht oder auf einer Schulreise vermittelt werden kann.» Es bleibe jedem Einzelnen überlassen zu beurteilen, wie er oder sie eine Sage gewichten wolle. Je nach Beruf, Hobbies, gesellschaftlicher Orientierung oder Herkunft könne der Schwerpunkt unterschiedlich ausfallen. «Für mich als Historiker finden die Sagen mit einem Bezug zu geschichtlichen Ereignissen besonderes Interesse», so Rothweiler.