Theologe über Debatte

«Das Läuten der Glocken ist eine emotionale Verortung im Alltag»

Bernhard Lindner, Gemeindeleiter in Oeschgen: «Zum Leben gehört auch das Lebenlassen, die Toleranz. Wir müssen allen Platz geben.»

Bernhard Lindner, Gemeindeleiter in Oeschgen: «Zum Leben gehört auch das Lebenlassen, die Toleranz. Wir müssen allen Platz geben.»

Die Reaktionen zur Kirchen- und Kuhglocken-Debatte um die Veganerin Nancy Holten haben starke Emotionen ausgelöst. Der Fricktaler Theologe Bernhard Lindner hat eine Erklärung dafür. Und äussert sich auch zu anderen Traditionen.

Herr Lindner, die von Nancy Holten lancierte Diskussion um Sinn oder Unsinn von Kirchen- und Kuhglocken verläuft sehr emotional (siehe Box). Erstaunt Sie das?

Bernhard Lindner: Nein, denn es sind Sachen, die den Menschen nahe gehen. Im Unterbewussten laufen Fragen ab wie: In welcher Schweiz lebe ich? Was soll zu meiner Schweiz gehören? Das sind für jeden Einzelnen zentrale Aspekte des Seins. Erinnern Sie sich noch an die Minarett-Initiative?

Natürlich. Die SVP lancierte 2007 eine Initiative, um den Bau von Minaretten zu verbieten. Sie wurde im November 2009 angenommen.

Die Initiative sprach die gleichen Emotionen an. Die Leute entschieden sich für die Initiative, weil sie sich sagten: Nein, wir wollen nicht, dass Minarette unsere Kirchtürme ersetzen. So wie damals bei den Minaretten ist es auch heute bei den Kuhglocken kein Glaubensstreit, sondern eine Frage der emotionalen Beheimatung, eine Frage, wo man sich zu Hause fühlt und wie diese Welt aussehen soll.

Cyber-Mobbing gegen Glocken-Gegnerin

Cyber-Mobbing gegen Glocken-Gegnerin

Ist es auch eine Angst vor einem Identitätsverlust?

Schon auch. Kirchenglocken begleiten Menschen in unterschiedlicher Form. Das dreimalige Läuten am Tag ist mehr als ein Betruf, es läutet den Tag ein, ruft zum Mittagessen und verkündet den Feierabend. Auch wenn die Leute heute vielleicht weniger beten, ist es für viele ein schöner Einstieg in den Tag respektive Ausklang aus dem Tag. Es sind Stimmungen, die die Menschen mit dem Läuten verbinden, emotionale Verortungen im Alltag.

Andere sehen nur den Lärmfaktor.

Das ist so. Das hat aber viel damit zu tun, dass wir in einem Land leben, in dem wir viel Lärm um uns herum haben. Der Lärmpegel ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Gegen viele Lärmquellen, etwa den Verkehr, können wir nichts tun. Und da macht man seine akustische Überbelastung an Sachen wie den Glocken fest.

Für Nancy Holten sind Kuhglocken reine Tierquälerei. Auf Facebook hat sie eine Gruppe gegründet und will so gegen die alte Tradition ankämpfen.

Für Nancy Holten sind Kuhglocken reine Tierquälerei. Auf Facebook hat sie eine Gruppe gegründet und will so gegen die alte Tradition ankämpfen.

Ist für Sie der Versuch, Traditionen zu ändern, per se falsch?

Überhaupt nicht. Traditionen ändern sich ja auch laufend. Die Lebendigkeit von Traditionen zeigt sich gerade darin, dass immer wieder neue Ideen hineinkommen. Wenn man etwas loslässt, schafft das erst den Raum für Neues.

Gibt es für Sie Traditionsbereiche, über die sich nicht diskutieren lässt?

Nein. Wir leben heute aber in einer Gesellschaft, die sich laufend stark verändert. Nehmen Sie nur die Kommunikation, die funktioniert heute ganz anders als noch vor 20 Jahren. Diese rasanten Veränderungen in vielen Bereichen, die man als Individuum nicht beeinflussen kann, sorgen für einen «Gegentrend», dass wir also an anderen Dingen umso mehr festhalten wollen. Das gibt einem den Eindruck eines stabilen Rahmens.

Der Wunsch nach Verortung im Leben?

Ja, man kann es auch den Wunsch nach Heimat nennen, nach Sicherheit. Die Dinge, die konstant bleiben, geben einem die Gewissheit, dass die Welt um einen herum noch im Lot ist.

Haben Traditionen auch etwas mit dem Alter oder der politischen Verortung zu tun?

Das kann einen Einfluss haben. Ältere Menschen hängen meist stärker an Traditionen – schon deshalb, weil sie diese viel länger kennen. Doch ich erlebe auch immer wieder ganz junge Menschen, die in Traditionen Halt finden. (Lacht.) In einem Lager sagte mir einmal ein 12-Jähriger: Das haben wir schon immer so gemacht. Er sagte es so, als wäre er schon seit Jahrzehnten dabei.

Auch eine Tradition: Sternsinger.

Auch eine Tradition: Sternsinger.

Sie waren in den letzten Tagen mit den Sternsingern in Oeschgen unterwegs. Hat sich der Zugang zu dieser Tradition in den letzten Jahren verändert?

Es freuen sich immer noch fast alle, wenn wir kommen. Die meisten wünschen auch, dass wir den Segensspruch an die Haustür schreiben. Ich stelle aber auch fest: Diese Tradition hat sich im Laufe der Jahre verändert. Heute sammeln die Sternsinger für klar umrissene Projekte; das hat die Akzeptanz sicherlich auch erhöht.

Der Segen gibt einem ja zumindest gefühlsmässig einen gewissen Schutz – so wie einem die Kirche Sicherheit gibt, selbst dann, wenn man sie nicht aktiv pflegt.

Der Glaube muss persönlich erfahrbar sein. Mit dem Kopf kann man nur beurteilen, ob man ihn rational vertreten kann, der Rest bleibt Glaubenssache. Der Glaube respektive die Handlungen wie der Segen an der Haustür laden einen dazu ein, das Leben aus einer Perspektive des Vertrauens zu sehen: Das kommt schon gut. Diese Grundhaltung verändert mein Leben radikal. Oder möchten Sie durch das Leben laufen und permanent denken: Da kommt überhaupt nichts gut, da geht alles den Bach runter?

Nein.

Ich auch nicht.

Haben also Glaube und Tradition die gleiche Funktion: Halt zu geben?

Ja, sie bilden einen Orientierungsrahmen und tragen dazu bei, eine positive Weltsicht zu geben. Die Philosophen sprechen von Konstruktivismus, von der Deutung der Welt. Eine positive Sicht auf das Zusammenleben ist zentral für unsere Gesellschaft.

Lebt der Glaube auch von Traditionen?

Ja und Nein. Christlicher Glaube zeigt sich in vielen Traditionen, aber der Glaube hängt nicht an den Glocken oder anderen Traditionen. Sie begleiten die Kirche so lange, wie es die Menschen wollen. Ob wir in Oeschgen nun wie jetzt um 5.30 Uhr läuten oder erst um 7 Uhr oder gar nicht mehr – es ist letztlich nicht zentral. Wenn es eine Mehrheit ändern will, dann bin ich offen. Es ist nicht opportun, dass die Kirche die Menschen mit Bräuchen nervt. Doch ich bin überzeugt, dass sich das gut selber reguliert. Handkehrum gibt es immer mehr Leute, die zu individualistisch unterwegs sind, die aufs Land ziehen und sich dann nerven, dass irgendwo eine Kuhglocke bimmelt.

Die Gesellschaft ist heute eben ichbezogener unterwegs.

Ja, und das belastet zum Teil die Gemeinschaftsstrukturen stark.

Auf eine Tradition laufen wir derzeit mit Siebenmeilenstiefeln zu: die Fasnacht. Was ist sie für Sie?

Die Kirche hat in den letzten Jahren von Neuem entdeckt, dass es sich hierbei um eine durchaus christliche Tradition handelt. Schon der Name sagt ja: Es ist die Nacht vor dem Fasten. Die Fröhlichkeit und Freude gehört zum Christentum zwingend hinzu, sonst übersetzen wir das Evangelium zwar mit «Froher Botschaft», machen dazu aber immer nur Trauermienen. Das kann es nicht sein. Deshalb ist es mir ein wichtiges Anliegen, dass in der Kirche auch das Lachen und die Fröhlichkeit Platz haben.

Sie haben vor zehn Jahren, als Sie nach Oeschgen kamen, den Fasnachtsgottesdienst eingeführt. Wie waren die Reaktionen?

Im Vorfeld war ich schon unsicher, wie es ankommt. Ich hatte dann aber durchweg positive Reaktionen. Ganz klar: Es gibt auch Leute, die es nervt – aber die kommen einfach nicht.

Bei der Fasnacht könnte man noch viel mehr als bei den Kirchenglocken sagen: Das ist Lärm – und eine Facebook- oder reale Gruppe «Fasnacht out» gründen.

Das fände ich sehr problematisch. Wir müssen in einer Gesellschaft leben, in der wir tolerant miteinander umgehen. Ein Fussballspiel beispielsweise bedeutet für die einen Spass und Leidenschaft, andere sehen darin nur den temporären Mehrverkehr. Wichtig ist, dass man auch die Wünsche der anderen toleriert. Man muss den Weg miteinander finden.

Tschättermusik - eine laute Tradition.

Tschättermusik - eine laute Tradition.

Was sagen Sie einem, der sich an der 5-Uhr-Tschättermusik stört und sie als unzumutbaren Lärm empfindet?

Dass es für ihn so sein mag, dass die Tschättermusik aber anderen viel bedeutet. Dass zum Leben auch das Lebenlassen gehört, die Toleranz. Wir müssen allen Platz geben.

Was braucht es, damit bei Traditions-Fragen die Kirche im Dorf bleibt?

Ganz einfach: Man muss miteinander reden. So lässt sich fast jedes Problem lösen.

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