Gerichtsverhandlung

Angeklagter: «Wer hat Tipps für einen Amoklauf?»

Im Gerichtssaal vom Bezirksgericht Rheinfelden wurde am Dienstag  lange über Schuld- oder Freispruch eines potenziellen Amokläufers diskutiert.Nadine Pfeifer

Im Gerichtssaal vom Bezirksgericht Rheinfelden wurde am Dienstag lange über Schuld- oder Freispruch eines potenziellen Amokläufers diskutiert.Nadine Pfeifer

Ein 22-Jähriger verliebte sich in seine Therapeutin und wollte sie mit Gewaltfantasien provozieren. Er wurde vom Bezirksgericht Rheinfelden freigesprochen. Die Staatsanwältin will Berufung einlegen.

Die Anklageschrift, in der einem 22-jährigen Studenten aus dem Bezirk Rheinfelden vorgeworfen wird, Vorbereitungshandlungen für Tötungen getroffen zu haben, liest sich wie ein Schauermärchen.

«Ich hasse die Menschen und ich werde sie abstrafen» oder «Ich denke, dass es einfach Überwindung braucht, wie damals, als ich das erste Mal ein Shooterspiel gespielt habe, respektive im Spiel jemanden erschossen habe» sind Auszüge aus E-Mails an seine frühere Therapeutin.

Im Internet hat er nach «Ich gehöre ins Gefängnis» und «Wer hat Tipps für einen Amoklauf» gegoogelt. Die Verhandlung in Rheinfelden endete jedoch mit einem Freispruch.

Verliebt in Psychotherapeutin

Der Musikstudent ist laut eigenen Angaben zu Schulzeiten ausgeschlossen worden, habe keinen Anschluss gefunden. Er hatte schon als Teenager 70-Stunden-Wochen, neben der Schule gefüllt mit Konzerten, Üben und Theorieunterricht. Die Belastung sei irgendwann zu gross geworden, das merkte er vor allem später im Studium an der Musikhochschule Zürich.

Zu dieser Zeit begann er auch seine Psychotherapie. Die Therapeutin, die als Zeugin an der Gerichtsverhandlung aussagte, wollte ihn zuerst an einen männlichen Kollegen überweisen, als sie den mangelnden Selbstwert ihres Patienten feststellte. Das sei bei jungen Männern heikel. Dazu kam es aber nicht, der Angeklagte blieb bei ihr in Behandlung.

Er verliebte sich in die Frau, die ihm zuhörte. Das sei laut der Therapeutin nichts Ungewöhnliches, obwohl sie 47 Jahre Altersunterschied trennen.

Die Verteidigerin Anina Hofer stellt jedoch infrage, ob die Reaktion der Therapeutin genauso normal war wie die Verliebtheit des Patienten. Die Therapeutin gab dem Angeklagten damals ihre Handynummer und hatte diverse Male auch bis spätabends noch telefonischen Kontakt.

Die Nachrichten seien häufig auch alltäglicher Natur gewesen, so habe der Angeklagte zum Beispiel ein Foto von seiner Aussicht bei einer Velotour an seine Therapeutin geschickt.

In SMS und Mails begann der Angeklagte dann auch Tötungsfantasien zu schildern. Er wollte Eindruck schinden, ihr imponieren und sie provozieren. Der Angeklagte sagt selber: «Ich habe alles getan, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie hatte dann so einen entsetzten Blick, der mir gefiel. Rückblickend ist es total irre. Als sie dann die Polizei eingeschaltet hat, war es das Nonplusultra an Aufmerksamkeit für mich.»

Der Angeklagte erklärte, seine Therapeutin habe ihn dazu aufgefordert, seine Fantasien aufzuschreiben. Daraus wurde die Tötungsliste, auf der er ehemaligen Mitschülern und Lehrern «Kopfschuss», «Folter» oder «Bauchschuss» zuwies. Die Therapeutin verneint dies nur zaghaft. Sie erinnere sich nicht mehr ganz sicher, könne sich aber nicht vorstellen, ihm das nahegelegt zu haben.

Sie schrieb ihm auch nach der Festnahme noch Briefe. Die Therapeutin habe nicht damit gerechnet, dass der Student verhaftet werde, sondern damit, dass der Gewaltschutz das Gespräch mit ihm sucht und wollte sich entschuldigen.

Nach der Festnahme wurde der Angeklagte zwischen Untersuchungshaft und Klinik hin- und hergeschoben, wobei sich keine Behörde verantwortlich fühlte. Erst einige Monate nach der Festnahme war eine umfassende Therapie in der Klinik Königsfelden möglich. Dort wurde eine beginnende schizophrene Psychose diagnostiziert. Der Angeklagte sagt: «Ich bin sehr froh, in Therapie zu sein.»

Überweisung an die Kesb

Staatsanwältin Simone Stöckli von der Staatsanwaltschaft Rheinfelden Laufenburg sagt in ihrem Plädoyer: «Was wäre passiert, wenn er nicht rechtzeitig verhaftet worden wäre?»

Die Richter und Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab kamen jedoch zum Schluss, dass er nicht zur Umsetzung weitergeschritten wäre.

Damit es für einen Schuldspruch reicht, bräuchte es ausserdem mehr als die niedergeschriebenen Gedanken, zum Beispiel das Besorgen einer Waffe. Der Angeklagte sei aber hart an die Grenze gegangen, betont Regula Lützelschwab.

Klar sei, der Angeklagte müsse in Therapie bleiben. Das möchte er auch selber. Der Fall wurde gleich anschliessend an die Gerichtsverhandlung der Erwachsenenschutzbehörde der Kesb überwiesen.

Diese Übergabe hätte laut der Verteidigerin Hofer schon lange stattfinden sollen, so wäre schon früher eine Therapie möglich gewesen. Für Staatsanwältin Stöckli ist aber klar, das Strafverfahren hatte Priorität. Sie wird Berufung einlegen und einen Antrag auf Sicherheitshaft stellen.

Meistgesehen

Artboard 1