Frick

Aargauer Dauercamper waren vom Lockdown nicht betroffen – doch bald ist es vorbei mit der Ruhe

Auffahrt und Pfingsten hätten sie schon gerne geöffnet, nächstes Wochenende ist es endlich so weit: Man kann wieder campen gehen. Vom Lockdown nicht betroffen waren die Dauercamper. Ein Besuch auf dem Campingplatz Frick.

Roger Mösch bringt seinen motorisierten Rasenmäher zum Stehen. Vor einem Wohnwagen wenige Meter von der Rezeption. Hier wohnt Klara Dätwyler, die älteste dauerhafte Bewohnerin des Camping Frick am Fusse des Chornbergs, einer eigentlichen Hügelkette. Mösch blickt zu den drei in der Bise wehenden Fahnen. Darauf die Wappen des Kantons Aargau, der Schweiz und aller Schweizer Kantone. Gleich bei der Einfahrt zum Camping weiden die Schafe auf einem kleinen Hang neben der Squashhalle. Auf den Tennisplätzen dahinter spielen sich zwei ältere Herren ein. Keine Wolke am Himmel, dafür rauschende Blätter.

Vor vier Jahren ist die 85-jährige Klara Dätwyler in Frick sesshaft geworden. «Ich war zuvor schon ein bisschen eine Zigeunerin», sagt die alte Dame im geblümten Rock schmunzelnd. Sie hat italienische Wurzeln. Ledig hiess sie Moretti, ihr Vater kam aus Norditalien in die Schweiz. Und sie zog durchs Land. Zwar nicht im Wohnwagen, aber lange hielt sie es nirgends aus. Geboren in Obergösgen lebte sie in Zürich, Glarus, der Ostschweiz, zuletzt in Kaltbrunn. Und jetzt eben in Frick. Gemeinsam mit Rambo, ihrem Hund, einer Mischung aus Border Collie und Tibet Terrier. Seit elf Jahren ein treuer Begleiter. Er ist nicht mehr der Schnellste. Das war früher anders. «Wir haben ihn zuerst Beethoven getauft, aber er war so wild, dass mein Sohn fand, das passt überhaupt nicht», erzählt Dätwyler.

Klara Dätwyler, Bewohnerin, mit Rambo

Klara Dätwyler, Bewohnerin, mit Rambo

Ein Jahr auf dem Campingplatz für 3850 Franken

Die letzten Monate auf dem Campingplatz waren ruhig, das Schwimmbad zu. Ganz alleine waren Klara Dätwyler und ihr Hund Rambo allerdings nicht. Neben ihr hat es einige weitere Menschen, die hier knapp fünf Kilometer südlich der Grenze zu Deutschland rund ums Jahr auf dem Campingplatz wohnen. Zum Beispiel Sandro Vogler, 37, Postauto-Chauffeur. Er sitzt auf dem Campingstuhl vor seinem Wohnmobil in karierten Shorts und gestreiftem Poloshirt. Die Sonne im Gesicht und ein Lachen, das sagt: «Meine Welt ist in Ordnung.» Ist sie auch. Vier Jahre hat er für ein Car-Unternehmen gearbeitet, vor allem Veloreisen, unterwegs von April bis Oktober. Seit dem 1. April fährt Vogler für Postauto. An diesem Freitag beginnt er erst am Nachmittag. «Ich habe immer noch Kontakt mit ein paar Chauffeuren von damals. Die hocken jetzt alle daheim und können nicht arbeiten», sagt er.

Vor acht Jahren hat Vogler sein Wohnmobil gekauft. Anfangs fuhr er damit in die Ferien, seit einem Jahr lebt er darin. «Was brauche ich mehr? Ich bin allein, hier habe ich alles», sagt er. Und das für 3850 Franken im Jahr. «Das habe ich vorher für die Parkplätze für das Wohnmobil und das Auto bezahlt», so Vogler. So billig der Platz, so begehrt war er. Vogler wartete fast zwei Jahre auf sein Plätzchen gleich bei der Rezeption. Campingplätze, auf denen man überwintern könne, gebe es nur ganz wenige in der Schweiz. Er ist einer der jüngsten dauerhaften Bewohner des Campings. «Sonst sind es schon vor allem Pensionierte», sagt Vogler.

Desinfektionsmittel, Abstand halten und Duschliste

Ausser dass er einen neuen Job hat und ohne grossen Stress, also mit nur wenigen Passagieren, seine Strecken kennen lernen konnte, hat sich für Sandro Vogler in den letzten Wochen wenig verändert. Ja, natürlich, der Abstand, die Desinfektionsmittel, die Hygieneregeln; das, was wir alle kennen. Ergänzend dazu hat Camping-Betreiber Roger Mösch für seine Dauergäste einen Duschplan etabliert. Mit fixen Zeiten. «Konkrete Vorschriften gab es dazu nicht, das war einfach eine Sicherheitsmassnahme für sie», sagt Mösch. Seit dieser Woche gilt der Plan nicht mehr. Die Lockerung hat die Campingplätze erreicht. Schon bald werden wieder temporäre Gäste kommen.

Wobei: Auch unter den Dauergästen hat es solche, die nicht rund ums Jahr auf dem Campingplatz wohnen. Wie Karl Zehnder, 70, und seine Partnerin Margrit Steffen, 69. Sie waren beide verwitwet, als sie sich mit 50 Jahren kennen lernten. «Ich sage manchmal, ohne das Campen wären wir vielleicht nicht mehr zusammen», sagt Margrit Steffen und schmunzelt. Früher, da zogen sie umher, in Österreich, Deutschland, Italien. Seit 2010 haben sie ihren Wohnwagen fix in Frick, daneben haben sie eine Wohnung in einem Block in Laufen. «Wir haben Ende März angerufen bei Roger (Mösch, Anm. d. Red.), ob wir kommen können.» Sie konnten. Am 2. April war klar, dass Campingplätze zwar schliessen müssen, Dauergäste aber beherbergt werden dürfen, ähnlich wie Hotelgäste.

Das Campen habe ihnen in diesen letzten Tagen wahnsinnig gutgetan. «Unsere Kinder haben uns dazu erzogen, dass wir sonst fast nur in der Wohnung oder auf dem Balkon waren. Wir haben uns ziemlich streng an die Vorschriften gehalten», sagt Margrit Steffen. Auf dem Camping, da hatten sie ein bisschen Sozialleben. Geht einer einkaufen, bringt er dem anderen Früchte mit. Man nimmt einen Apéro auf Distanz zusammen. Ein Schwatz mit den Nachbarn aus Thun und Oberdiessbach. Halt einfach ohne Küsschen zur Begrüssung, so wie das früher lief. Die Lockerung, sie freuen sich darauf, auch wenn ein gewisser Respekt da ist. «Im Zug werde ich mit Sicherheit eine Maske tragen», sagt Steffen.

Ab nächsten Samstag werden auch wieder Touristen kommen. Und mit ihnen die Kinder. Und das Leben. Und der Lärm. «Die Ruhe war schön. Aber ich freue mich schon sehr auf die Leute», sagt Klara Dätwyler stellvertretend. Sie sehe nicht mehr gut, könne nicht mehr lesen. «Ich rede zwar auch mit meinem Hund, aber es ist schon kurzweiliger, wenn es wieder mehr Menschen hat.» Auch wenn es dann wieder lauter zu- und hergeht auf den Wiesen am Seihalterbach. Vor allem wenn zeitgleich auch das Freibad gleich nebenan die Tore öffnet. Dann wird das Brummen von Möschs Rasenmäher im Gejohle der planschenden Kinder untergehen. So tönt Freiheit.

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