Frick/Laufenburg
42 Corona-Todesfälle in zwei Fricktaler Alterszentren im Dezember: «Das geht unter die Haut»

Der Corona-Grossausbruch in den beiden Alterszentren in Frick und Laufenburg forderte in einem Monat 42 Todesopfer.

Thomas Wehrli
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«Corona hat andere Regeln, und das macht das Virus grausam»: Andre Rotzetter.

«Corona hat andere Regeln, und das macht das Virus grausam»: Andre Rotzetter.

Alex Spichale

Die Erschöpfung und Betroffenheit hört man Andre Rotzetter an. Der Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im Oberen Fricktal (VAOF), der in Laufenburg und Frick je ein Alterszentrum führt, hat wie alle Mitarbeitenden strube Wochen hinter sich. Denn in beiden Alterszentren kam es im Dezember zu Corona-Grossausbrüchen.

Diese konnte auch das hauseigene Contact-­Tracing-System nicht verhindern. «Das System zeigte auf, dass es in beiden Häusern zu mindestens je 3 asymp­tomatischen Ansteckungen gekommen ist», sagt Rotzetter. Das heisst: Leute, die keine Symptome hatten, schleppten das Virus unbemerkt in die Häuser und es konnte sich über eine Woche unbemerkt verbreiten. Zuerst in Laufenburg, dann in Frick.

Anfänglich versuchte der VAOF noch, die Ansteckungsketten anhand der Kontaktdaten auf den Smartwaches, die in beiden Heimen flächendeckend für das Contact-Tracing eingesetzt werden, zu durchbrechen und nur jene Bewohner zu isolieren, die mit einem positiv Getesteten Kontakt hatten. Schnell wurde aber klar, dass mehrere Ansteckungsketten kursierten und die Massnahme nicht griffen.

Der VAOF liess daraufhin alle Bewohner und Pflegende testen. «Von den Personen, die positiv getestet wurden, hatten 21 keinerlei Symptome», sagt Rotzetter, schüttelt den Kopf.

Genau das macht das Virus so gefährlich und unberechenbar.

Nach den Tests entschied der VAOF Mitte Dezember, beide Heime unter Quarantäne zu stellen und für Besucher zu schliessen.

Inzwischen hat sich die Coronasituation in beiden Zentren beruhigt. Letztmals einen positiven Test gab es am 25.Dezember. Ab dem 6.Januar kann deshalb die Isolation in beiden Zentren aufgehoben werden. Ab dann sind auch wieder Besuche möglich – «mit Einschränkungen», sagt Rotzetter. So müssen alle Besucher eine FFP2-Maske tragen. Erst wenn die Bewohner in beiden Heimen geimpft sind, will der VAOF zur alten Besuchsregelung zurückkehren. Rotzetter rechnet damit, dass dies Ende Januar der Fall sein wird, denn die beiden VAOF-Heime gehö­ren zu den ersten im Aargau, die mit Impfstoff versorgt werden.

Der VAOF hat sich den Entscheid, die beiden Heime schon vor dem Durchimpfen wieder beschränkt zu öffnen, nicht leicht gemacht. «Die Bewohner leiden stark unter der sozialen Isolation», so Rotzetter. Einige hätten sich ganz abgekapselt. «Wir wollen ihnen ein Stück Lebensqualität zurückgeben.»

Die Bilanz des Coronaausbruchs ist erschütternd. Im Alterszentrum Bruggbach in Frick wurden 80 Prozent der Bewohner positiv auf Corona getestet; 21 der 106 Bewohner starben im Dezember an den Coronafolgen. Im Alterszentrum Klostermatte in Laufenburg konnte das Virus bei 58 der 105 Bewohner nachgewiesen werden. Die Pandemie forderte auch hier 21 Todesopfer.

«Das geht unter die Haut», sagt Rotzetter. Gerade auch beim Personal, das in den letzten Wochen 12-Stunden-Schichten leisten musste – auch ein Drittel des Pflegepersonals fiel wegen Corona temporär aus – und seit bald einem Monat mit FFP2-­Masken arbeitet.

Viele Mitarbeitende kamen an ihre Grenzen

«Emotional kamen viele an ihre Grenzen», weiss der Geschäftsführer aus Gesprächen. Umso mehr, als der Tod in vielen Fällen unerwartet kam. Rotzetter erzählt mit leiser Stimme von der ersten Coronapatientin, welche die Erkrankung gut überstanden zu haben schien. Sie war seit Tagen symptomfrei. Eine Pflegerin sagte ihr, die Isolation könne deshalb beendet werden. Eine Stunde später war sie tot.

Der Tod gehöre zwar zum Heimalltag hinzu, sagt Rotzetter. Im Schnitt sterben pro Jahr in beiden Heimen zusammen rund 70 Bewohner; im letzten Jahr waren es insgesamt 92.

Normalerweise bleibe aber Zeit, dass Pflegende und Angehörige Abschied nehmen können. «Corona hat andere Regeln und das macht das Virus grausam.» Immer wieder kommt es nach einer symptomfreien Zeit zu Rückfällen und schweren Komplikationen – «und dies zum Teil 20 Tage nach der Infektion», erzählt Rotzetter. Das Immunsystem überschiesse, was lebensgefährlich werden könne.

Die Lebensgemeinschaft, die ein Heim bildet, «wurde auseinandergerissen», so Rotzetter. Er hofft, dass die Wunde nun langsam heilen kann. Auch deshalb will der VAOF die leeren Zimmer nicht sofort neu vergeben.

Das Pflegepersonal soll sich nun zuerst einmal erholen können.

Mit der Impfaktion in den nächsten Wochen werde man zudem eine «Herdenimmunität» in den beiden Heimen erreichen und die Bewohner so vor Corona schützen. «Dann werden wir an die Vergabe der freien Zimmer gehen.» Er ist überzeugt, dass beide Heime im Laufe des Jahres wieder voll ausgelastet sein werden. «Wir hatten jetzt schon Anfragen», sagt Rotzetter. Aber die Sicherheit gehe vor.

Berührt haben Rotzetter in den letzten Wochen nicht nur die Schicksale der Bewohner, sondern auch die Reaktionen der Mitarbeitenden. «Sie standen füreinander ein, übernahmen Zusatzschichten und arbeiteten fast bis zur Erschöpfung.» Das sei nicht selbstverständlich und zeige, dass die Solidarität in den Alterszentren spiele.

Von den Angehörigen erhielten die Heime viel Zuspruch und Dankesworte für den geleisteten Einsatz. «Das hat gutgetan», so Rotzetter, der unverhohlen einräumt: «Es war für uns alle eine sehr schmerzliche Zeit, in der wir bisweilen auch von der Situation überfahren wurden.» Er hofft: «Dass es aufwärtsgeht und normale Beziehungen innerhalb der Alterszentren bald wieder möglich werden.»