Françoise Moser (parteilos) ist seit dem 1. Juli Gemeindepräsidentin von Kaiseraugst. Sie trat die Nachfolge von Sibylle Lüthi (CVP) an, die im März überraschend ihren Rücktritt aus persönlichen Gründen erklärt hatte. Nach gut 100 Tagen im Amt zieht die AZ mit der 47-Jährigen eine erste Bilanz. Moser ist verheiratet, Mutter von zwei Töchtern und von Beruf selbstständige Marketingleiterin.

Frau Moser, Ihre Vorgängerin Sibylle Lüthi trat zurück, weil sie die Arbeit als Gemeindepräsidentin zusehends als «sehr aufreibend und unbefriedigend» erlebt hat. Geht es Ihnen auch so?

Françoise Moser: Zum Glück noch nicht.

Was heisst: «Noch nicht»?

Sibylle Lüthi war fast sechs Jahre Gemeindepräsidentin und hatte in dieser Zeit viele harzende, fordernde Themen zu bearbeiten. Da kann es irgendwann schon dazu kommen, dass man müde wird und dass man keine Lust mehr hat, sich den speziellen Äusserungen gewisser Leute zu stellen. Das kann zermürben.

Die Leute sind ja immer noch da. Wie gehen Sie damit um?

Richtig, auch die schwierigeren Leute sind noch immer da. Selbstverständlich sollen sie ihre fordernden Kommentare abgeben. Sie müssen dann aber auch bereit sein, ebenso klare Aussagen entgegenzunehmen. Das macht mich vielleicht nicht bei allen Kaiseraugstern beliebt und der eine oder andere war auch schon erstaunt, dass ich mir nicht alles gefallen lasse. Doch Klartext zu reden, gehört dazu. Wichtig ist dabei, dass der Dialog auf einer sachlichen Ebene bleibt. Das ist nicht immer einfach, gerade dann nicht, wenn der Bürger sich von der Gemeinde ungerecht behandelt fühlt. Solche Gespräche zehren schon auch an den Kräften.

So sehr, dass Sie den Bettel dereinst auch hinschmeissen?

(Lacht.) Derzeit besteht keine Gefahr. Aber es kann auch bei mir der Moment kommen, in dem ich sage: Es reicht. Vielleicht ist dieser Punkt bei mir in drei, sechs oder acht Jahren erreicht.

Wie erleben Sie den Kaiseraugster?

Man spricht immer vom Dorf und den Neubausiedlungen bei der Liebrüti. Für mich ist das Dorf jedoch nicht der alte Dorfkern oder die neueren Siedlungen, sondern beides zusammen. Aber, klar, zwischen beiden Dorfteilen gibt es Mentalitätsunterschiede. Im alten Kern sind viele traditionell unterwegs. Es gibt Abläufe, die man immer so gemacht hat – und deshalb auch so weitermachen will. Dagegen sind viele Menschen in den neuen Quartieren zugezogen und bringen dieses «So war es immer»-Denken nicht mit. Sie engagieren sich ebenfalls im Dorf und das führt dazu, dass alte Schemen zusehends aufgebrochen werden.

Kaiseraugst hat aber schon zwei Gesichter: das ländliche Dorf auf der einen, die urbane Liebrüti auf der anderen Seite. Wie lassen sich diese beide Gesichter zusammenbringen?

Sie kommen vor allem dann zusammen, wenn wir Anlässe haben wie die Chilbi am kommenden Wochenende. Dann begegnen sich die Dorfteile und es kommt zu einem guten Miteinander. Gleichzeitig haben wir sehr aktive Vereine – kulturell und sportlich – wie beispielsweise den Fussball-, den Unihockey-Club oder den Gospelchor. Auch hier kommen Menschen aus den verschiedenen Dorfteilen zusammen.

Ist für Sie Kaiseraugst mehr Landdorf oder urbane Agglogemeinde?

Für mich ist Kaiseraugst sehr urban. Wir sind eine Agglomerationsgemeinde, die enorm stark im Wandel ist. Das macht vielen Leuten Sorgen. Unsere Aufgabe als Gemeinderat ist es, diesen Wandel zu strukturieren. Sicher, wir haben einen alten, idyllischen Dorfkern, den ich schätze. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir längst eine urbane Gemeinde sind.

Sie beschreiben Kaiseraugst als urbane Gemeinde, gleichzeitig hat die Gemeindeverwaltung aber so restriktive Öffnungszeitung wie eine kleine Landgemeinde. Ein Widerspruch?

Die Öffnungszeiten sind nur ein Teil des Austausches mit der Bevölkerung. Heute wird vieles digital erledigt. (Lacht.) E-Mail ist auch bei uns angekommen. Bereits heute kommunizieren die meisten Leute digital mit uns – und das wird auch die Zukunft sein. Aber: Jeder, der kommen will, kann kommen; wir bieten verschiedene Zeitfenster an. Bei einer Verwaltung von unserer Grösse liegt es jedoch schlicht nicht drin, dass wir täglich von 7 bis 19 Uhr offen haben.

Kaiseraugst ist die drittgrösste Gemeinde im Fricktal. Man hört von ihr aber eher wenig. Woran liegt das?

Haben Sie das Gefühl? Man hörte in den letzten Wochen doch viel aus Kaiseraugst, etwa vom Projekt «Domus». Und unsere Krähen füllten sogar das mediale Sommerloch. Wir sind präsent – aber wir wollen auch nicht alle Themen medial breit schlagen.

Man spürt, dass das Ammann-Feuer in Ihnen lodert. Was macht Ihnen Spass am Exekutiv-Amt?

Die Vielseitigkeit. Diese erlebe ich in der neuen Funktion noch viel stärker. Mir gefällt der Austausch mit den Menschen ebenso wie die Möglichkeit, für das Dorf etwas zu bewirken. Zugegeben, als Gemeindepräsidentin habe ich mit den einzelnen Bürgern oft erst zu tun, wenn das rote Lämpchen leuchtet. Das kann belasten, ist aber gleichzeitig eine Herausforderung.

Was empfinden Sie als belastend?

Belastet hat in den letzten Wochen die ungeheure Kadenz. Diese war nötig, da wir nur zu viert im Amt waren und ich die Aufgaben, die ich als Vizeammann betreute, weiterhin übernahm. Ich bin froh, dass diese Zeit nun zu Ende geht und dass wir mit Jean Frey wieder komplett sind. Wir hatten bislang drei Sitzungen zu fünft – und es hat sich gezeigt, dass wir als Team gut funktionieren werden.

Belastet fühlen sich etliche Anwohner von den Emissionen bei der Recycling-Firma Thommen. Eine Umsiedlung steht schon länger zur Debatte. Geht es da bald vorwärts?

Es wird Zeit brauchen, doch wir sind an der Arbeit. Wir haben gute Gespräche. Wir werden dann an die Öffentlichkeit treten, wenn wir eine Lösung präsentieren können. Klar ist, dass eine Lösung nicht kurzfristig umsetzbar ist.

Aber innerhalb ihrer Amtszeit?

Das kann ich nicht sagen. Auch wenn alle Puzzle-Teile an die richtige Stelle rutschen, ist eine Umsetzung frühestens in zehn Jahren denkbar. Was wir nun aber klären werden, ist, ob eine Umsiedelung möglich ist und wenn ja, zu welchen Bedingungen.

Sie sind nun gut 100 Tage im Amt. Konnten Sie bereits erste Pflöcke einschlagen?

(Lacht.) Ich habe mir im Vorfeld dieses Interviews darüber Gedanken gemacht und wollte eine Liste mit Projekten aufsetzen. Jedoch blieb sie leer – bei den sogenannten «quick wins» muss ich passen. Das liegt sicherlich daran, dass wir schon länger als Team zusammenarbeiten. Ich war ja knapp sechs Jahre Vizepräsidentin, bevor ich im Juli das Präsidentenamt übernahm. Da sind viele Projekte in Bearbeitung, welche ich nun weiterführe.

Ein hoher Pflock ist das Profil für den «Domus». Was bedeutet das Projekt für die Gemeinde?

Dass wir um rund 200 bis 300 Einwohner wachsen werden. Der «Domus» ist ein Puzzle-Teil in der Weiterentwicklung der Gemeinde. Vor allem führt er zu einer Aufwertung der Liebrüti. Das ist auch beim Hallenbad so. Als Gemeinde helfen wir mit, dass dieses Bad, das wichtiger Bestandteil des Zentrums ist, zukunftstauglich bleibt. Das Zentrum ist das Herz des Quartiers. Wenn es pulsiert, belebt das auch die Wohneinheiten darum herum. Dann werden die Eigentümer auch hier investieren. Das ist zentral, denn wenn wir in der Liebrüti 1000 Wohnungen hätten, die nicht mehr zeitgemäss wären, würden wir uns ein soziales Problem schaffen.

Wie soll Kaiseraugst wachsen?

Wir haben kein Bauland mehr, wir werden über die innere Verdichtung wachsen. Dieses Wachstum ist wichtig. Ich schätze, dass Kaiseraugst bis 2025 die 6000er-Grenze geknackt haben wird.

Hoch hinaus geht es vor allem auch wegen Roche. Ist es nicht gefährlich, so stark von einem Konzern abhängig zu sein?

Betriebswirtschaftlich gesehen haben wir ein Klumpenrisiko. Aber wir wissen, dass wir derzeit einen guten Partner haben. Der Austausch mit der Roche funktioniert. Es ist eine gegenseitige Vertrauensbasis vorhanden. Aber, ganz klar: Eine Gemeinde darf nicht von einem einzigen Unternehmen abhängig sein. Das behalten wir im Auge und für mich ist die Diversifikation ein wichtiges Thema. Dazu gehören andere Unternehmen ebenso wie ein Ausbau als attraktiver Wohnstandort. Neue Einwohner bringen Leben – und neue Steuereinnahmen.

Wie wichtig ist Roche für die Dorffinanzen?

Sehr wichtig. Wenn Roche hustet, bekommen wir das direkt zu spüren.

Roche hustete letztes Jahr und baute 235 Stellen in Kaiseraugst ab. Der Gemeinderat war nicht vorinformiert. Das spricht nicht gerade für den guten Kontakt mit der Roche-Leitung, den Sie erwähnen.

Dort lief nicht alles optimal. Daraus haben wir gelernt und seither funktioniert der Informationsaustausch wieder sehr gut.

Wie schnell es gehen kann, zeigt das Beispiel Novartis: Der Konzern baut allein im Fricktal 700 Stellen ab, schweizweit sind es 2150. Macht Ihnen das Angst?

Es macht einen vorsichtig und zeigt, was die Realität ist. Derzeit deutet nichts auf einen Abbau hin; Roche investiert im Gegenteil in den Standort Kaiseraugst. Aber, klar, niemand weiss, was in sechs oder zwölf Monaten ist. Auch bei Roche sind Umstrukturierungen möglich. Wenn an der Konzernspitze jemand einen Schalter umlegt, können wir das nicht beeinflussen.

Haben Sie einen Plan B?

Nein, ich habe keine Schublade, aus der ich einen Plan B ziehen könnte. Sollte es soweit kommen, müssten wir uns relativ schnell klar werden, wie wir vorgehen wollen. Das Beispiel Novartis zeigt aber gleichzeitig: Ein solcher Um- oder Abbau kommt nicht von einem Tag auf den anderen; Novartis will die Umstrukturierung innerhalb von vier Jahren umsetzen. Da bleibt etwas Zeit.

Der Budgetprozess für 2019 ist in der Endphase. Dürfen die Einwohner mit einer Steuerfusssenkung rechnen?

Nein, mit 81 Prozent haben wir bereits einen sehr niedrigen Steuerfuss. Unser Ziel ist es, diesen bei allen Herausforderungen halten zu können. Und das haben wir geschafft. Das Budget 2019 wird einen kleinen Ertragsüberschuss ausweisen.

Die Gemeinde beschäftigen Themen wie das Budget, die Ressourcierung der Schule oder die Gemeindeimmobilien. Was beschäftigt den Bürger?

Themen, die ihn selber betreffen. Dass er ständig im Stau steht, dass sich das Dorf schnell verändert, dass er künftig von Beginn an Fr. 1.50 pro Stunde im Liebrüti-Parkhaus oder beim Coop zahlen muss. Das schürt Emotionen.

Sind die Fr. 1.50 die Emotionen wert?

Es schürt die Emotionen, weil die Gebühr von der ersten Minute an etwas Neues ist. Man hat es bislang anders erlebt und will, dass es so bleibt. In zehn Jahren wird das kein Thema mehr sein. Dann werden die meisten Parkplätze in der Region von Anfang an kosten. Das schlägt auch der Kanton so vor.

Wie sehen Sie Kaiseraugst 2030?

Kaiseraugst wird noch urbaner sein. Ich hoffe, der Verkehr ist besser entflochten und jeder einzelne setzt vermehrt auf andere Fortbewegungsmittel als das Auto. Ich wünsche mir, dass wir 2030 eine Gemeinde sind, in der sich die Menschen noch mehr als heute miteinander austauschen.