Bremgarten
Vom Bordell zum gemütlichen Gästehaus

Ruth Keiser eröffnet ein neues Bed & Breakfast mit fünf stilvoll eingerichteten Zimmern. Wo früher Pole-Stangen standen befinden sich jetzt schöne modern eingerichtete Zimmer.

Andrea Weibel
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Wer als Tourist nach Bremgarten kommt, hat seit Anfang Februar eine Unterkunft mehr zur Auswahl. An der Wohlerstrasse 13, wo einst ein Bordell war, sind drei der fünf «Gästezimmer an der Reuss» für Reisende bereit. Ruth Keiser (63) hat die Räume mit viel Fingerspitzengefühl stilvoll eingerichtet, sodass man sich wohlfühlen kann. Dass hier zuvor Pole-Stangen, Samtvorhänge und Lederbetten standen, ist längst vergessen.

Holzbalken und Butzenscheiben

Über eine kleine Treppe erreicht man von der Eingangstür den Aufenthaltsraum. Die rustikalen dunklen Holzbalken, die weiss gestrichenen, zum Teil aber auch roh belassenen alten Steinmauern sowie die Butzenfenster muten beinahe mittelalterlich an. Einen Stock höher befinden sich die kleinen, aber stilvoll und modern eingerichteten Zimmer. Drei davon sind bereits möbliert, die anderen beiden – mit atemberaubender Aussicht auf Reuss und Altstadt – stehen derzeit noch leer.

Welchem Zweck das vierstöckige Gebäude früher gedient hat, wusste Ruth Keiser nicht, als sie den Vertrag unterschrieb. Sie sah nur das Potenzial der schön aufgeteilten Räume, von denen jeder Dusche und Lavabo enthält. «Ich habe zuvor im luzernischen Triengen ein Bed & Breakfast geführt und in einem Inserat von diesem Haus hier in Bremgarten erfahren», berichtet sie. Das Haus hätte erst zu einer Alters-WG umgestaltet werden sollen, doch habe das nicht geklappt.

«Meine Patentochter lebt hier in der Stadt, und es hat mir einfach gefallen, das Städtchen ist malerisch.» Darum habe sie sich für einen Umzug entschieden und in dem grossen Haus ihre Chance gesehen.

Zweites B&B gleich nebenan

Nur zwei Häuser weiter, an der Wohlerstrasse 9, betreibt Maruska Kettner (61) seit acht Jahren ein Bed & Breakfast mit heute zwei Zimmern. «Bremgarten ist keine Region für Touristen aus dem Ausland», weiss sie jedoch. «Sie wollen direkt in Zürich, Luzern oder im Engadin eine Unterkunft.» Statt Touristen seien es meist ausländische Arbeiter, die bei ihr unterkämen. Ihre Zimmer seien zu 50 bis 60 Prozent des Jahres belegt. Dass zwei Türen weiter nun ebenfalls Gästezimmer angeboten werden, stört sie nicht. «Mein Motto ist: Leben und leben lassen», erklärt Kettner lachend. Ausserdem seien die beiden Betriebe nicht ganz gleich: «Wenn meine Kunden ein Zimmer mit Frühstück wünschen, stelle ich ihnen einfach alles in den Kühlschrank im Zimmer, dann können sie sich ihr Frühstück selber zubereiten.» Wasserkocher und Kochplatte seien vorhanden. (aw)

«Beide Häuser gehörten zum Puff»

Maruska Kettner, die zwei Häuser weiter ebenfalls ein Bed & Breakfast (B&B) betreibt (siehe Kasten), weiss, was sich früher in der gesamten Häuserzeile befunden hat – auch in ihrem eigenen Haus, das sie vor zehn Jahren zusammen mit ihrem Mann gekauft hat. «In Frau Keisers Gebäude war der Puff. In unser Haus haben sich die Frauen mit den Männern zurückgezogen», erzählt sie.

Doch auch in ihrem B&B ist davon überhaupt nichts mehr zu spüren. Beide Frauen hatten nie Zweifel daran, dass sie die Räume so herrichten können, dass sich jeder darin wohlfühlen kann.

WG oder Partyraum

Ruth Keiser würde gerne Touristen empfangen. Sie könnte sich aber auch eine Wohngemeinschaft vorstellen. «Die zwei grösseren Zimmer sind noch leer. Dort könnten sich Gastarbeiter oder Wochenaufenthalter einmieten, Küche und Waschgelegenheit sind vorhanden», wirbt sie.

Es handelt sich sogar um eine Gastroküche mit fünf Kühlschränken und drei Abwaschmaschinen – genügend Platz für viele Gäste. Tatsächlich will Keiser den Aufenthaltsraum, in dem 30 bis 40 Leute Platz fänden, als Partyraum vermieten. Zudem könnte der wunderschöne Gewölbekeller, samt Sauna, für Yogastunden oder Ähnliches genutzt werden. «Ich weiss noch nicht, was Bremgarten braucht. Aber das wird sich zeigen», sagt Keiser mit Blick in die Zukunft.

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