Villmergen
26 Jahre bei der Feuerwehr: Kommandant Christian Sigel tritt zurück – die Feuerwehr Rietenberg ist ihm zur Familie geworden

Über ein Vierteljahrhundert war er in der Feuerwehr Rietenberg und zuletzt acht Jahre deren Kommandant. Nun tritt Christian Sigel zurück. Dieser Schritt fällt dem 54-Jährigen nicht leicht, für ihn war die Feuerwehr zugleich Familie. Er erzählt von belastenden Einsätzen –und weshalb er immer noch gerne Katzen rettet.

Nathalie Wolgensinger
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Nach 26 Jahren ist Schluss: Christian Sigel gibt das Kommando der Feuerwehr Rietenberg ab.

Nach 26 Jahren ist Schluss: Christian Sigel gibt das Kommando der Feuerwehr Rietenberg ab.

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Erst mit 29 Jahren trat Christian Sigel der damaligen Feuerwehr Villmergen bei. Das ist spät. Normalerweise werden die Feuerwehrleute im Alter von 20 Jahren rekrutiert. Es war Sigels damaliger Chef, der Malermeister Guido Steinmann, der ihn 1996 dazu überreden konnte, eine Übung der Feuerwehr zu besuchen. Der gelernte Maschinenmechaniker war vom Fleck weg begeistert. Er schwärmt: «Ich fand einfach alles cool.»

Sigels Feuerwehrkarriere war steil: Er wurde zum Gerätewart und anschliessend zum Gruppenführer ernannt und etwas später zum Offizier befördert. Während zehn Jahren war er Atemschutzchef.

Vor acht Jahren erfolgte die Ernennung zum Kommandanten. Er erzählt: «Ich habe in der Feuerwehr Rietenberg viele neue Leute kennen gelernt, einige davon wurden zu meinen besten Freunden.» Mittlerweile, so zieht er Bilanz, sei die Feuerwehr zu einer Art Familie geworden.

«Wir Feuerwehrleute zelebrieren die Kameradschaft»

Wenn Christian Sigel auf die vergangenen 26 Jahre zurückblickt, dann sind ihm vor allem die geselligen Anlässe in guter Erinnerung geblieben. Er sagt: «Die Feuerwehr Rietenberg ist bekannt für ihre Feste. Bei uns wird die Kameradschaft zelebriert.»

Christian Sigel während einer Einsatzübung der Feuerwehr Rietenberg.

Christian Sigel während einer Einsatzübung der Feuerwehr Rietenberg.

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So organisieren die Rietenberger nicht nur den Feuerwehrmarsch, sondern gleich noch ein Fest für die Teilnehmenden. Und damit sie unbesorgt den Heimweg antreten können, stellen sie obendrauf noch einen Taxi-Dienst zur Verfügung. Als der Feuerwehrmarsch wegen Corona abgesagt werden musste, organisierte Sigels Team kurzerhand einen virtuellen Marsch für die Teilnehmenden.

Sigl erzählt: «Die Preisverleihung haben wir ebenfalls virtuell durchgeführt.» Die Sieger erhielten ihre Preise vom Kommandanten persönlich überreicht, er liess sich per Helikopter zu den Preisträgern transportieren. «Den Flug habe ich aus dem eigenen Sack bezahlt. Ich wollte schon immer mal Helikopter fliegen, das war eine gute Gelegenheit.»

Schlecht vorbereitete Übungen ärgerten ihn

Christian Sigel absolvierte in den vergangenen 26 Jahren unzählige Weiterbildungskurse und Einsatzübungen. Er erzählt: «Geärgert hat mich, wenn Übungen schlecht vorbereitet wurden und wir als Mannschaft keinen Nutzen daraus ziehen konnte.» Aber auch eine schlechte Übung hielt den begeisterten American-Football-Fan nicht davon ab, anschliessend darauf anzustossen. Er sagt: «Diese 26 Jahre ging ich eigentlich nur mit Feuerwehrleuten in den Ausgang. Und ich gehörte immer zu den Letzten, die sich auf den Heimweg machten.»

Christian Sigel mit seinem Fourier Christian Koch.

Christian Sigel mit seinem Fourier Christian Koch.

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Nicht nur unzählige Kurse und Weiterbildungen besuchte Sigel. Als Kommandant war er meist als erster auf den Brand- oder Unfallplätzen. In Erinnerung geblieben sind ihm die Unfälle auf den umliegenden Kantonsstrassen.

Betroffen machte ihn der Tod eines Velofahrers, der frühmorgens auf der Kantonsstrasse in Richtung Dottikon von einem Autofahrer angefahren wurde. Er verstarb noch auf der Unfallstelle. Sigel sagt:

«Diese Bilder bringt man nicht aus dem Kopf, und die Schicksale beschäftigen uns alle im Corps.»

Als schwierigsten Einsatz hat er den Brand im Restaurant Frohheim nahe der Gemeindekanzlei Villmergen in Erinnerung. Er erzählt: «Ich erhielt morgens um 4 Uhr einen Anruf von einem Bekannten, dass es im ‹Frohheim› brennt. Ich machte mich gleich auf den Weg und erhielt bereits auf dem Weg die Nachricht, dass es sich um einen Grossbrand handelt.» Das «Frohheim» war Sigels Stammbeiz, und als er feststellte, dass die Mieter im ersten Stock vom Feuer eingeschlossen waren, sei ihm das Adrenalin richtiggehend eingefahren. Er schildert:

«Die Eingeschlossenen riefen verzweifelt um Hilfe.»

Mit der Autodrehleiter konnte die Familie gerettet werden. Das sei das erste Mal gewesen, dass man einen Tag später professionelle Hilfe von aussen angefordert habe, um das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten, erzählt er.

Bis zum Bau des Hochwasserrückhaltebeckens Drachtenloch waren Sigel und seine Truppe oft bei Überschwemmungen zur Stelle und pumpten Keller aus. Und beim Brand der Hilfiker Schloss-Scheune sei er während 18 Stunden im Einsatz gestanden. Am liebsten aber, so verrät er mit einem breiten Lächeln, rette er Katzen von Bäumen. Er erzählt: «Für die Tierhalter ist das ein Drama, wenn die Katze nicht mehr alleine runterkommt. Nirgends sonst bekommen wir so viel Dankbarkeit wie bei diesen Einsätzen.»

Es wartet bereits eine neue Aufgabe auf ihn

Ende Jahr ist nun endgültig Schluss. Sigel tritt seinen Posten ab. Die Zeit sei reif für einen Wechsel an der Spitze, ist er überzeugt. «Ich bin jetzt 54 Jahre alt, jetzt sind die Jüngeren in der Pflicht, jetzt sollen sie übernehmen.» Dass er die Verantwortung an Andreas Köchli abtreten darf, freut ihn ganz besonders. «Andreas lebt für die Feuerwehr, noch mehr als ich das tat.»

Ende Jahr wird Sigel, der als Werkhofchef einer Bauunternehmung tätig ist, seine Feuerwehrkleider abgeben. Was kommt dann? Sigel lacht. Er hat bereits eine neue Aufgabe gefasst, auf die er sich freut. Der Amerika- und Footballfan wird ab dem nächsten Jahr die Junioren der Argovia Pirates unterstützen. Speaker des Vereins ist er bereits. Und dann sind da noch seine Ami-Schlitten in der Garage, an denen er in der Freizeit rumschraubt. Langweilig wird es Sigel also ganz bestimmt nicht.

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