Hägglingen
Velofahren musste man nicht können – und weitere unglaubliche Geschichten aus 100 Jahren Velo-Club

Der Velo-Club feiert seinen 100. Geburtstag – und hat viele unglaubliche Geschichten auf Lager.

Andrea Weibel
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So sahen die Kunststücke der Häggliger Velofahrer früher aus: Ein Blumen-Corso aus dem Jahr 1986.

So sahen die Kunststücke der Häggliger Velofahrer früher aus: Ein Blumen-Corso aus dem Jahr 1986.

zvg
Und so sehen die Kunststücke heute aus: Die Junioren haben Spass beim Training.

Und so sehen die Kunststücke heute aus: Die Junioren haben Spass beim Training.

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Am 8. Februar 1919 wäre der Velo-Club Hägglingen beinahe nicht gegründet worden. Dabei musste man nicht einmal Velo fahren können, um Mitglied zu werden. Einzige Bedingung war, dass man ein Velo besass. Und das taten in Hägglingen scheinbar viele. Trotzdem: Es waren lediglich neun Männer, die sich an jenem Tag, an dem laut Wetterarchiv zwischen –11,8 und –3,8 Grad herrschten, in Hägglingen versammelten, um den Velo-Club aus der Taufe zu heben. Bei so geringem Interesse bringt ein Verein nichts? Tja, das sahen die neun Mannen anders. Sie stellten Statuten auf, wählten Sam. Wernly zum Präsidenten und sorgten so dafür, dass der heutige VC Hägglingen unter Präsidentin Monika Andres ein grosses Fest feiern kann. Dass ihr winziger Verein seinen 100. Geburtstag erleben würde, hätten sich die Gründer vermutlich nie träumen lassen. Aber was sie sicher nie geglaubt hätten, ist, dass dann eine Frau den mittlerweile 140 Velofreunde zählenden Klub leitet.

Irgendwann fuhr man Velo

Vieles aus der 100-jährigen Vereinsgeschichte klingt aus heutiger Sicht unglaublich. Beispielsweise ging es anfangs tatsächlich nicht ums Velofahren. «Man wollte einen Verein, mit dem man am Dorfleben teilnehmen konnte», weiss die heutige Präsidentin aus Interviews mit ehemaligen Präsidenten, die sie für die Chronik interviewt hat. Irgendwann habe der Velo-Club aber doch beschlossen, Sonntagsausfahrten mit dem Velo zu unternehmen. «Damals hatten die meisten Velos nur einen Gang und Trinkflaschen nahm man keine mit. Bis um den Zugersee seien die Ausfahrten gegangen, jedoch immer so, dass man abends wieder pünktlich im Stall war», hat Andres erfahren. Schmunzelnd berichtet sie: «Auf einer Ausfahrt seien die Radler bis nach Othmarsingen gekommen, dort sei einer, der wenig sah, gestürzt, alle anderen in ihn reingefahren, die Räder waren kaputt und man musste sich wieder auf den Heimweg machen.»

Volksradtouren, Blumen-Corsos

Später haben die Häggliger an kantonalen und nationalen Volksradtouren mitgemacht, an denen man an verschiedenen Orten seine Kontrollkarte abstempeln musste, und bei denen die Fahrer als Team gewertet wurden. «Da gab es Leute, die schummelten, indem sie das Fahrrad mit dem Auto in die Nähe der Posten chauffierten und dann nur wenig Strecke per Velo zurücklegten», erzählt Andres kopfschüttelnd.

Und es gab die Blumen-Corsos. Bei diesen fuhren jeweils Sechserteams mit Militärvelos herausgeputzt und mit Blumen geschmückt in Paraden mit. Einer in der Mitte hielt eine Stange, von der aus Bänder zu den anderen Fahrern gingen, die perfekt abgestimmt Reigen fuhren. Das gab Punkte – der Velo-Club Hägglingen war richtig gut. Aber auch das gaben sie irgendwann auf.

Velo-Club teert die Strasse

Etwas anderes, was aus heutiger Sicht nahezu unglaublich klingt: Ende der 50er-Jahre, als Autos und Motorräder die Alltagswelt einnahmen, glaubten die Velo-Clübler, ihre Mitglieder an motorisierte Vereine zu verlieren. «Am 1. Januar 1960 taufte man den Verein in Velo-Moto-Club um», so Andres. Man organisierte beispielsweise eine Art Orientierungslauf für Autos, wobei man von Posten zu Posten fahren musste.

Bis um den Zugersee seien die Ausfahrten früher gegangen, jedoch immer so, dass man abends wieder pünktlich im Stall war.

(Quelle: Monika Andres, Präsidentin VC Hägglingen)

Ein weiteres Standbein war sehr lange die Maiengrünrundfahrt, ein bekanntes Velo-Strassenrennen für Elite-Amateure. «In einem Jahr wurde die Strasse im Dorf saniert. Der Grundbelag war fertig, doch der Einbau des Deckbelages hatte verschoben werden müssen, sodass die Dolendeckel auf dem ganzen Strassenabschnitt herausragten. Am Tag vor dem Rennen ebneten die Vereinsmitglieder in einer Hau-Ruck-Aktion die Ränder der Dolendeckel mit Teer, sonst hätte das böse enden können für die Rennradfahrer.»

Manchmal werfen sie Kinder um

Mittlerweile ist der Verein zum Velo-Club zurückgetauft, jedes Mitglied hat nicht nur ein Velo, sondern kann und will auch fahren, und das Kulturelle, sprich vor allem die Fasnacht, bei der der VC seit Jahrzehnten den Radlerball organisiert, ist wieder etwas in den Hintergrund gerückt. Dafür gibts im Sommer jeden Dienstag drei bis vier Erwachsenen- und vier Kinder- und Jugend-Bike-Gruppen. «Neu gibts auch eine E-Bike-Gruppe, und Pensionäre treffen sich regelmässig, um Rennvelo zu fahren.» Der Verein hat es sogar geschafft, mehrere Nati-Radfahrer hervorzubringen. «Im Winter gibts statt Velofahren Kraft- und Konditionstraining, Yoga, manchmal gehen wir auch Kickboxen, Klettern oder spielen Badminton – es soll eben Spass machen», sagt Andres. «Und manchmal werfen wir Kinder um», fügt sie trocken an. Dann lacht sie und erklärt das Bike-Spiel, bei dem die Jugendlichen und Kinder Spass haben: «Zwei Leute sind Raser, die die Kinder umschubsen, die um eine Matte rennen. Die Grossen sammeln die Kleinen dann auf und werfen sie auf eine Matte, wo sie quasi geheilt werden und danach weiterrennen können.»

Vier Feste im Jubiläumsjahr

Eigentlich hätten die Organisatoren gern ein grosses Fest zum 100-Jahr-Jubiläum auf die Beine gestellt. OK-Präsident Patrick Geissmann erklärt: «Weil dieses Jahr aber das Häggliger Jugendfest stattfindet, wollten wir dem keine Konkurrenz machen, sondern uns daran beteiligen.» Darum feiert der Verein nun viermal, einmal pro Quartal. Ein grosses Festessen, an dem sich die Velofreunde, die sonst immer überall mithelfen, bedienen lassen durften, ist schon vorüber. Nun folgt das Jugendfest (28. bis 30. Juni), an dem der VC neben einem Beizli sein eigenes «Radlager-Bier», gebraut von der Villmerger Brauerei Erusbach & Paul, präsentiert und am Umzug mit mindestens einem Blumen-Corso, zwei Hochrädern und vielen anderen Radlern teilnimmt. Danach folgen das grosse Rennwochenende im August – samt Überraschungen – und die Chronik-Vernissage im Oktober.

INFO

Infos zu Velo-Club und Jubiläums-Events unter www.vc-haegglingen.ch

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