Sins
Netzwerk Morgenkaffee: Vor dem digitalen Alltag gibts Kaffee

Zwei Firmen zeigten am Netzwerk Morgenkaffee, wie unterschiedlich die Digitalisierung genutzt werden kann.

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Interessiert verfolgen die Teilnehmenden beim Morgenkaffee die Ausführungen zur Digitalisierung in zwei unterschiedlichen Freiämter Unternehmen. Eddy Schambron

Interessiert verfolgen die Teilnehmenden beim Morgenkaffee die Ausführungen zur Digitalisierung in zwei unterschiedlichen Freiämter Unternehmen. Eddy Schambron

Eddy Schambron

Durch ein geplantes Haus spazieren, noch bevor der Bagger die Baugrube ausgehoben hat? Oder eine Sitzung ohne Papier besuchen und auch wieder ohne solches verlassen? Klar: Die Digitalisierung macht vieles möglich, wie Dieter Greber, CEO der Leuthard-Gruppe, Merenschwand, und Urs Erb, Inhaber und CEO der Hobler Metallbau AG in Muri, am Netzwerk Morgenkaffee in Sins ausführten. Sie räumten am Anlass der Gewerbevereine Sins und Umgebung, Muri und Umgebung, der Industrievereinigung Muri und des Regionalplanungsverbandes Oberes Freiamt ein: Damit Digitalisierung den erwünschten Effekt bringt, muss man die Mitarbeitenden dafür begeistern.

Acht Prozent der Herstellungskosten gehen beim Bau auf Planungsfehler zurück, fünf Prozent der Projektierungskosten auf Mehrfachberechnungen und sechseinhalb Prozent auf die Neueingabe von Projektdaten. Das kann man sich als Unternehmer dank der Digitalisierung ersparen, zeigte Greber auf. Die Leuthard-Gruppe bedient sich des Building Information Modeling (BIM), einer Methode der optimierten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden und anderen Bauwerken mithilfe von Software. Diese spart Zeit und Geld, gibt Fehlermeldungen, wenn der Planer etwas vergisst oder übersieht, misst extrem exakt, lässt Bagger GPS-gesteuert baggern, berechnet laufend die angesammelten Kosten – und eben: Man kann schon vor dem Baubeginn virtuell durch das Gebäude gehen oder den Verlauf der Installationsleitungen auch aus ungewöhnlicher Perspektive betrachten. Planung und Realität wird vernetzt. Schliesslich legt BIM die Bauakten zuverlässig und jederzeit wieder auffindbar ab.

Digitalisierung als Chance: Neue Dimensionen und Modelle

Die Teilnahme von rund 80 Unternehmerinnen und Unternehmer, Kaderleuten und Interessierten am Netzwerk Morgenkaffee im Restaurant Einhorn Mexicano in Sins zeigte: Die Digitalisierung ist ein grosses Thema. Die Veranstalter wollten mit dem Anlass helfen, «Licht ins Ungewisse» zu bringen. Digitalisierung und Industrie 4.0 seien Begriffe, denen man jeden Tag begegne. So oft man die Begriffe höre, so verschieden sei die Interpretation: einmalige Chance, Ungewissheit, Auswirkung auf den Arbeitsmarkt, Anforderung an die Mitarbeitenden, Definition der Zukunftsstrategie des Unternehmens usw.

«Die Digitalisierung bringt einen tiefgreifenden Wandel», fasste Bruno Sidler, Geschäftsführer des Regionalplanungsverbandes Oberes Freiamt, zusammen. «Sie bringt neue Dimensionen und neue Geschäftsmodelle, aber auch eine gewisse Verunsicherung.» Zwar seien wir Menschen in Sachen Veränderung eher etwas träge, aber auch kleine Betriebe seien inzwischen mittendrin. «Die Digitalisierung ist eine grosse Chance für unsere Unternehmen, sie fordert auf, die Prozesse zu überdenken und zu optimieren», zeigte sich Sidler überzeugt. Man tue gut daran, den Ball mit Neugier und Leidenschaft aufzunehmen, nicht nur für eine nachhaltige Zukunft der Betriebe, sondern auch für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Nach den Referaten von Dieter Greber und Urs Erb wurde das Thema in
einem zweiten Teil in Form eines direkten Erfahrungsaustausches, der gut genutzt wurde, vertieft. (es)

Das spart Kosten

Die Leuthard AG mit 300 Mitarbeitenden hat besonders früh auf die Digitalisierung gesetzt, nicht einfach, weil es cool ist, sondern weil sie Kosten spart und die Qualität steigert, wie Greber vor rund 80 Teilnehmenden an diesem Vernetzungsanlass ausführte. Die Digitalisierung macht eine rollende Planung möglich und mühsam von Hand ausgefüllte Stundenrapporte hinfällig, weil mit Strom versorgte Arbeitsgeräte GPS-gesteuert aufzeichnen, wo und wie lange damit gearbeitet wurde. Der früher papierne Terminplan für ein Bauwerk ist heute ein Videoclip, jeder Polier und jeder Bauführer vernetzt und mit einem iPad ausgerüstet. Bei der Leuthard AG ist die Digitalisierung mit dem BIM auf einem spezialisierten, hohen Stand.

Nur Standard-Tools

Ganz anders hat die Digitalisierung bei der Hobler Metallbau AG in Muri, einem KMU mit 33 Mitarbeitenden, Einzug gehalten. «Wir arbeiten nur mit Standard-Tools, die mit Office 365 auf jedem Computer sowieso vorhanden sind», erläuterte Erb. Einzige Anforderung: Die Digitalisierung muss dem Unternehmen einen Mehrwert schaffen und zur Attraktivität der Arbeitsplätze beitragen. So sollen beispielsweise alle Daten nur einmal erfasst und erstellte Dokumente jederzeit wieder auffindbar sein, «das ist Effizienz, die nichts kostet». Mitarbeiterplanung, Kostenüberblick, Auftragsentwicklung sollen immer aktuell, das Wissensmanagement einfach und für alle zugänglich sein. Der Administrationsaufwand wird so tief wie möglich gehalten, Sitzungen generieren keine Papiere und werden immer wieder auf ihre Effizienz hinterfragt. Die Digitalisierung macht zudem individuelle Arbeitsstandorte möglich. «Ein Mitarbeiter hat sich in eine Spanierin verliebt, lebt jetzt in Spanien – und arbeitet trotzdem weiterhin für uns», zeigte Erb ein Beispiel auf. Moderne Arbeitsplätze, auch digital auf der Höhe der Zeit, seien attraktiv für motivierte und gut qualifizierte Mitarbeitende und damit auch ein Vorteil für ein Unternehmen.

Schnelle und starke Veränderungen könnten beim Personal Unsicherheit hervorrufen. Obwohl die Digitalisierung viele Vorteile bringt, braucht es nach Ansicht von Erb den persönlichen Kontakt unter den Mitarbeitenden. «Wir stehen heute trotz der modernen Kommunikationsmittel wieder am Morgen zusammen bei einem Kaffee, es ist fast ein Jahr gegangen, bis wir richtig gemerkt haben, dass das wichtig ist.» Klar sei jedoch, dass Veränderungen nötig und wichtig seien, «sonst wird das Unternehmen verändert». Grosse Ziele erreiche man mit kleinen Schritten, die aber alle eine Richtung haben müssten: vorwärts.