Aristau

Mario Richner war im Goldfieber – ein Tauchunfall heilte ihn für immer davon

Der Aristauer hat selber in Brasilien nach Gold getaucht und die «verrückteste Goldmine der Welt» in der Serra Pelada besucht.

Es sieht aus wie eine Kulisse zu einem Indiana-Jones-Film. «Bilder wie aus biblischen Zeiten», heisst es im Globetrotter-Bericht, den Mario Richner 1986 geschrieben hat. Doch diese «verrückteste Goldmine der Welt» gab es wirklich – und Mario Richner hat sie besucht.

Der Goldrausch in der brasilianischen Serra Pelada war der grösste Lateinamerikas und nach jenem in Alaska der zweitgrösste überhaupt im 20. Jahrhundert.

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Die Reisen von Mario Richner – die Karte wird laufend ergänzt. Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

«Ich habe ja schon manches gesehen, doch an etwas wie dieses kann ich mich nicht erinnern. Das Bild ist so fremd, dass sich meine Augen erst an die Einzelheiten gewöhnen müssen», schreibt Richner in seinem Buch «Urwald, Gold und Indios».

Weiter beschreibt er dort: «Ein riesiger, nierenförmiger Krater, rostrot, zerhackt, zernarbt und ausgefranst. Knapp einen Kilometer breit und 150 bis 200 Meter tief. Auf den Terrassen, in den Wänden, am Grund der Grube: Männer – Hunderte, Tausende, Abertausende – 80 000 Männer!»

Unglaublich: Noch wenige Jahre zuvor war der Graben ein 300 Meter hoher Hügel gewesen. Diesen hatten die Garimpeiros, wie man die Goldschürfer dort nennt, nur mit Spitzhacken, Spaten und den blossen Händen zu einem tiefen Krater abgetragen, Mario Richner kann es noch heute kaum fassen, wenn er davon erzählt.

«Sie alle lebten von der Hoffnung auf Reichtum»

In den 80er-Jahren war ein Besuch in der unsagbaren Goldgräberstadt, wie ihn Richner machen konnte, quasi unmöglich. Er schaffte es – jedoch nicht ohne Vitamin B und Bestechungsgelder, er gibt es zu.

Acht Tage verbrachte er dort und hielt alles fotografisch fest. Tagsüber nahmen ihn die Garimpeiros mit und zeigten ihm ihre Arbeit, abends schlief er in ihren Hütten und erzählte ihnen Geschichten von der weiten Welt.

«Sie alle lebten von der Hoffnung, reich zu werden. Keiner wollte aufhören, so kurz vor dem grossen Schatz», erinnert er sich traurig. Tatsächlich war in dem Gebiet ein Klumpen von über 60 Kilo Gold gefunden worden, in einem anderen Abschnitt sollen es gar 200 Kilo gewesen sein.

Und das wollten die mausarmen Arbeiter, die aus den schlimmsten Gebieten Brasiliens oder dem Ausland kamen, ebenfalls. «Dabei arbeiteten sie für ein Trinkgeld, während die reichen Grundbesitzer absahnten.»

Da, je nach Bericht, zwischen 50 000 und einer halben Million Garimpeiros in dem Tagbaugebiet der Serra Pelada unter schlimmsten Bedingungen arbeiteten, war die Sterblichkeit aufgrund von Krankheiten sehr hoch.

Und sie hatten ihre eigenen Gesetze. Damit es nicht noch schlimmer wurde, gab es 35 Kilometer vor dem Eingang zum Loch die erste von drei Zollkontrollen. Waffen, Alkohol und Frauen mussten draussen bleiben. Wer einen anderen bestahl, wurde erschossen.

Mario Richner war ebenfalls ein Garimpeiro

Mario Richner weiss genau, wie sich der Goldrausch anfühlt. Er selbst hat zusammen mit dem Garimpeiro Silvino, der später tatsächlich zu einem gewissen Wohlstand gekommen ist, 1977 im Rio Tapajós nach Gold gesucht.

Anfangs wuschen sie das Gold mit einfachen Waschpfannen mitten im Regenwald aus dem Fluss. Doch dann ging es los: «Wir fanden Gold und investierten es in technische Hilfsmittel: Kanu, Aussenbordmotor, Wasserpumpe, Schläuche, Quecksilber, Gasbrenner. Damit steigerten wir die Ausbeute, begaben uns aber gleichzeitig in ein Netz der Abhängigkeit», beschreibt Richner im Buch.

«Goldgräberromantik? Wer Boot und Ausrüstung über Dutzende von Felsbarrieren geschleppt und die Nächte in der schweiss- und eitergetränkten Hängematte verbracht hat, ist seine romantischen Gefühle bald los.»

In den 1980er-Jahren, als ein erneuter Goldrausch am Rio Madeira einsetzte, trafen sich Richner und Silvino nochmals und bauten gar ein Förderfloss.

«Auch ich sah nur noch den offenen, lockenden Tresor unter uns, als wären wir auf den sagenhaften Schatz von El Dorado gestossen: Gold – sattgelbes, schimmerndes Gold! Die Seele loderte, etwas Irrationales hatte mich gepackt.»

«Ein für allemal vom Goldfieber geheilt»

Dann kam der Moment, der Richner wieder zur Vernunft brachte: «Eines Tages, ich hatte erst kurz zuvor meine Unterwasserschicht angetreten, riss mir ein tieftreibender Baumstamm den Atemschlauch weg.

Bis ich mich vom Sicherungsseil befreit und den Bleigurt abgeworfen hatte, verstrich allerhand Zeit. Ich schluckte so viel Wasser, dass ich ein für allemal vom Goldfieber geheilt war», schreibt er. Heute lacht er über sein Goldfieber.

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