Jörg Baumanns Trouvaillen
Manor Wohlen setzte sich 1965 für einen offenen Mittwoch ein – und verlor vor Bundesgericht

In Wohlen entbrannte 1965 ein erbitterter Streit um einen freien Tag im Detailhandel. Mittwochs durften die Läden nicht offen haben. Dabei wäre doch der Mittwochnachmittag neben dem Samstag der beste Verkaufstag, argumentierte Manor, der damals noch Modern hiess.

Jörg Baumann
Drucken
Teilen
Manor Wohlen, der früher Modern hiess, setzte sich bis vor Bundesgericht für einen offenen Mittwoch ein – und verlor.

Manor Wohlen, der früher Modern hiess, setzte sich bis vor Bundesgericht für einen offenen Mittwoch ein – und verlor.

Marc Ribolla

1965 wehrte sich das Kaufhaus Modern AG (heute Manor) dagegen, dass am Mittwoch in Wohlen die Läden geschlossen sein mussten. Der Sturm auf das seit 1940 geltende Aargauische Ladenschlussgesetz endete aber mit einer krachenden Niederlage vor Bundesgericht. Das Kaufhaus hatte behauptet, dass die in Wohlen getroffene Ladenschlussregelung nicht vom Gesetz abgedeckt sei und gegen die Regeln des Handels- und Gewerbevereins verstosse.

Zuerst behandelte der Bezirksamtmann die Klage des Warenhauses. Dieser hiess die Beschwerde gut. Die Regelung laufe praktisch auf «die zwangsweise Einführung der Fünftagewoche hinaus». Diese sei nicht nur gesetzeswidrig, sondern auch «nicht notwendig», heisst es in seinem Entscheid.

Regierungsrat und Bundesgericht waren für einen freien Mittwoch

Jedoch: Der Aargauer Regierungsrat stützte die Ladenschlusssregelung, worauf das Kaufhaus mit einer staatsrichtlichen Beschwerde ans Bundesgericht gelangte. Die Bundesrichter hielten in ihrem Urteil fest, dass sich seit 1940, als der Aargau das Ladenschlussgesetz in Kraft gesetzt hatte, die Verhältnisse im Detailhandel derart stark gewandelt hätten, dass auch die juristische Praxis mit ihr Schritt halten müsse.

Das Gericht erinnerte aber auch an eine Umfrage, an der die ganze Bevölkerung von Wohlen teilnehmen konnte. 3832 Personen hatten für einen ganztägigen Ladenschluss am Mittwoch votiert – nur 469 waren dagegen gewesen.

Schliesslich wollte das Kaufhaus noch einen letzten Trumpf ausspielen: Für Warenhäuser sei neben dem Samstag der Mittwochnachmittag die beste Verkaufszeit. Doch auch dieses Argument stach nicht. Der Mittwoch blieb – vorerst – zu.

Die Warnung vor der Marktmacht

Schon 1950 hielt der Betriebsberater Jean Zimmermann aus Zürich vor den Mitgliedern des Handwerker- und Gewerbevereins Wohlen einen aufrüttelnden Vortrag. Sein Thema: Der mittelständische Unternehmer im Kampf um den Kunden. Der Kundenberater stellte die aufkommende Marktmacht von Warenhäusern und genossenschaftlichen Verkaufsorganisationen als «Feindfront» dar, wie es in einer Notiz im Buch «100 Jahre Handwerker- und Gewerbeverein Wohlen 1887-1987» heisst.

Als Abwehrmassnahmen empfahl Zimmermann den Ladenbesitzern «die Leistungsbereitschaft und die erhöhte Solidarität der Selbstständigerwerbenden». Prompt beteiligten sich zahlreiche Vereinsmitglieder 1950 am Mai- und Chilibimarkt, «der jetzt wieder eine Attraktion darstellt».

Meilensteine im Leben der Wohler Ladenbesitzer

1954 einigten sich die Wohler Lebensmitteldetaillisten darauf, die Läden am Mittwochnachmittag zu schliessen. 1958 verteilte die Wohler Gemeindepolizei an die Ladengeschäfte Plakate, wonach es verboten sei, Hunde in die Läden mitzubringen. 1964 führten die Läden dann die Fünftagewoche und den freien Mittwoch ein. Der Handwerker- und Gewerbeverein beschloss an der gleichen Sitzung auch, die Weihnachtsausstellung nicht mehr weiterzuführen. Eine Sparmassnahme.

1970 wurde in Spreitenbach das Shoppingcenter eröffnet. In Wohlen antworteten die Ladeninhaber auf den Schock mit einer Plakatwerbeaktion mit dem Slogan «Wohlen - das Einkaufszentrum». Das Ladensterben setzte der Verein bald darauf zuoberst auf die Traktandenliste. In einer ökonomischen Studie wurde die Kaufkraft von Wohlen detailliert dargestellt und als gut empfunden.

Und heute? Das Aargauer Volk liberalisierte 2005 die Ladenöffnungszeiten im Kanton generell, indem das Ladenschlussgesetz abgeschafft wurde. Vom freien Mittwoch sprechen die Wohler Ladeninhaber schon lange nicht mehr. Heute sprechen sie eher vom Coronavirus und dessen unliebsamen Begleiterscheinungen.

Aktuelle Nachrichten