Insekten
Immer seltener: «Übere Gotthard flüged keini Bräme meh»

Seit eh und je machten die geflügelten Störenfriede Mitteleuropa unsicher und die Bauern verfeuerten Gummi, um der Insektenplage der Bremsen Herr zu werden. Jetzt tauchen die Störenfriede immer seltener auf.

Loredana di Fronzo/Tommy richner
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Die Bremse, alias der geflügelte Feind, verfügt über behaarte Augen um ihr nächstes Opfer ausfindig zu machen um es sogleich gezielt anfliegen zu können.

Die Bremse, alias der geflügelte Feind, verfügt über behaarte Augen um ihr nächstes Opfer ausfindig zu machen um es sogleich gezielt anfliegen zu können.

Vor 70 Jahren landete das Häggliger Trio Geschwister Schmid einen Welthit; das Lied «Übere Gotthard flüged Bräme» müsste man heute jedoch umschreiben, denn die Bremsen sind auch am Gotthard nur noch selten zu finden. Guido Koch, 80, Landwirt aus Büttikon: «Früher konnten wir die Kühe im Sommer nachmittags kaum auf der Weide lassen. Es gab so viele Brämen, dass sich das Vieh dagegen kaum wehren konnte.»

So waren an heissen Sommertagen höchstens die Pferde draussen. «Die haben wir mit dem Brämenkessel geschützt», erzählt Guido Koch und kann sogar noch einen vorzeigen: «Den haben wir in den 50er-Jahren für 15 Franken in der Landwirtschaftlichen Genossenschaft in Sarmenstorf gekauft», erinnert sich Guidos 88-jähriger Bruder Leo. Der Brämenkessel ist ein rundes Blechgefäss mit Deckel und mehreren Löchern. Darin wird ein Mottfeuer entfacht, der so entstehende Rauch vertreibt die Insekten. «Wir haben einst immer noch etwas Gummi verfeuert. Der dadurch entstehende Gestank hatte für die Brämen zusätzlich eine abschreckende Wirkung», sagt Guido Koch.

Die Bremse: Kurz erklärt

Die Bremsen stammen aus der Familie der Fliegen und gehören zu den blutsaugenden Insekten. Dabei existieren etwa 4000 Arten, wie die Regen- oder die Golgaugenbremse, wobei die Pferdbremse am häufigsten vorkommt. Die Insekten halten sich gerne in Feuchtgebieten auf und suchen die Nähe zu Wild, Rindern und Pferden. Beachtlich ist, dass nur das Weibchen Blut saugt, während die Männchen Blüten besuchen und den Nektar essen. Nach dem Blutsaugen legt das Weibchen Eier ab. Bei einigen Arten ernährt sich das Bremsenweibchen ebenfalls pflanzlich, während andere in den Tropen leben und nur Aas fressen. Im Gegensatz zu den meist harmlosen Stichen von Mücken bereiten Bremsenstiche Schmerzen und können Krankheiten übertragen. Die Bremsen sind aber nicht selber die Übeltäter, sondern die Fliegen. Diese werden von der blutigen Bisswunde der Bremsen angelockt und übertragen dadurch allfällige Krankheitserreger, die Infektionen auslösen können. (TR/LD)

Inzwischen haben Kochs ihren Brämenkessel im Estrich versorgt. «Es hat sich halt alles geändert», sagt der Büttiker Landwirt, «es gibt ja fast keine Brämen mehr, denen ist es in den heutigen Sommermonaten viel zu nass.»

Seit eh und je machten die geflügelten Störenfriede Mitteleuropa unsicher, wobei sie besonders von April bis August omnipräsent waren. Man hätte nicht geglaubt, dass es pro Jahr nur eine Generation von diesen Quälgeistern gibt. Als eine der schnellsten fliegenden Insektenarten schwirrten sie Mensch und Vieh den ganzen Sommer mit einer Geschwindigkeit von über 70 km/h um die Köpfe und wirkten dadurch äusserst aggressiv.

Man versuchte ständig, sie von Weiden und Miststöcken fernzuhalten. Besonders Gewässer wurden gemieden, wenn man sich ihnen nicht hilflos ausliefern wollte. Das Hemd gewechselt und geduscht wurde oft einmal mehr, um mit dem Schweiss nicht den Blutdurst der Bremsen zu wecken. Mittlerweile kann man beruhigt alle Vorsichtsmassnahmen unterlassen, denn die Brummer liessen sich auch dieses Jahr kaum blicken.

Wo liegen die Ursachen?

Insektenforscher Christian Schweizer sieht als Grund fürs Ausbleiben der Plaggeister unseren verregneten, eher kühlen Sommer. Die Bremsen mögen heisses und zugleich feuchtes Wetter, was dieses Jahr mehrheitlich ausblieb. Vor allem die Temperaturstürze setzten den Bremsen enorm zu. Vermutet wird, dass der kalte Regen den Boden stark bewässerte, was vielen Larven den Garaus machte.

Auch Claudia Wettstein vom Reit- und Pensionsstall Weidhof in Tägerig, wo es sonst eigentlich von Insekten nur so wimmelt, ist die Absenz der Bremsen aufgefallen. «Im Gegensatz zu den Vorjahren hielt die Insektenplage nur einen Monat an. Dafür war sie eher heftig.» Auch Wettstein vermutet, dass die diesjährigen Wetterkapriolen die Bremsen stoppten.

Gewusst wie

Wenigstens einen guten Aspekt hat der miese Sommer: Uns bleiben viele Stiche erspart. Falls man doch einmal gestochen wird, sollte die betroffene Stelle umgehend desinfiziert werden. Zur Linderung des Schmerzes kann ein warmer Lappen auf die Wunde gedrückt werden.

Das Lied von Artur Beul: «Übere Gotthard flüged Bräme»

Das Lied von Artur Beul: «Übere Gotthard flüged Bräme»

Zur Verfügung gestellt

Das Lied von Artur Beul: «Übere Gotthard flüged Bräme»

Das von den Geschwistern Schmid gesungene Lied stammt vom legendären Komponisten Artur Beul, der 2010 in Küsnacht verstorben ist. Beul arbeitete mit den Geschwistern fast zehn Jahre zusammen und war massgeblich an ihren Erfolgen beteiligt. Neben «Übere Gotthard flüged Bräme» entstanden aus dieser Teamarbeit Evergreens wie «Stägeli uf, Stägeli ab»

1. Lueg d’Soldate, mit em Hauptme
tippleds uf em Gotthardpass!
Alli schnufed, alli schwitzed,
und de ganzi Maa isch nass!
Aber trotzdem sind all munter,
jede schickt sich eifach dri,
und si stimmed mit em Hauptme i das Liedli i:

Refrain
Übre Gotthard, übre Gotthard flüged Bräme,
ja flüged Bräme, di cheibe Bräme,
wänn si übrem Gotthard sind, dänn sind si däne,
di cheibe Bräme, ho duli ho.
So gaht‘s de ganzi Tag, bis tüf in Summer,
so isch das immer gsi, und so blibt‘s immer, immer,
übre Gotthard übre Gotthard flüged Bräme,
ja flüged Bräme, di cheibe Bräme,
wänn si übrem Gotthard sind, dänn sind si däne,
di cheibe Bräme, ho duli ho.

2. S’ Gotthardpöschtli fahrt nach Süde,
s‘ isch e schüli langi Reis.
D’ Rössli schwitzed vor de Gutsche
und de Lüüte macht‘s au heiss.
Lueg was flügt det näb de Rosse,
so als ghörted’s au derzue,
ja, das sind die dunners Bräme
wo eus lönd kei Rue.

Refrain
Übre Gotthard, übre Gotthard flüged Bräme,
ja flüged Bräme, di cheibe Bräme,
wänn si übrem Gotthard sind, dänn sind si däne,
di cheibe Bräme, ho duli ho.
So gaht‘s de ganzi Tag, bis tüf in Summer,
so isch das immer gsi, und so blibt‘s immer, immer,
übre Gotthard tippled mir und sind morn däne,
ja vor de Bräme, ja vo de Bräme,
übre Gotthard tippled mi und sind morn däne,
ja vor de Bräme, ho duli ho.

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