Bremgarten

«Hochsensibilität ist keine Krankheit»

Nicole Fischer zeigt den Rohbau, aus dem in ein paar Monaten der «Raum der Sinne» werden soll.

Nicole Fischer möchte in Bremgarten den «Raum der Sinne» eröffnen und das Thema Hochsensibilität ins Gespräch bringen.

Nicole Fischer steht vor ihrer Wohnung. «Wir haben uns schon mal gesehen. Im Stofflädeli in Wohlen. An der Kasse», sagt sie zur Begrüssung mit Stirnfalte und kritischem Blick. Dann lächelt sie herzlich. Was für ein Gedächtnis.

Das ist wohl bereits ein Anzeichen für ihre Hochsensibilität. Vielleicht auch nicht. Denn es ist nicht einfach, nachzuvollziehen, welche Charaktereigenschaften diese Hochsensibilität ausmachen und welche zufällig dazukommen. Selbst für sie nicht.

Haarspängeli und tickende Uhren mochte sie als Kind gar nicht

Von Anfang an: «Ich bin hochsensibel, und das mittlerweile voller Stolz», sagt Fischer in ihrem Video. Es ist erst vier Jahre her, seit die 29-Jährige von Hochsensibilität erfahren hat.

«Meine Mutter brachte mir einen Artikel, und wir haben mich beide sofort darin wiedererkannt», erinnert sie sich. Ganz wichtig ist ihr zu sagen: «Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal.»

«Als Kind konnte ich es kaum aushalten, wenn ich Haarspängeli tragen sollte oder mir beim Haarewaschen Wasser übers Gesicht lief. Meine Mutter musste auch immer Hosen ohne Knopf für mich kaufen. Und Geräusche wie das Ticken von Uhren oder ständige Musik machten mich oft ganz unruhig.»

Darüber hinaus spielte sie lieber mit einzelnen Kindern als in Gruppen. «Ich ging schon an Geburtstagspartys, das war auch gut so. Aber ich habe mir immer erst einen Überblick verschafft, bevor ich zutraulicher wurde. Man hielt mich für schüchtern. Und ich ging nie gern allein irgendwohin, sondern wollte von meiner Mutter begleitet werden. Neue Situationen waren schwierig für mich.»

«Ich spüre sofort, wie es meinem Gegenüber geht»

Heute weiss Nicole Fischer, was all diese kleinen Eigenheiten zu bedeuten hatten. «Und heute bin ich tatsächlich stolz darauf, denn Hochsensibilität hat auch Vorteile.» Ihr unglaubliches Gedächtnis, was Gesichter angeht, mag einer dieser Vorteile sein.

Sicher aber ist es ihre Empathiefähigkeit. «Ich spüre sofort, wie es meinem Gegenüber geht, denn Hochsensible nehmen mehr wahr als die anderen Menschen.»

In ihren beiden Berufen als Ergotherapeutin und heilpädagogische Früherzieherin, in dem sie derzeit ihren Masterabschluss vorbereitet, hilft ihr diese Fähigkeit sehr.

«Ich muss nur aufpassen, dass ich mich genügend abgrenzen kann. Denn manchmal spüre ich die Gefühle des Gegenübers so stark, dass ich nicht mehr weiss, ob es nun meine eigenen Gefühle sind oder nicht.»

Verschiedene Techniken, um sich zu beruhigen

Mittlerweile hat die gebürtige Ostschweizerin sich Techniken angeeignet, um sich selber in solchen Situationen helfen zu können.

«Die Leute um mich herum müssen nicht extra Rücksicht auf meine Hochsensibilität nehmen. Ich weiss, was ich tun kann, um Kraft zu tanken. Dennoch ist es gut, wenn das Thema Hochsensibilität bekannter wird, gerade betroffene Kinder oder deren Eltern wissen oft nicht, was sie tun sollen.» Dort möchte Fischer ansetzen.

«Meistens hilft es nämlich am meisten, wenn man sich selber eine kleine Pause gönnt, einfach tief einatmet oder – in meinem Fall – sich an die Reuss setzt und fünf Minuten der Natur zuschaut und zuhört. Dann geht es gleich viel besser, die Energie kommt zurück.»

Achtsamkeit ist ein Schlüsselwort, die Verbindung zu sich selbst und zum Hier und Jetzt. Auch ihr Mann und ihre Katze Nala helfen ihr sehr, sich zu entspannen.

«Ich habe gelernt, mich abzugrenzen und mit vielen Reizen umzugehen. Aber tickende Uhren mag ich auch heute noch nicht», sagt sie und muss lachen, während sich Nala auf ihren Schoss setzt und schnurrt.

Sie bietet Coachings für Betroffene und Eltern an

Um das Thema Hochsensibilität bekannter zu machen und Menschen einen Raum zu geben, wo sie dem Alltag einen Moment entfliehen können, möchte Nicole Fischer nun den «Raum der Sinne» in Bremgarten eröffnen.

«Ich möchte dort Coachings und Beratungen für erwachsene Hochsensible, aber auch für Eltern von hochsensiblen Kindern anbieten. Dazu sollen Kurse und Vorträge kommen.» Vor allem möchte sie dort aber auch Kindergruppen leiten, die sowohl für hochsensible Kinder als auch für andere offen sein sollen.

«Noch immer sind neue Situationen für mich schwierig, aber ich freue mich sehr darauf», sagt sie. In einem Crowdfunding sammelt sie derzeit 16 000 Franken, um den Raum am Augraben in Bremgarten ausgestalten zu können.

«Wenn alles klappt, möchte ich am 18. Januar einen Tag der offenen Tür im fertigen Raum durchführen. Dafür fehlen ihr jedoch noch knapp 4000 Franken. Das Projekt kann man noch bis zum 16. Oktober unter wemakeit.com/projects/raum-der- sinne unterstützen.

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