Muri
Fast-Kollision mit Frachter, «Seebär» als Retter: Richter erlebt mit Segelboot auf den Weltmeeren Unvergessliches

Der ehemalige Murianer Bezirksrichter Michael Plattner wollte per Segelboot nach Grönland fahren. Es kam anders – erlebt hat er trotzdem einiges.

Andrea Weibel
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Im Nordmeer: Michael Plattner steht dick eingemummelt am Steuer seines Segelboots und trotzt der eisigen Kälte mit Wärme von aussen – und von innen. Fotos: zvg

Im Nordmeer: Michael Plattner steht dick eingemummelt am Steuer seines Segelboots und trotzt der eisigen Kälte mit Wärme von aussen – und von innen. Fotos: zvg

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Energiegeladen und voller Tatendrang – diese Worte beschreiben Michael Plattner wohl am besten. Vier Jahre lang war er Bezirksrichter in Muri, total zwölf Jahre arbeitete er in der Justiz. In all den Jahren wuchs ein Traum immer deutlicher in ihm: Er wollte nach Grönland – und zwar mit seinem Lieblingsfortbewegungsmittel, dem Segelboot. Schon oft war er mit der Bremgarter Familie Höchli auf Segeltouren gewesen. Und weil Plattner Träume nicht reichen, sollte der Plan umgesetzt werden.

Erst hatte er vor, ein Sabbatical einzulegen, doch das wurde ihm vom Kanton nicht bewilligt. «Ich überlegte, was ich machen sollte. Doch dann fand meine Mutter, ich würde es mein Leben lang bedauern, wenn ich nicht aufbrechen würde. Und da hatte sie natürlich recht», erinnert sich der heute 42-Jährige lachend. Also legte er sein Amt als Bezirksrichter nieder, kaufte sich die «Pelikan», sein Segelboot, und brach auf ins Abenteuer.

Die Aussicht von der «Pelikan» über die Küste Skandinaviens. Michael Plattner musste nicht wissen, wie man nachts fährt, denn bei Mitternachtssonne wirds nie dunkel.

Die Aussicht von der «Pelikan» über die Küste Skandinaviens. Michael Plattner musste nicht wissen, wie man nachts fährt, denn bei Mitternachtssonne wirds nie dunkel.

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«Ich segle nach Grönland!»

Eines vorneweg: Michael Plattner mochte seinen Job als Bezirksrichter sehr gerne. «Es ist schön, Leuten in schwierigen Situationen helfen zu können und Lösungen zu finden», sagt er. Aber es gab natürlich auch die negative Seite seines Jobs: «Wenn sich ein Richter auf seinen Job freut, dann ist das etwa so, wie wenn sich ein Zahnarzt auf eine Wurzelbehandlung freut. Der Zahnarzt kann den Job sehr gut machen, aber dem Patienten tuts eben trotzdem weh», vergleicht Plattner. Er könnte sich vorstellen, wieder als Bezirksrichter zu kandidieren. Aber im Moment hat er ganz viele anderen Pläne im Kopf. Und all die samt einer grossen Ladung Motivation hat er von seiner Reise mitgebracht.

Anfang Januar 2017 hätte es losgehen sollen – allein, weil damals niemand so viel Zeit hatte, um mitzusegeln. Doch dann verstarb ein Richter beim Bezirksgericht Brugg unerwartet, sodass Plattner interimistisch bis Mitte März die dortige Geschäftsleitung übernahm. Also war es am 2. Mai 2017 so weit: «Ich segle nach Grönland!»

Michael Plattner hat immer noch Heimweh nach seiner «Pelikan».

Michael Plattner hat immer noch Heimweh nach seiner «Pelikan».

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Fast mit Frachter kollidiert

Ein wenig schmunzeln muss er schon, als er erzählt: «Als ich am 2. Mai von Südfrankreich aus lossegelte, war ich nie zuvor allein auf offener See und auch nie zuvor nachts gesegelt. Zudem war es aus verschiedenen Gründen nicht möglich gewesen, die Pelikan vorher zu testen. Ich brach einfach auf.» Bereits am zweiten Tag wäre er um ein Haar mit einem Frachter kollidiert, auf dem niemand seinen Funkspruch hörte. Und schon in Valencia musste er einen Zwischenstopp einlegen, weil er eine Motorenpanne hatte. «Doch mir gefielen die Orte, wo ich ankam, und auch das Segeln selbst so gut, da kam keine schlechte Laune auf», berichtet er. «Huereschön» ist eines der Worte, das er immer wieder benützt. Er sah Wale und Delfine und lernte überall tolle Leute kennen. Nur eines hätte sich Michael Plattner nie vorstellen können: «Es ist unglaublich, was für ein Verkehr auf den grossen Schiffsrouten herrscht. Ich konnte es kaum glauben, aber es gibt da sogar Smog auf dem Meer wegen all der Schiffe.» Auch der viele Abfall auf dem Meer stimmte ihn nachdenklich: «Teilweise kannst du stundenlang segeln und fühlst dich in all dem Abfall wie im Ikea-Böllelibad. Es ist wahnsinnig! Dabei schwimmen nur 20 bis 30 Prozent des Abfalls obenauf.»

Viel zu spät für Grönland

Mittlerweile war es so spät im Jahr, dass die Winde, die ihn im Winter noch in den Norden geschoben hätten, nun gegen ihn anbliesen. «Es ist hart, wenn man sich eingestehen muss, dass man seinen Plan vorerst aufgeben muss», erinnert sich Plattner. Also segelte er die Küsten von Portugal, Spanien und Frankreich hinauf bis nach Holland, wo er überwintern konnte. Unterwegs besuchte der interessierte Jurist Gemeinden, Schulen, Bauernhöfe und Projekte. «Es ist unglaublich, was für super Sachen man entdecken kann. Die Schweiz könnte sich teilweise noch so viel abschauen, gerade, was das Schulwesen oder eben die Gemeindeführung betrifft. Ich habe Kinder gesehen, die so gerne zur Schule gehen, dass sie geweint haben, weil Ferien waren. Und ich habe entdeckt, wie wertvoll es ist, dass die Gemeinden beispielsweise durch städtebauliche Massnahmen dafür sorgen, dass es den Einwohnern gut geht, dadurch tragen die Leute auch gleich viel mehr Sorge zu allem und allen.» Plattner könnte stundenlang über all die Ideen reden, die er aus diesen Begegnungen mit in die Schweiz zurückgebracht hat.

Ein Seebär trug ihn zur Dusche

Ende Oktober 2017 wollte er dann Richtung Schweden, um in den Schären vor Stockholm zu überwintern. «Doch dann brach eine alte Rückenverletzung wieder auf. In den ersten zehn Tagen konnte ich nicht einmal ohne Hilfe von Bord gehen.» Lachend erinnert er sich: «Ein Seebär, der neben mir angelegt hatte, trug mich von Bord und meist sogar bis zur Dusche, weil ich kaum auf dem wackeligen Steg laufen konnte. Und weil ich nicht in den Ausgang gehen konnte, veranstalteten einige Nachbarn einmal sogar eine Stegparty für mich. Es war eine ‹huere herzige› Zeit.»

Schon als Student hat sich Plattner seine Reisen als Tauchlehrer finanziert.

Schon als Student hat sich Plattner seine Reisen als Tauchlehrer finanziert.

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Es folgten Reha und ein sehr schwerer Entschluss: «Es ging nicht. Ich tat alles, aber ich konnte die ‹Pelikan› wegen meines Rückens nicht alleine steuern. Also musste ich meinen Traum von Grönland auch für 2018 auf Eis legen.» Stattdessen segelte er mit einem befreundeten Paar Skandinavien entlang und liess sich weiter inspirieren. Dann fand er eine sehr gute Anstellung bei einem holländischen Segelprojekt, das ihn veranlasste, seine geliebte «Pelikan» zu verkaufen. «Doch das Projekt hatte so viel Verspätung und es lief einiges schief, sodass ich mich entschied, vorerst in die Schweiz zurückzukehren. Und hier bin ich nun, voller Ideen und doch mit viel Heimweh nach meiner ‹Pelikan›.» Das Pärchen, das sie gekauft hat, sei aber genau das, was er sich für sein Segelboot immer gewünscht hatte. Auch er hätte gern eine Frau und Kinder, die mit ihm per Segelboot die Weltmeere bereisen würden. «Aber das kann immer noch kommen. Jetzt bin ich erst einmal wieder zurück auf dem Friedlisberg, arbeite als Jurist und setze meine Ideen um.» Mehr dazu kann er noch nicht verraten. Das Wichtigste, was er aber auf all seinen Abenteuern gelernt hat: «Man sollte einfach anfangen, egal, was man gerne tun würde. Nicht warten, machen.»

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