Freiämter in der Ferne
Er hat sein Glück in Schweden gefunden

Kenji Claesson ist in Schweden geboren, in Niederwil aufgewachsenund wohnt jetzt wieder im hohen Norden, wo er Kampfjets testet

Andrea Weibel
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Kenji Claesson mit seiner Tochter Saga, die am 4. April 2016 geboren wurde.

Kenji Claesson mit seiner Tochter Saga, die am 4. April 2016 geboren wurde.

zvg

Seine Mutter ist Japanerin, sein Vater Schwede. Beides erkennt man an seinem Namen: Kenji Claesson. Doch der 32-jährige Ingenieur spricht fliessend Schweizerdeutsch – selbst wenn er das seit Jahren nicht mehr getan hat. Den Grossteil seiner Kindheit hat der Sohn eines ABB-Mitarbeiters in Niederwil verbracht, wo die Familie Claesson aufgrund des Jobs des Vaters hinzog, als Kenji 4 Jahre alt war. «In Niederwil hat es mir sehr gut gefallen, ich habe dort die Primarschule besucht und bin später mit dem Fahrrad nach Wohlen in die Bezirksschule gefahren», erinnert er sich. Dort hatte er viele Freunde, «obwohl sie meinen Namen nie richtig aussprechen konnten», lacht er. Gerade dass die Dörfer so nah beieinanderliegen, gefiel ihm sehr: «Ich fand es gemütlich, dass ich meine Freunde in den Nachbardörfern mit dem Fahrrad besuchen konnte.»

Heute besucht er immer noch Freunde in Nachbarorten mit dem Fahrrad – doch mittlerweile nimmt er das Rennrad und legt so auch mal über hundert Kilometer zurück. Denn in Mittelschweden, wo er jetzt mit seiner kleinen Familie wohnt, liegen grosse Wälder und Seen zwischen den Ortschaften. «Auch das gefällt mir sehr, die Natur ist grossartig in Schweden.» Doch ganz ungefährlich ist es nicht: «Ich hatte kürzlich einen Unfall. Zwei Hirsche kamen auf einmal von links aus dem Wald und sprangen uns an. Ich fiel zum Glück nur auf die Seite an den Strassenrand, ein Freund musste ins Krankenhaus. Es geht ihm aber gut.» Deswegen hört Claesson aber nicht auf, Rad zu fahren. Bis zu 300 Kilometer schafft er pro Tag. Jedoch nur an der Vätternrundan, einem Radrennen rund um den Vätternsee, die er Mitte Juni zusammen mit seinem Stiefvater in 10 Stunden und 33 Minuten geschafft hat.

Chaos in der Schule

Nach zehn Jahren in der Schweiz, als Kenji 14 Jahre alt war, erhielt sein Vater einen Job in Schweden. Also zügelte die ganze Familie nach Umeå im Norden des Landes. «Ich weiss noch, dass ich schockiert war nach meinem ersten Schultag. Gegenüber der Schweiz herrscht an schwedischen Schulen ein Chaos. Die Plätze sind nicht fix, man setzt sich, wo man will. Und man spricht die Lehrer per du an. Lerntempo und Disziplin sind in der Schweiz viel höher. Das Schulsystem ist nicht schlecht, aber wenn man richtig gut ist, wird man meiner Meinung nach zu wenig gefördert. Es ist wichtiger, dass alle gute Zeugnisse haben», erinnert er sich. Auch nach der Schule merke man, dass die Schweden eher ein gemütliches, kollegiales System haben: «Im Job gibt es oft Fikas, lange Pausen, bei denen man zusammensitzt und redet. Das ist gemütlich, aber man muss sich erst daran gewöhnen.»

Ansonsten gefällt es ihm in beiden Ländern sehr gut. «Nur dass die Berge in Schweden deutlich kleiner sind und darum die Snowboardpisten viel kürzer, das ist etwas schade.» Das sportliche Angebot sei aber auch in Schweden sehr gross. «In Niederwil war ich im Turnverein, das hat mir Spass gemacht. In Schweden habe ich erst Fussball gespielt, dann mit Thai-Boxen begonnen. Da war ich ziemlich gut, einmal habe ich einen Halbfinalisten der schwedischen Meisterschaft besiegt.» Leider wollte sein Körper nicht mitmachen. «Wegen Verletzungen musste ich zweimal operieren. Durch Trail-Running habe ich dann wieder versucht, mich fit zu halten, aber irgendwann ging es nicht mehr. Mein Knie ging kaputt und ich musste nochmals operiert werden.» So ist er nun zurück auf dem Fahrradsattel angelangt.

Winziges Töchterchen Saga

Seine Frau lernte der Ingenieur schon während seines Studiums in Umeå kennen. Während er Technische Physik studierte, wurde sie Archäologin und liess sich später zur Diätassistentin ausbilden. Nach seinem Masterabschluss arbeitete Kenji erst im Spital Umeå als Ingenieur mit Ultraschall, doch bekamen seine Projekte zu wenig Unterstützungsgelder. 2013 heiratete das Paar und zog nach Hudiksvall, dann nach Katrineholm und im vergangenen Herbst nach Norrköping in Mittelschweden. Sie wohnen in einer 3-Zimmer-Wohnung im 8. Stock, umgeben von vielen Parks. «Es ist schon eine grosse Stadt mit 135 000 Einwohnern, aber es gibt keine richtig grossen Hochhäuser und ist sehr grün. Wir haben beide tolle Jobs, zu denen wir je etwa 30 Minuten pendeln müssen. Das passt gut.» Kenji Claesson ist heute Programmierer bei Saab, «aber nicht für Autos, sondern für Flugzeuge. Ich teste beispielsweise den Fighter-Jet Gripen, den man in der Schweiz, glaube ich, gut kennt», erzählt er schmunzelnd.

Am 4. April kam seine Tochter Saga zur Welt. «Es geht ihr wunderbar. Dank des schwedischen Sozialsystems kann erst meine Frau bis Februar daheim bei ihr bleiben, anschliessend werde ich bis im August auf sie aufpassen.» Kontakt zu Schweizern hat er höchstens noch via Internet. «Es hat mir sehr gut gefallen in der Schweiz und ich werde sie sicher auch wieder besuchen. Aber leben möchten wir in Schweden.»

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