Eggenwil
Seit 30 Jahren ist Walter Bürgi Gemeindeschreiber – zum Jubiläum gab es eine Harley

Er ist der Freiämter Gemeindeschreiber, der selbst in den Zeiten, wo gar nichts los ist, noch spannende Geschichten ausgräbt. Und das seit drei Jahrzehnten. Dabei hätte er eigentlich gar nicht lang in Eggenwil bleiben wollen. Der passionierte Töfffahrer hat in seiner Laufbahn schon viel erlebt.

Marc Ribolla
Merken
Drucken
Teilen
Walter Bürgi mit dem Dorfkern von «seinem» Eggenwil im Hintergrund.

Walter Bürgi mit dem Dorfkern von «seinem» Eggenwil im Hintergrund.

Alex Spichale

Nein, im Mittelpunkt steht er gar nicht gern. Auch wenn er die wichtigste Funktion auf der Gemeindeverwaltung innehat. Frei von der Leber weg sagt Eggenwils Gemeindeschreiber Walter Bürgi deshalb auch: «Ich hätte es gar nicht an die grosse Glocke gehängt. Leider hat aber das Buschtelefon funktioniert.»

Gemeint ist sein 30-Jahr-Jubiläum als Gemeindeschreiber Anfang dieser Woche. Bürgi konnte es nicht verheimlichen, obwohl er seinen intern geplanten Apéro wegen Corona gar nicht durchführen konnte. Er habe am Montag ganz normal gearbeitet – bis er am Feierabend vor vollendete Tatsachen gestellt wurde.

Eine Modell-Harley, ein Gläschen Wein viele lieben Worte

«Gemeinderäte und meine Verwaltungsmitarbeiter überraschten mich mit einem Geschenk, einer kleinen Modell-Harley aus Metall. Damit hätte ich nie und nimmer gerechnet», erzählt der 52-Jährige. Er ist in seiner Freizeit ein passionierter Töfffahrer. Natürlich durfte auch ein Glas Wein im kleinen Rahmen nicht fehlen.

Eine Auswahl der Geschenke, die Walter Bürgi von der Verwaltung, dem Gemeinderat und der Bevölkerung erhalten hat.

Eine Auswahl der Geschenke, die Walter Bürgi von der Verwaltung, dem Gemeinderat und der Bevölkerung erhalten hat.

zvg

Weil Bürgis spezielles Jubiläum auch im offiziellen Gemeinde-Newsletter, der an rund 700 Abonnenten verschickt wird, thematisiert worden war, gab es auch viele Reaktionen aus der Bevölkerung. Der Jubilar sagt:

«Ich habe etwa 40 E-Mails mit Gratulationen beantwortet. Einige Einwohner haben sogar noch kleinere Geschenke auf der Kanzlei vorbeigebracht.»

Die Stelle trat er damals als 22-Jähriger, der im zürcherischen Rümlang wohnte, an. Er habe sich beworben, «aber ich hatte keine Ahnung, wo Eggenwil liegt. Am Anfang dachte ich, ich würde nicht sehr lange hier bleiben».

«Im Herzen bin ich ein Freiämter»

Wenn Bürgi auf seine Anfänge zurückblickt, erinnert er sich an die Nachwehen einer chaotischen Phase vor seiner Zeit. Im Juli 1990 traten drei Gemeinderäte zurück, auch die Verwaltung war am Boden. «Es war furchtbar. Im Rückblick muss ich aber sagen, dass ich nicht so viel gelernt hätte, wenn nicht so missliche Verhältnisse geherrscht hätten.»

Geblieben ist er trotzdem. Die drei Jahrzehnte seien gefühlt sehr schnell vorbeigegangen. Noch immer ist er in Rümlang wohnhaft. «Im Herzen bin ich aber ein Freiämter und mein Heimatort ist Zeihen im Fricktal», sagt Bürgi.

Wie sehr ihm der Aargau am Herzen liegt, beweist er mit einer Aussage: «Am Anfang meiner Tätigkeit hier bekam ich im privaten Umfeld oft die bekannten Aargauer-Sprüche wegen der weissen Socken oder AG gleich ‹Achtung Gefahr› zu hören. Das hat mich immer genervt», schildert Bürgi. Dabei habe der Aargau zum Beispiel das deutlich bessere Baugesetz als der Kanton Zürich, lobt er.

Er ist nicht nur Gemeindeschreiber, sondern auch Bauverwalter

Er weiss, wovon er spricht. Denn er ist nebst Gemeindeschreiber auch noch Eggenwils Bauverwalter. Eine Personalunion, die heute nur noch ganz selten anzutreffen ist. «Diese Kombination ist anstrengend, das ist mir bewusst.» Er sagt deshalb auch:

«Der Bürger erwartet in einer kleinen Gemeinde heute die gleichen Leistungen wie in einer grossen Gemeinde.»

Seit 16 Jahren ist Bürgi nebst dem Amt als Gemeindeschreiber auch operativer Leiter der Verwaltung. In seiner Laufbahn hat er über 20 Lernende ausgebildet und rund 25 Gemeinderäte erlebt. Bürgi zeichnete von 2006 bis 2016 auch als kantonaler Chefprüfungsexperte für die Abschlussprüfungen der Branche öffentliche Verwaltung verantwortlich.

Walter Bürgi ist auch Bauverwalter von Eggenwil.

Walter Bürgi ist auch Bauverwalter von Eggenwil.

Alex Spichale

Als er anfing, hatte das heutige 1000-Seelen-Dorf noch halb so viele Einwohner. Eggenwil in Richtung einer noch grösseren Gemeinde zu verlassen, war für Bürgi aber nie ein Thema. Er hat grosse Freude an seiner Tätigkeit und verrät:

«Mich reizt das Generalistentum hier. So etwas bekommt man in einer grösseren Gemeinde heutzutage nicht mehr.»

Er sei ein Verfechter des Milizsystems und betont, dass «eine Gemeinde keine Firma» ist. Doch das Milizsystem im Gemeinderat stehe vor einer Herausforderung. «Ich sehe, dass es an Grenzen stösst, und ziehe den Hut vor allen, die sich im Rat engagieren.»

Nach Töffunfall auf der Intensivstation

Wie engagiert sich Bürgi für Eggenwil einsetzt, spürt man, wenn er auf die Abstimmungen zu sprechen kommt. Die Gemeinde gab früher ihre ausgezählten Resultate am Sonntag stets sofort und deutlich vor dem Mittag bekannt. Bis der Bund 2019 in einer Weisung vorschrieb, dies verbindlich erst um 12 Uhr zu tun.

«Ich bin heute noch der Meinung, dass dies ein Fehlentscheid ist. Aber wir halten uns natürlich dran», sagt Bürgi, der das damals nicht einsah und es mit der Geschichte bis in die NZZ schaffte.

In seinem beruflichen wie privaten Leben ist er nur einmal abrupt ausgebremst worden. Vor rund 15 Jahren verunfallte Bürgi mit dem Töff auf einem Ausflug schwer, lag auf der Intensivstation und fiel sechs Wochen aus. «Ich hatte grosses Glück und bin froh, dass ich heute absolut keine Nachwehen des Unfalls mehr verspüre», erklärt er. Das Töfffahren geniesse er heute bewusster.

Und auch seine Arbeit auf der Eggenwiler Gemeindekanzlei geniesst er weiterhin. Das merkt man an kleinen Dingen, beispielsweise den Gemeindemitteilungen, die er immer donnerstags verschickt. Denn selbst wenn alle anderen Gemeinden im Januarloch oder im Sommer nichts zu berichten haben, Bürgi gräbt immer noch die eine oder andere tolle Geschichte aus. Und es gibt kaum je ein E-Mail, das er nicht mit aufgestellten Wünschen beschliesst, beispielsweise mit «Beste Grüsse und allen einen sonnigen Abend» oder «Es gfreuts Tägli».