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Die Wildsau geht jetzt Vespa fahren

Toni Widmer, Reporter, Ressortleiter und Journalist wird pensioniert. Eigentlich unvorstellbar. Ein paar Weggefährten aus seinen 33 Jahren bei der Aargauer Zeitung teilen hier ihre Erinnerungen.

Er will kein Fest, keine Reden und schon gar keinen salbungsvollen Artikel am Ende seiner Karriere als Journalist. Am liebsten würde er einfach auf seine Vespa steigen und der Bude den Auspuff zeigen.

Doch das kann Toni Widmer vergessen. Dafür hat er in seinen 33 Jahren beim Badener und Aargauer Tagblatt, die später zur Aargauer Zeitung wurden, viel zu viel Staub aufgewirbelt, zu viele Kämpfe ausgefochten, zu oft seinen Dickschädel gegen Wände gehauen und mit seinem Rammbock-Charme zu viele Leute zum Schmunzeln gebracht.

Wir haben einige seiner Weggefährten gebeten, ihre Erinnerungen an die vergangenen 33 Jahre zu teilen.

Ein feines Gehör trotz hoher Arbeitslautstärke

Toni Widmer ist ein Journalist der alten Garde. Er hat ursprünglich Schriftsetzer gelernt und rutschte nach und nach ins Schreiben rein. Die ganze Geschichte dazu erzählt er etwa alle drei Monate, wenn er wieder einmal feststellt, wie stümperhaft heutzutage mit den Schriftgrössen oder Zeichenabständen umgegangen wird. Da kocht sein eingebläuter Schriftsetzerstolz hoch.

Das ist generell so bei Toni: Mindestens alle paar Monate erzählt er dieselben Geschichten. Manchmal Leuten, die sie noch nicht kennen, manchmal denen, die sie schon oft gehört haben.

Und er nervt sich über die Wohler Kirchenglocken. Denn – und das hätten ihm viele nie gegeben – er ist auch ausgebildeter Musiker mit einem sehr feinen Gehör. Obwohl er im Büro nicht selten ins Telefon schreit.

Aber das ist eben seine Arbeitslautstärke. Apropos Wohler Kirchenglocken: Nachdem er 1986 im Ressort Bremgarten angefangen hat, kam er schon 1987 nach Wohlen. Ab 2004 arbeitete er ein paar Jährchen in Aarau, kurvte aber als Polizeireporter durch den ganzen Kanton und kam 2013 als Ressortleiter zurück ins Freiamt.

Seit einem Jahr ist er nun normaler Redaktor dort. Und genau heute ist sein offiziell letzter Arbeitstag.

Man darf ihn ruhig eine Wildsau nennen

Toni Widmer ist eine Wildsau. Das darf man so sagen, er würde es nie dementieren. Denn wer einen halbseitigen Kommentar zur Wohler Wirtschaftslage oder einen ganzseitigen Artikel über komplizierte neue Pläne in der Wasserversorgung der Region in einer guten Dreiviertelstunde runterhämmert, für den gibt es kaum einen anderen Ausdruck.

Töneli redet mit allen gleich, plaudert so lange über Belangloses, bis sie ihm das eine oder andere Geheimnis anvertrauen. Doch obwohl er so viel plaudert, ist er auch verschwiegen.

Der Mann hat so viel Wissen im Kopf, der kennt die Hintergründe vieler vertraulicher Fälle im ganzen Aargau. Und kann sie nach Jahren noch rekapitulieren. Doch missbrauchen würde er das Wissen nie.

Man vertraut ihm. Und zwar von links bis rechts. Töneli verarscht niemanden. Wohl die meisten Politiker haben schon über ihn geflucht, doch kaum einer fühlt sich am Ende ungerecht behandelt. Er respektiert jene Leute am meisten, die ihm die Stirn bieten. Aber wir wollen ja nicht salbungsvoll werden.

Die fünf Phasen eines Toni-Artikels

Toni ist stur wie ein Bock, aber er hat, wenn es sein muss, auch Fingerspitzengefühl. Das musste er als Ressortleiter Freiamt oft beweisen. Doch seit er nicht mehr Ressortleiter ist, perfektioniert er fünf Phasen eines Toni-Artikels.

Als Erstes sagt er, wenn man ihm einen Artikel zuweist: «Keine Lust.» Das nimmt er sich raus, denn er gehört ja ab heute zu den renitenten Pensionären. Danach kommt die Phase: «Das gibt nichts her.» Bei beiden Phasen braucht man bloss abzuwarten.

Denn dann liest er sich ins Thema ein oder ruft irgendeinen Gemeindeschreiber an und kommt zum Schluss: «Ah, vielleicht doch.» In der vierten Phase haut er in die Tasten. Spätestens nach einer Stunde sieht man ihn vor seinem Bildschirm grinsen, wenn er sagt: «Chef, ich habe zu wenig Platz.»

Und wenn er dann fertig ist mit dem Text, seine Töffjacke anzieht und den Helm nimmt, grinst er wieder. Das ist die Phase fünf. Bei der erzählt er nochmals vom Thema und sagt: «Das ist geil.»

In diesem Sinne: War eine geile Zeit mit dir, Töneli, du Wildsau. Wir sind froh, dass es jetzt etwas leiser wird im Büro. Aber wir werden deine fünf Phasen vermissen. Und deine Leidenschaft für die spannenden Themen. Schön, dass du uns als freier Journalist erhalten bleibst.

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