Wohlen/Muri
Die Kalte Sophie im Regenkleid – für die Bauern stets ein Berufsrisiko

Die Eisheiligen sind für Gemüse- und Obst-Bauern immer noch wichtig. Dennoch mutiert die Volksweisheit zum unromantischen Berufsrisiko.

Lina Giusto
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Zwischen Boswil und Bünzen werden die Felder bearbeitet.

Zwischen Boswil und Bünzen werden die Felder bearbeitet.

Lina Giusto

Die Eisheiligen besuchen uns gemäss Kalender dieses Jahr in der Auffahrtswoche. Die Tage der gestrengen Herren finden regional unterschiedlich während dreier bis fünf Tage Mitte Mai statt. Die Wetterheiligen bringen die letztmögliche Kälteperiode mit Nachtfrostgefahr, bevor die Frühlingstemperaturen stabil werden. «Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist», besagt die Bauernregel. Demnach warten der erfahrene Gärtner und die Bauern bis zum 15. Mai, bevor sie mit der Bepflanzung der Böden und der Aussaat von empfindlichen Kulturen beginnen.

Bauernregeln

Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist.

n Pankratius und Servatius bringen oft Kälte und Verdruss.

- Vor Bonifaz kein Sommer, nach der Sophie kein Frost.

- Wenns an Pankratius friert, so wird im Garten viel ruiniert.

- Pankrazi, Servazi und Bonifazi, sind drei frostige Bazi. Und zum Schluss fehlt nie, die Kalte Sophie.

- Pankratz und Urbanitag ohne Regen – versprechen reichen Erntesegen.

- Pankraz, Servaz, Bonifaz machen erst dem Sommer Platz.

Der Blick auf die regionalen Felder zeigt nach dem mehrheitlich warmen April ein anderes Bild: Die Apfel- und Kirschbäume treiben die ersten Blüten und auf vielen Feldern sind Kartoffeln, Salat und Rüebli bereits gepflanzt.

Risiko für Obst und Gemüse

Der Spätfrost ist für Gemüse- und Obst-Bauern trotz Ausweichmöglichkeiten in Treibhäuser oder durch Abdeckung der Felder immer noch ein aktuelles Thema. «Kommt im Mai der Spätfrost, erfriert das Gemüse. Dann müssen wir mit grossen landwirtschaftlichen Einbussen rechnen», sagt Alois Kohler, Abteilungsleiter Grünbetrieb vom Murimoos. Der angekündigte Kälteeinbruch gegen Ende der Woche bereitet Kohler aber kaum Sorgen: «Wie es aussieht, wird es regnen, dann wird es auch nicht so kalt. Werden die Nächte aber klar, wird es heikel für uns.» Sie müssten auf alle Fälle vorbereitet sein und im Kältefall bepflanzte Flächen erneut abdecken.

Für Raphael Müller vom Huserhof in Wohlen dagegen sind die Eisheiligen ein unbeeinflussbares Berufsrisiko und kaum noch ein Thema. Der Regen der vergangenen Wochen hat beim grossflächigen Kartoffelanbau auf dem Huserhof grössere Einbussen gefordert, als es der Spätfrost täte. Die Kartoffel als Knollengewächs kann sich von Oberflächenerfrierung über die Zeit erholen.

Am meisten gefährdet ist bei einem Kälteeinbruch das Feingemüse. Im Murimoos ist es beispielsweise der Sellerie. Im Allgemeinen sind Obst und Gemüse sensiblere Kulturen; einmal erfroren sind sie für den Kompost bestimmt. Deswegen wartet man im Murimoos mit dem Pflanzen von Kürbissen noch bis Ende Mai – dann ist das Risiko für Spätfrost vorüber.

Die «gestrengen Herren»

Kalendarisch beginnt die Zeit der Wetterheiligen am 11. Mai mit Mamertus, gefolgt von Pankratius, Servatius und Bonifatius. Mit der Kalten Sophie endet das Naturphänomen heute. Die besagten Heiligen sind allesamt Bischöfe und Märtyrer aus dem 4. und 5. Jahrhundert. Die Bauernregel zu den Eisheiligen bezieht sich aber noch auf den Julianischen Kalender. Mit der Gregorianischen Kalenderreform um 1582 haben sich die Daten verschoben. So finden die Kälteeinbrüche heute um mehr als eine Woche verschoben, um den 20. Mai herum, statt.

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