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Die Grillsaison lief nicht für alle gut – Schweinefleisch droht der Preiszerfall

Poulet war diesen Sommer sehr beliebt, womit der Trend der letzten Jahre weiter vorangeht. Die Nachfrage bei den Produzenten des Geflügels zeigen das gleiche. Doch Schweinebauer Peter Anderhub lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Dominic Kobelt (Text und Fotos)
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Diese jungen Säuli dürfen noch ein paar Wochen bei ihrer Mutter bleiben.

Diese jungen Säuli dürfen noch ein paar Wochen bei ihrer Mutter bleiben.

Dominic Kobelt

An der Reuss sitzen und dem Zischen lauschen, wenn ein Tropfen Fett in der Glut verpufft, in der Nase den rauchigen Feuergeruch – die Grillsaison neigt sich dem Ende zu. Hoch im Kurs stand bei den Konsumenten dieses Jahr das Pouletfleisch. Das liegt im Trend, denn über die letzten Jahrzehnte ist der Pro-Kopf-Konsum in der Schweiz stetig gestiegen. Im Vergleich: 1991 verspeisten Herr und Frau Schweizer noch knapp 8,3 kg pro Kopf, 2015 waren es über 12 kg. Die inländische Geflügelproduktion ist in dieser Zeit von knapp 35 auf über 87 Mio. kg gestiegen. Schweinefleisch war dagegen in diesem Sommer nicht so beliebt. Anfang August sind die Produzentenpreise innerhalb von acht Tagen um 10 Prozent gefallen, wie der Branchenverband Suisseporcs diese Woche mitteilte. Welche Gründe sehen die Bauern im Konsumverhalten der Schweizerinnen und Schweizer?

Peter Anderhub aus Muri zieht Schweine auf – er leidet unter dem Preiszerfall des Schweinefleischs, Schwankungen seien aber ganz normal und gehörten dazu, sagt er.

Peter Anderhub aus Muri zieht Schweine auf – er leidet unter dem Preiszerfall des Schweinefleischs, Schwankungen seien aber ganz normal und gehörten dazu, sagt er.

Dominic Kobelt

Fettarmes Fleisch beliebt

Beat Wertli aus Zufikon zieht seit zehn Jahren Güggeli auf. Auch er spürt den seit Jahren anhaltenden Trend: «Pouletfleisch ist fettarm. Ich denke, besonders bei den Frauen ist es deshalb beliebt.» Dieses Jahr war die Nachfrage nach Schenkelfleisch besonders gross. «Früher galt das noch fast als Zweitklassware», erklärt er. Den Poulet-Trend kann auch Daniel Kneuss, Vize-Verwaltungsratspräsident bei der Firma Kneuss in Mägenwil, dem viertgrössten Schweizer Geflügelproduzenten, bestätigen: «Da das Interesse am Schweizer Güggeli nach wie vor zunimmt, sind wir über neue Bauernfamilien erfreut, die sich für die Güggeli-Produktion begeistern.» Momentan betreuen 70 Familien Kneuss-Güggeli.

Aufwind also für die Güggeli-Produzenten – haben die Schweinebauern deshalb das Nachsehen? Peter Anderhub aus Muri blickt auf eine 20-jährige Erfahrung zurück und lässt sich von dem Preisrückgang nicht aus der Ruhe bringen. «Schweinehalter sind freie Unternehmer, die nicht nach dem Staat rufen. Es gibt immer wieder Preisschwankungen, weil der Markt spielt, aber das ist auch gut so.» Dies habe damit zu tun, dass das Angebot der Nachfrage hinterherhinke: «Wenn die Preise gut sind, ziehen mehr Bauern Schweine auf, das dauert aber seine Zeit. Dann kommt es zu einem Überangebot und die Preise fallen wieder. Dieses Phänomen ist als Schweinezyklus bekannt.» Zudem sei Schweinefleisch in der Schweiz mit etwa 23 kg pro Kopf und Jahr immer noch das beliebteste Fleisch.

Lieber weniger, dafür gute Qualität

Aber warum werden die Güggeli beliebter? «Bei Poulets kann man in der Zubereitung weniger falsch machen – das ist beim Schweinefleisch schwieriger», sagt Anderhub. Ausserdem habe das Schweinefleisch den Ruf, ungesünder zu sein. Zu Unrecht, wie er findet: «Das ist ein Irrglaube. Schweinefleisch sättigt länger, und tierische Eiweisse sind generell wichtig in der Ernährung.» Der Tipp des Murianer Bauern ist zudem: «Lieber etwas weniger Fleisch, dafür von guter Qualität und aus der Schweiz.»

Aus verschiedenen Gründen trifft Anderhub der Preiszerfall nicht gleich stark wie andere Bauern. Da er für Coop Naturafarm produziere, habe er zwar mehr Arbeit, bekomme für das Fleisch aber auch einen höheren Preis. Ein weiterer Faktor ist der automatisierte Stall, für den er einen Innovationspreis gewonnen hat. Denn die Technik nimmt ihm viel Arbeit ab. Heizung, Lüftung und Beleuchtung funktionieren über Sensoren. So ist der Stall sehr energieeffizient, geheizt wird nur, wenn es nötig ist. Im Sommer sorgt eine Lüftung für Abkühlung. Die Tiere können sogar selber entscheiden, wann sie fressen: Dank eines Chips im Ohr weiss der Computer, ob und wie viel Futter ein Schwein noch zugute hat. Die Tiere leben in grossen Stallungen, die über die Anforderungen der Tierschutznorm hinausgehen. «Haben Schweine genug Platz, halten sie auch Ordnung, und das macht mir weniger Arbeit. Zudem sind Geruchsemissionen viel geringer», erklärt Anderhub.

Der Murianer Bauer kauft Mutterschweine, sogenannte Moren, die dann künstlich besamt werden. Die jungen Säuli sind vier Wochen bei ihrer Mutter, danach nochmals vier bis fünf Wochen auf dem Hof, bevor sie zum Mäster kommen. Da verbringen sie etwa 100 Tage, bis sie schlachtreif sind. Auf Anderhubs Hof leben zwischen 1200 bis 1500 Tiere.

Zehn Jahre Storenächerhof

Der Storenächerhof in Zufikon, in der Nähe des Restaurants Emaus, feiert dieses Wochenende sein 10-jähriges Bestehen mit einem Fest. Die Gäste dürfen Poulet-Köstlichkeiten probieren, aber auch einen Blick hinter die Stalltür werfen. Für Unterhaltung sorgt am Freitag von 18.30 bis 19.30 Uhr der Volksmusiker Marc Pircher. Am Abend geht es musikalisch weiter mit dem Duo Romantica. Am Samstag gibt es Oldtimer-Traktoren und eine Maschinenvorführung zu bestaunen, am Abend sorgt die Band Clou’82 für Unterhaltung. Am Sonntag werden unter anderem
2-Takt-Oldtimer-Motorräder und Velotöffli auf dem Hof gezeigt. Programm unter www.storenaecher.ch

Auch Güggeli-Hof automatisiert

Zwischen den beiden Bauernhöfen in Zufikon und Muri gibt es durchaus Parallelen. Um 14.56 Uhr blickt Wertli auf die Anzeige im Storenächerhof: Die 11'500 Küken haben seit dem Morgen schon 391 Liter Wasser getrunken und 675 kg Futter verputzt. Sie sind 12 Tage alt und im Schnitt 327 Gramm schwer. Wertli hat einen Vertrag mit Kneuss Güggeli, achtmal pro Jahr bekommt er Küken, die frisch aus Schweizer Eiern geschlüpft sind. Über 90'000 Hühner liefert er jährlich ab. Die Tiere wiegen um die 35 Gramm, wenn sie auf den Storenächerhof kommen, und rund 2,1 kg, wenn sie ihn verlassen. «Früher gab es 2,5 kg schwere Poulets, die sind heute aber nicht mehr gefragt. Das Pouletschnitzel muss ins Schema des Konsumenten passen», erklärt Wertli.

Die grosse Nachfrage bedeutet für die Familie Wertli, dass zügig gearbeitet werden muss, maximal eine Woche steht der Stall zum Ausmisten und Desinfizieren leer. Sämtliche Anlagen zum Füttern und Tränken der Tiere sind an der Decke befestigt und können zum Ausmisten hochgefahren werden. Wasser und Futter werden automatisch zugeführt und die Luft auf die richtige Temperatur geheizt. Mit 22 Tagen dürfen die Küken in den Aussenbereich. Alles ist so eingerichtet, dass es die Anforderungen an ein besonders tierfreundliches Stallsystem erfüllt. Das kommt der Gesundheit der Tiere zugute – in den zehn Jahren musste Wertli nur einmal Antibiotika einsetzten. Dies darf er nur in Zusammenarbeit mit dem Veterinär. Schliesslich zählt das Tierwohl am meisten – egal, ob es im Stall grunzt oder gackert.

Rund 11 500 Küken leben auf dem Storenächerhof von Beat Wertli in Zufikon.

Rund 11 500 Küken leben auf dem Storenächerhof von Beat Wertli in Zufikon.

AZ