MaturTortur

Der Kanti-Schnösel, der mit seinen Kolumnen Lehrer ärgerte

Patrick Züst in der Kantonsschule Wohlen.

Patrick Züst in der Kantonsschule Wohlen.

Patrick Züst schrieb wöchentlich über sein letztes Schuljahr an der Kantonsschule Wohlen. Im Abschlussinterview erzählt er, auf welche Kolumne er am meisten Feedbacks erhalten hatte und warum er trotz Kritik nie beim Rektor antraben musste.

Patrick Züst, du hast in der vergangenen Woche die letzte #MaturTortur-Kolumne geschrieben. Ein Jahr lang hast du den az-Lesern in wöchentlichen Kolumnen deine Kantizeit näher gebracht. Was bleibt dir am meisten?

Patrick Züst: Die Reaktionen und der Austausch mit den Lesern. Mich haben die zahlreichen Rückmeldungen immer wieder gefreut – ob Lob oder Kritik.

Auf welche Kolumne hattest du am meisten Feedbacks erhalten?

Auf die Kolumne, in der ich offenbarte, dass ich Zivildienst leisten werde, haben sich unglaublich viele Leser gemeldet. Das hat mich am meisten überrascht. Bei den Lehrern und der Schulleitung der Kanti Wohlen warf die Kolumne über die Schwänzkultur hohe Wellen. Dazu gab es auch kritische Leserstimmen, wonach man als Steuerzahler doch ein Anrecht habe, dass Schüler die Schulstunden besuchen.

Und nach der Publikation dieser Schwänzkultur-Kolumne musstest du beim Rektor antraben?

Nein, ich hatte das Glück, dass der Schulleiter der Kanti Wohlen, Franz Widmer, die Kolumnen sehr easy zur Kenntnis nahm und auch mal darüber lachen konnte. Schliesslich erzählte er mir an der Maturfeier, dass er früher als Kantischüler an vorderster Front Generalstreiks organisiert hatte (lacht).

Patrick Züst: «Das Schöne an der Kantizeit ist, dass man fast ebenbürtig mit den Lehrern diskutieren kann.»

Patrick Züst: «Das Schöne an der Kantizeit ist, dass man fast ebenbürtig mit den Lehrern diskutieren kann.»

Wie hat sich die Beziehung der Lehrer zu dir als Kantischüler im Kolumnenjahr entwickelt?

Auf persönlicher Ebene hatte ich stets eine sehr gute Beziehung zu allen Lehrern. Das Schöne an der Kantizeit ist, dass man mit den Lehrern fast ebenbürtig ist und auf persönlicher Ebene wertvolle Diskussionen führen kann. Schulisch war ich nicht unbedingt ein Musterschüler, auch wenn ich stets meine Leistungen gebracht habe. Ich habe auch mal Sachen kritisch hinterfragt und nachgebohrt.

Wie kamen die Kolumnen bei deinen Mitschülern an?

(überlegt lange) Grundsätzlich kamen sie sehr gut an. In der Mensa wurden die Texte jeweils rege diskutiert. Meine Mitschüler waren die ehrlichste Leserschaft und die besten Inputgeber. Die Kollegen haben mir stets mitgeteilt, wenn sie etwas langweilig oder etwas total daneben empfanden.

Was hat sie denn konkret gestört?

Jene Kolumnen, welche zu viel Lob von Seiten der Lehrer führten, waren meist auch die Kolumnen, welche unter meinen Mitschülern Kritik auslösten. So beispielsweise die Frage nach dem Unterrichtsstoff, welcher uns Schülern an der Kantonsschule vermittelt werden soll: Viele meiner Kollegen forderten, dass die Unterrichtsinhalte ohne direkten Praxisbezug mit lebensnäherem Inhalt ersetzt werden: Wie füllt man eine Steuererklärung aus? Wie schliesst man eine Versicherung ab? In den Augen vieler Kollegen hatte ich dabei zu wenig kantikritisch argumentiert.

Gab es auch Mitschüler, die neidisch waren, dass du eine solche Plattform erhieltst?

Nein, das gab es nicht. Zumindest sind sie nicht bis zu mir gelangt (lacht).

Du hast auch mitten in der Lern- und Prüfungsphase wöchentlich Kolumnen geschrieben. Wie hast du das hingekriegt?

Manchmal besser, manchmal weniger gut. Ich musste Prioritäten setzen. Teilweise musste ich bis morgens um drei Uhr noch eine Kolumne schreiben, um den Abgabetermin einzuhalten. Aber schlussendlich konnte ich es stets unter einen Hut bringen.

Warst du nachts denn besonders ideenreich, um Themen für die Kolumnen zu finden?

Die Ideen sind mir dann zumindest gekommen. Ich arbeite gerne unter Druck. Ich hatte es mir in der Kantizeit – freiwillig oder unfreiwillig – etwas angeeignet, unter Druck gute Leistungen zu bringen.

Jetzt bist du nicht mehr in der Schule und darfst es ja verraten: Was hättest du gerne geschrieben, ist dann aber der Zensur zum Opfer gefallen?

Gewisse Episoden mit Bezug auf die Lehrer – Alkoholgeschichten an Schulfesten. Oder gerne hätte ich über den Klassenausflug nach Ungarn geschrieben, bei dem wir lustige Momente mit den Lehrern erlebten. Da gäbe es viele gute Geschichten. Ich bin mir aber bewusst, dass dies bei vielen falsch aufgefasst worden wäre.

In deiner letzten Kolumne hast du erwähnt, dass du auch von bekannten Politikern Feedback erhalten hast. Jetzt wollen wir wissen, wer das war.

Sie haben mir viel eher als Leser geschrieben und weniger als Politiker. Bildungsdirektor Alex Hürzeler hat mich bei einem Anlass auf die Kolumnen angesprochen und mich gelobt. Begeisterte Rückmeldungen erhielt ich auch vom ehemaligen EVP-Nationalrat Heiner Studer. Zur Zivildienst-Kolumne schrieb er mir ein langes Mail und nun zum Abschluss lud er mich zu einem «Kennenlernen-Kurz-Hosen-Sommer-Treff» ein. Und einige Grossräte schätzten den Perspektivenwechsel – mal etwas Neues, etwas Junges.

Und gleichzeitig wartest du noch auf ein Feedback von Bundesrätin Doris Leuthard.

Ein Feedback eines Bundesrates fehlt mir noch. Ich würde mich riesig freuen von ihr zu hören!

Patrick Züst: «Der Rektor nahm die Kolumnen sehr easy zur Kenntnis»

Patrick Züst: «Der Rektor nahm die Kolumnen sehr easy zur Kenntnis»

Du stellst in deiner letzten Kolumne die Frage, ob es eine gute Entscheidung war, «dem jungen Schnösel eine Carte blanche auszustellen».

Ich bin der Aargauer Zeitung enorm dankbar, dass ich die Chance erhielt und es mir ermöglicht wurde, ehrlich über den Schulalltag eines Kantischülers zu berichten und den Schulalltag aus einem anderen Blickwinkel aufzuzeigen. Es hat Spass gemacht und ich glaube, es ist mir gelungen, über Sachen an der Kanti zu schreiben, von der die Bevölkerung keine Ahnung hatte.

Wann hättest du denn selber die rote Karte gezückt?

Ich habe mich beim Schreiben stets hinterfragt, ob man dies und jenes publizieren darf. Das Ziel war, dass es keine Wohlfühl-Serie im Sinne der Kantischule geben soll. Selber habe ich auch immer wieder Sachen verworfen, die eine Grenze überschritten hätten. Unter dem Strich haben wir einen guten Mittelweg gefunden, ohne dabei von der Wahrheit des Kanti-Alltags abzurücken.

Du musst auf einen Schlag nicht mehr in die Schule und schreibst keine Kolumne mehr. Fällst du jetzt in ein Loch?

Bis jetzt noch nicht. Langweilig wird mir bestimmt nicht. Ich freue mich erst mal auf den Sommer, ich werde an Openairs festen, campen, auf Interrailreisen gehen und mit Nebenjobs ein bisschen Geld verdienen. Mitte August beginne ich dann trotz aller Kritik der Leser mit meinem Zivildienst. In Birmensdorf kann ich an der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL einen längeren Einsatz leisten. Und in einem Jahr will ich dann ein Studium beginnen, weiss aber noch nicht, in welche Richtung es gehen soll.

Vielleicht Journalismus, mit dem Ziel, Chefredaktor der Aargauer Zeitung zu werden?

Da müsste man zuerst Christian Dorer fragen. Auf alle Fälle habe ich am selben Tag Geburtstag wie er – schon mal kein schlechtes Omen, oder? Im Ernst: Ich will noch nichts ausschliessen.

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