Wohlen
Cabaret «Weichi Bire» füllt Säle und Zeitungsspalten – doch das Zürcher Gastspiel war der Anfang vom Ende

Vor 60 Jahren begeisterte «Weichi Bire» das Publikum und sorgte für einen Kleinkrieg in den beiden Lokalblättern.

Toni Widmer
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Rosmarie Dennler, Alvaro Casadio, Yvonne Widmer und Werner Hoffmann auf der Bühne (rechts).
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Cabaret «Weichi Bire»
«Weichi Bire» füllte den Sternensaal, der jahrelang kaum genutzt worden war, mit Leben.
«Weichi Bire»
Plakat der ersten Spielsaison.

Rosmarie Dennler, Alvaro Casadio, Yvonne Widmer und Werner Hoffmann auf der Bühne (rechts).

Zur Verfügung gestellt

«Wenn di euis ned wähle tüend, streikid mer druflos. Keini stod am Morge uf, keini choched meh, keini stopft es Loch im Strumpf, keini macht me s’Näscht. Wenn der Alt denn täubelet, machid mer es Fäscht.» – Man schrieb das Jahr 1958, als Rosmarie Dennler (†2015) und Yvonne Widmer im Wohler Sternensaal mit diesem Vers die Wohler Männer das Fürchten lehrten. «Ich bin nur ein armer Pantoffelheld, denn d’Regierig, das isch jetzt mini Frau. De Hushalt, d’Erziehig sind Näbesach, was ich ztue ha, seid sie mer au», malten Alvaro Casadio (†1995) und Werner Hoffmann die Zukunft des «starken Geschlechts» in düsteren Farben aus.

Die Männer kamen (noch einmal) glimpflich davon: Am 1. Februar 1959 scheiterte die erste Volksabstimmung über die Einführung des eidgenössischen Frauenstimmrechts an der Urne haushoch. Bei einer Stimmbeteiligung von 67% hatte sich 66% der Bevölkerung gegen dieses Vorhaben ausgesprochen, lediglich 33% waren dafür.

Das Frauenstimmrecht war eines der Themen, denen sich das Wohler Cabaret «Weichi Bire» vor 60 Jahren gewidmet hat. Mit seinem politisch gefärbten und oft auch kirchenkritischen Programm sorgte das Quartett nicht nur immer und immer wieder für einen vollen Sternensaal, sondern auch für volle Zeitungsspalten. «Weichi Bire» polarisierte und die Reaktionen in den redaktionellen Besprechungen und Leserbriefen blieben nicht aus.

Jetzt hat der 20-jährige Samuel Meier die Geschichte dieses Cabarets, das aus verschiedenen Gründen nur vier Jahre aktiv war, im Rahmen seiner Maturarbeit aufgearbeitet. Und er hat dabei auch viel über seinen Grossvater erfahren. Hermann Meier (†1980) war, zusammen mit dem legendären Wohler Lehrer und Journalisten Franz Schmid (†1997), für die Texte von «Weichi Bire» verantwortlich, der in der Region ebenfalls bestens bekannte Lehrer und Musikus Peter Dubler, Kallern (†2012), sass am Klavier, schrieb aber auch die eine oder andere Nummer.

«Das Cabaret ‹Weichi Bire› war das erste und bisher einzige Wohler Cabaret. Es feierte im November 1958 Premiere und füllte den Sternensaal während seiner Spielzeiten von November 1958 bis März 1959 und November 1960 bis März 1961 Wochenende für Wochenende mit seinen satirischen, zeitgenössischen und teilweise auch ein wenig frechen Nummern, die häufig einen starken lokalen Bezug hatten», hält Samuel Meier in seiner Maturarbeit fest.

Die Idee zum Unternehmen hatte Franz Schmid gehabt und er konnte nach und nach die anderen Mitglieder dafür begeistern. «Die Idee der Truppe war es, basierend auf den klassischen Cabarettraditionen im Stile von Cornichon, Voli Geiler, Walter Morat etc., ein regionales, auf das Freiamt angepasstes Cabaret zu machen», schreibt Meier in seiner Arbeit. Erklärtes Ziel sei es dabei gewesen, das Publikum zu unterhalten und nicht ständig zu belehren. Der Name «Weichi Bire» entstand aus Zufall.

Vierzehn Nummern umfasste das erste Programm, mit dem das Cabaret im November 1958 den Sternensaal wiederbelebte, in dem zuvor über Jahre keine Veranstaltungen mehr stattgefunden hatten. «Die Szenen waren kritisch und ans aktuelle Geschehen angepasst. Sie waren nicht allzu derb und böse, sondern verstanden es, die Kritik versteckt zu formulieren und in einen geeigneten Rahmen zu bringen», schreibt Samuel Meier. Die Nummern hätten neben dem inhaltlichen auch in den unterschiedlichsten Darstellungsformen überzeugt und, hält er weiter fest, «es gab neben schriftdeutschen Texten auch solche in Mundart, dazu Reime, Verse, Dialoge, Monologe, Lieder und Zitate. Das verlangte ein gebildetes Publikum, da sonst gewisse Witze gar nicht verstanden werden konnten.»

Offenbar gab es in Wohlen und der Region genügend «gebildete Leute», welche fähig waren, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Die Vorstellungen waren während der Cabaret-Saison praktisch immer ausverkauft.

So begeistert das Publikum war, so gemischt waren die Kommentare in den Zeitungen. Dazu muss man wissen, dass Franz Schmid damals für die FDP-nahe «Freiämter Zeitung» schrieb, die mit dem CVP-nahen und mit der Kirche stark verbundenen «Wohler Anzeiger» im harten Konkurrenzkampf stand. Entsprechend kritisch berichtete der «Wohler Anzeiger» über «Weichi Bire», wenn er denn überhaupt berichtete. Im Laufe des zweiten Programms, das im Winter 1960/61 gespielt wurde, kam es gar zu einem eigentlichen Zeitungskrieg.

«In wenigen Zeilen schrieb KV-Rektor Eugen Bischof, dass das Programm entweder über aller Kritik oder unter aller Kritik stünde. Ihm hätten zwar die Musik und das Naturtalent Rosmarie Dennler gefallen, die anzüglichen Nummern, die antiquierten Themen und die Hammerschläge hätten ihm aber missfallen.» Als Antwort auf diese dürftige Kritik, schreibt Meier weiter, sei ein Leserbrief in der «Freiämter Zeitung» gefolgt. Dort hatte ein Leser geschrieben, es sei nicht verständlich, dass der «Wohler Anzeiger» einer breiten Leserschaft die Schilderung der Cabaret-Premiere schlichtweg vorenthalte oder sie nur so nebenbei erwähne. Der «Wohler Anzeiger» wiederum reagierte jetzt mit einer längeren, dafür noch vernichtenderen Kritik der Aufführung, worauf der freie Journalist Peter Breitschmid seinerseits in der «Freiämter Zeitung» die nächste Breitseite gegen den «Wohler Anzeiger» abfeuerte. Und so weiter.

Samuel Meier: «Vielleicht gibt es ja ein kleines ‹Weichi Bire›-Revival im Sternensaal»

Samuel Meier hat seinen Grossvater nicht mehr kennen gelernt. Hermann Meier ist schon 1980 gestorben. Doch von der Cabaret-Kiste auf dem Estrich seines Vaters, Jörg Meier, hat er gewusst. Genauer angeschaut hat er sie erst, als er auf der Suche nach einem Thema für seine Maturarbeit war. «Ich habe Zeitungsartikel gefunden, Sitzungsprotokolle, Abrechnungen, Fotos und die Skripts der Nummern.»

Er war fasziniert und untersuchte weitere «Cabaret-Kisten»: Jene von Franz Schmid, die Sohn Tomi hütet, sowie die Unterlagen, die Yvonne Amsler-Widmer aufbewahrt hat. Dazu führte er Gespräche mit Yvonne Amsler-Widmer und Werner Hoffmann, den noch lebenden Mitgliedern des Ensembles.

«Ich musste die Unterlagen erst einmal sortieren, um mir einigermassen einen Überblick verschaffen zu können. Das war sehr aufwendig, aber ebenso spannend», sagt der 20-jährige Maturus. Von seinen bisherigen Arbeiten sei er es gewohnt gewesen, im Internet zu recherchieren. Doch hier habe Herr Google ihm nicht helfen können: «Wenn ich ‹Weichi Bire› eingegeben habe, kamen da höchstenfalls ein paar Rezepte», lacht er.

Aus der Sichtung der zahlreichen Dokumente und den Schilderungen von Yvonne Amsler und Werner Hoffmann habe er viel über das Unternehmen Cabaret gelernt, aber ebenso viel über das Wohlen von damals: «Es war absolut spannend, in diese Welt einzutauchen. Zu sehen, was Wohlen und die Region bewegt hat, wie emotional über das Frauenstimmrecht diskutiert wurde, das für mich seit je eine Selbstverständlichkeit ist, und wie über die ‹Tschinggen›, die damals 20 Prozent der Wohler Bevölkerung ausmachten, was offensichtlich ähnliche Ängste schürte, wie heute die Einwanderer aus anderen Ländern.»

Für seine Abhandlung über das Cabaret Weichi Bire hat Samuel Meier an der Kanti Wohlen einen blanken Sechser eingefahren.

Was sagen jene dazu, die diese Zeit auf der Bühne miterlebt haben? «Sie waren begeistert und freuen sich, dass die Geschichte ihres Cabarets erhalten bleibt.» «Vielleicht», sinniert er, «gibt es ja jetzt auch ein kleines Revival im Sternensaal, mit den Fotos, Tonaufnahmen und Original-Skripts von damals.»

Samuel Meier selber macht jetzt erst einmal ein bisschen Ferien. Dann wartet der Zivildienst, den er als Klassenassistent an der Primarschule Wohlen absolvieren kann. Und später, studiert er Theaterwissenschaften? Er lacht: «Ich denke schon, dass ich studieren werde. Die Richtung ist aber noch völlig offen.» (to)

«Dieses Hin und Her in den Zeitungen spiegelte sich auch in der Bevölkerung wieder. Während die katholischen, konservativen Wohler das Cabaret lieber gar nicht erst besuchten und meist negativ darüber sprachen, waren die freisinnig Denkenden eher begeistert und lobten es geradezu überschwänglich», schreibt Samuel Meier.

Die schärfste Kritik in Wohlen war harmlos gegenüber dem, was dem Cabaret «Weichi Bire» in Zürich blühte. Dort wollte sich das Ensemble, nach den durchschlagenden Erfolgen in Wohlen, auf der grossen Bühne beweisen, im Zentrum des Schweizer Cabarets, im «Hirschen», wo berühmte Formationen wie «Pfeffermühle», «Cornichon» oder «Federal» ihre Auftritte hatten. Meier schreibt, dass die Wohler Kabarettisten offenbar vom «Hirschen»-Wirt angefragt worden waren und sich nicht lange bitten liessen. Er spricht von Ambitionen, vor allem von Franz Schmid und Alvaro Casadio, «die darauf hofften, entdeckt zu werden».

Premiere 1961

Die Premiere am 1. April 1961 war sehr gut besucht und das Publikum begeistert. Nicht so die Zürcher Medien. «Begabt und voller Spielfreude, aber ihre Begabung liegt unter einer tiefen Schicht von Dilettantismus und schimmert nur von Zeit zu Zeit hervor», schrieb der «Tages-Anzeiger». Und in der «Woche» stand: «Selbst Wohlen hätte da Besseres verdient. Dass sich die ‹Weichen Birnen› auf der Hirschenbühne, die einen Namen hat und Tradition besitzt, abendfüllend produzieren und ernst genommen werden wollen, ist eine Zumutung.» Jetzt war das Cabaret auch für den «Wohler Anzeiger» ein Thema. Genüsslich fasste er die Kritiken zusammen, für ihn war es offensichtlich eine Riesenfreude, das Wohler Ensemble scheitern zu sehen.

Dem «Affen Zucker geben»

Es gab aber auch Lob von höchster Stelle: In der «Schweizerischen Theaterzeitung» schrieb der berühmte Regisseur Carl Ritter: «Jenseits von ‹Tempo halten›, ‹Witze servieren› und dem ‹Affen Zucker geben›, leuchtet da ein Stück Wohlen im Aargau wie ein heiterer Sonnenstrahl in den Zürcher Hirschen hinein. Alle Stimmen sind in Wort und Gesang frisch, musikalisch und schauspielerisch gekonnt und werden mit der Echtheit gegeben, mit der die Bühne die wirksamste Menschendarstellung feiert. Kein Schielen nach dem Hochdeutschen. Dialekt wärmt alle Winkel und Gassen lokaler Heimatliebe.»

«Weichi Bire»

Dennoch war das Zürcher Gastspiel der Anfang vom Ende. «Weichi Bire» spielte zwar noch ein paar weitere Gastspiele mit Erfolg. Ein drittes Programm gab es jedoch nicht mehr. Zum einen war nach den negativen Erlebnissen in der Grossstadt die Luft raus und ein gewisser Frust vorhanden. Zum andern gab es persönliche Veränderungen. Yvonne Widmer heiratete und zog ins Wallis, Werner Hoffmann zügelte nach Bern und Hermann Meier zog sich aus familiären und gesundheitlichen Gründen zurück. Kam dazu, dass aus dem Ausflug nach Zürich neben Frust und Enttäuschung auch ein Defizit von über 2000 Franken resultierte. «Weichi Bire» hatte sich im «Hirschen» eingemietet und konnte wegen der vernichtenden Kritiken in den grossen Zeitungen die Unkosten nicht einspielen. Das erste Wohler Cabaret war Mitte 1961 nach knapp hundert Aufführungen Geschichte.

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