Bezirksgericht Muri
Tätlichkeiten und Beschimpfungen – weshalb eine verblasste «Amour fou» vor dem Richter landete

Ein junger Freiämter soll im Herbst 2019 gegenüber seiner damaligen Freundin mehrfach tätlich geworden sein, sie übel beschimpft und genötigt haben. Nun musste er sich vor dem Bezirksgericht Muri verantworten.

Marc Ribolla
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Der Sitz des Bezirksgerichts Muri.

Der Sitz des Bezirksgerichts Muri.

Marc Ribolla

Mit weissem Cap und sportlich locker gekleidet sass der 26-jährige Oliver (Name geändert) im Saal des Bezirksgerichts Muri vor Gerichtspräsident Markus Koch. Dass er überhaupt antraben musste, ist auf seinen Einspruch gegen einen Strafbefehl zurückzuführen.

Oliver war von der Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten vergangenes Jahr der mehrfachen Tätlichkeit, der Beschimpfung und der versuchten Nötigung schuldig gesprochen worden. Im Zentrum der Verhandlung stand die damalige Beziehung zu seiner einige Jahre jüngeren Freundin Tamara (Name geändert).

Im Herbst 2019 soll er sie an ihrem Wohnort im Bezirk Muri während eines Streits so fest mit dem Bein in die Nierengegend getreten haben, sodass sie kaum noch atmen konnte und starke Schmerzen verspürte.

Ein weiterer Vorfall passierte während einer gemeinsamen Autofahrt einige Wochen später. Gemäss Strafbefehl fasste Oliver Tamara im Streit am Oberschenkel so stark an, dass sie blaue Flecken davon trug. Zudem habe er sie übel beschimpft und ihr gesagt, er mache sie kaputt. Dazu soll der Beschuldigte auf einen Golfschläger im Kofferraum verwiesen haben.

Mit dem Kindersitz hat er sie an der Lippe verletzt

Der unrühmliche Schlusspunkt dieser Autofahrt: Am Ziel angekommen, machte Tamara mit Oliver Schluss und wollte den Kindersitz aus dem Auto nehmen. Das aber misslang. Oliver drückte ihr den Sitz, laut Strafbefehl, so stark in die Hände, dass dieser Tamara an der Lippe verletzte.

Gegenüber dem Richter zeigte sich Oliver teilweise reuig und gab Vorfälle wie den Griff an den Oberschenkel oder das Stossen mit dem Kindersitz zu. An den Tritt in die Nierengegend mochte er sich nicht mehr erinnern. Er sagte:

«Das bestreite ich. Wenn ich wirklich richtig getreten hätte, wäre sie durchs Zimmer geflogen.»

Er habe Fehler gemacht. Und für diese habe er sich auch entschuldigt. «Der ganze Rest mit dem Golfschläger und den Beschimpfungen ist übertrieben und stimmt nicht. Es ging ihr mit der Anklage darum, mich fertigzumachen», erzählte Oliver dem Richter. Ein Golfschläger habe er gar nicht dabei gehabt. Die Anzeige habe Tamara auch erst einen Monat später eingereicht, als sie erfuhr, dass er bereits eine neue Freundin hat.

Für den Richter galt es rein aufgrund der Akten herauszufinden, was sich auf der fraglichen Autofahrt im Detail abgespielt hatte. Denn Tamara erschien nicht zur Verhandlung.

Auch sie soll mit Schimpfwörtern nicht gegeizt haben

Wie er seine damalige Beziehung zu ihr denn charakterisieren würde, wollte Richter Koch von Oliver wissen. «Turbulent», antwortete dieser. Sie hätte gern übertrieben und sei gern im Mittelpunkt gestanden. Die Beziehung habe sich auch wegen ihres Temperaments hochgepuscht. Zudem habe sie ihn manchmal am Hals gepackt – auch vor anderen Leuten – oder mit Schimpfwörtern eingedeckt. Richter Koch erklärte:

«Wenn man in den Akten liest, hat man das Gefühl, es gab in Ihrer Beziehung ständig Beschimpfungen, Tätlichkeiten und so weiter.»

Abstreiten konnte Oliver dies nicht. Auf die Frage des Richters, ob er gewalttätig sei, antwortete er wie aus der Pistole geschossen: «Nein, das bin ich nicht.» Mit seiner aktuellen Freundin gäbe es praktisch nie Krach.

Nach kurzer Bedenkzeit verkündete Koch das Urteil. Oliver wurde von den Vorwürfen der Beschimpfung und der versuchten Nötigung freigesprochen. Einen Schuldspruch kassierte er für die Tätlichkeiten. Auferlegt wurde ihm eine Busse von 500 Franken sowie die Übernahme von einem Drittel der Verfahrenskosten. Damit kommt Oliver glimpflich davon, denn es gibt keinen Eintrag ins Strafregister, weil es sich bei einer Tätlichkeit nur um eine Übertretung und kein Vergehen handelt.

Er sei zwar überzeugt, dass Beschimpfungen stattfanden, so Koch über diese «Amour fou». Aber auch aufgrund von gegenseitigen Provokationen. Im Falle der Nötigung seien Tamaras Aussagen dürftig gewesen. Da Oliver es bestritt, könne er nicht verifizieren, ob es wirklich so stattfand. Anders sei es im Falle der Tätlichkeiten, die er teilweise zugab.

In seinem Schlusswort an Oliver sprach Koch ihm ins Gewissen: «Obwohl es einen Freispruch gab, muss ich Ihnen sagen, dass es so einfach nicht geht. In einer Beziehung geht man nicht so miteinander um.» Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.