Jubiläum
Auf dem Schloss gibt es keine Cocktailpartys sondern Leseerlebnisse

Vor hundert Jahren kaufte der Hotelier Franz Joseph Borsinger das Schloss Horben und vererbte es seinen Nachfahren. Heute dient es als Ferienhaus, nach dem zwischenzeitlichen Restaurantbetrieb ist längst wieder Ruhe eingekehrt.

Jörg Baumann
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Nicola Borsinger, Besitzer vom Schloss Horben
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Nicola Borsinger, Besitzer vom Schloss Horben, mit seiner Gattin
Das Schloss Horben von innen
Das Schloss Horben von innen
Das Schloss Horben von innen
Das Schloss Horben von innen
Das Schloss Horben von innen
Das Schloss Horben von innen
Das Schloss Horben von innen
Das Schloss Horben von innen
Das Schloss Horben von innen

Nicola Borsinger, Besitzer vom Schloss Horben

AZ

Auf dem Schloss Horben verbrachten die Murianer Mönche früher ihre Sommerferien. Dem klösterlichen Geist sind auch die heutigen Eigentümer Nicolas und Marie Adèle Borsinger verpflichtet: «Wie die Mönche verbringen auch wir vom Frühling bis in den Herbst die freien Wochenenden auf dem Schloss», sagt Nicolas Borsinger. «Auf dem Schloss finden keinerlei Cocktailpartys statt», meint er lachend. Vielmehr sei das Schloss für ihn und seine Familie ein Rückzugsposten, «wo wir uns erholen können.» Freilich gibt das Schloss viel Arbeit. Es zählt immerhin 18 Zimmer. «Heuer haben wir sehr viele Fliegen im Schloss. Ich weiss gar nicht, wie ich sie loswerden kann», sagt Marie Adèle Borsinger.

Ohne Fernseher und Radio

Draussen aber ist es tatsächlich ruhig. Nur die Kuhglocken von der nahen Weide bimmeln ländlich-malerisch. Aber nicht einmal die Glocken unterbrechen die entspannte Stimmung im den Voralpen zugekehrten Schlossgarten, in dem die Familie Borsinger sich gerade zum Morgenessen versammelt.

Im Schloss setzt sich die Ruhe fort. Denn die Familie verzichtet freiwillig auf einen Fernsehapparat und einen Radio. Das sei gut so, meint der Schlossherr, um im Garten sogleich auf die unerhörte Fernsicht hinzuweisen. «Von hier aus sieht man bei schönem Wetter 99 Kilometer weit», erklärt Borsinger. Er habe die Distanz selber auf der Landeskarte nachgemessen, sagt er, der als Agraringenieur etwas von Distanzen und Zahlen versteht.

Unter der Woche wohnt Borsinger zusammen mit seiner Frau in Genf – wenn er nicht gerade auf einer Geschäftsreise weilt. Als Geschäftsführer der Stiftung Provicimis, die international in der Entwicklungszusammenarbeit tätig ist, befindet er sich häufig im Ausland. «Umso schöner ist es für uns, auf dem Schloss Horben ausspannen und den Alltag vergessen zu können», sagt er.

Vom gleichen Holz geschnitzt war schon Borsingers Urgrossvater, der begüterte Badener Hotelier Franz Joseph Borsinger. Er kaufte das Schloss Horben vor genau hundert Jahren an einer Versteigerung aus dem Nachlass des Murianer Bezirksamtmanns Kaspar Weber und betrachtete es von da an als Ferienhaus für die Familie. Wie viel Borsinger seinerzeit für das Schloss hinblättern musste, hat sein Urenkel Nicolas Borsinger gerade nicht präsent. Aber dafür weiss er, dass Kaspar Weber der Grossvater des Murianer National- und Regierungsrates Leo Weber war.

Eine aufschlussreiche Anekdote steuert Nicolas Borsinger bei: Kaspar Weber wandte sich vor der Versteigerung des Schlosses mit einem Gesuch um finanzielle Unterstützung an den damals amtierenden Bischof. Dieser habe das Ansinnen «als Provokation» empfunden und deshalb abgewiesen, weiss Borsinger. Kaspar Weber vermietete das Schloss 1885, ein Jahr, nachdem er den Besitz angetreten hatte, an die Kinder und Grosskinder von König Louis Philippe von Frankreich. Ob diese auf dem Schloss lebten, ist nicht aktenkundig.

Kuranstalt/Restaurant entfernt

Franz Joseph Borsinger brachte das Schloss wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Er liess die Kuranstalt und das Restaurant, die eine Zeit lang im Schloss betrieben wurden, abbrechen und wandte für die Renovation des leicht verwahrlosten Schlosses erhebliche finanzielle Mittel auf. Vom Badener Hotelier ging das Schloss an seinen Sohn, seinen Enkel und schliesslich an seinen Urenkel Nicolas Borsinger über. «Das Familienerbe bedeutet mir viel, nicht so wichtig ist für mich aber, dass das Schloss sich seit 100 Jahren im Besitz der Familie Borsinger befindet. Jahreszahlen bedeuten mir wenig», sagt Borsinger.

In der ehemaligen Abtzelle hat Borsinger ein kleines Büro eingerichtet. Auch dort stehen weder ein Fernsehgerät noch ein Radio, aber dafür ein Computer. «Im Büro arbeite ich manchmal», sagt er. Aber viel lieber hält sich seine Familie im gut erhaltenen Lesesaal auf, der schon den Mönchen diente. Die Borsinger seien eben grosse Leser, meint er, bevor wir wieder ins Freie streben, in den schönen Schlossgarten, in dem der Springbrunnen friedlich vor sich hin plätschert.

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