Merenschwand
Ältestes Haus abgebrannt: Familie verliert alles – und erhält viel Hilfe im Dorf

Eine Merenschwander Familie verlor am Sonntag bei einem Brand alles – doch die Hilfsbereitschaft aus dem Dorf geht unter die Haut.

Andrea Weibel
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Das Gebäude geriet am frühen Sonntagmorgen in Vollbrand.
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Die Feuerwehr Merenschwand bekämpfte den Brand mit Unterstützung der Stützpunktfeuerwehr Muri.
Das Tageslicht offenbart die totale Zerstörung.

Das Gebäude geriet am frühen Sonntagmorgen in Vollbrand.

Sead Redzepi/Leserreporter

Es war Sonntag, der 1. Advent, frühmorgens um kurz vor 5 Uhr: Ein Mann, der mit seiner Familie im ältesten Haus Merenschwands wohnte, wurde von einem Knistern geweckt. Einem Knistern, das weder vom Regen noch von Mardern stammen konnte, wie er später dem Feuerwehrkommandanten erklärte.

Zum Glück ging der Mann nachschauen, denn das Haus, in dem er wohnte, stand bereits in Flammen. Und da es ein rund 300-jähriges Holzbauernhaus mit angebauter Scheune war, dauerte es kaum ein paar Minuten, bis das gesamte Gebäude lichterloh brannte. Der Mann, seine Frau und die 18-jährige Tochter konnten gerade noch Kleider anziehen und ins Freie stürzen.

Von da aus mussten sie mit ansehen, wie ihr gesamtes Hab und Gut von den Flammen aufgefressen wurde. Eine Tragödie. Doch was sich danach abspielte, zeigt, wie gross die Solidarität in einem Dorf wie Merenschwand ist. Es ist eine Tragödie, doch wenn man die Geschichte weitererzählt, geht sie einem gleich zweimal unter die Haut.

«Eine Stunde später standen 20 Helfer in meiner Wohnung»

Die Gemeinde konnte sofort notfallmässig eine Wohnung zur Verfügung stellen: «Wir hatten das Glück, dass eine gemeindeeigene Wohnung seit einigen Wochen leer steht», sagt Gemeindeammann Hannes Küng. Was danach passierte, brachte sogar ihn zum Staunen. Das kann einer am besten erzählen: Thomas Oester, Trainer der 1. Mannschaft des FC Merenschwand.

«Die Familie, die in dem Haus gewohnt hat, sind Freunde von mir, der Mann ist bei uns im FC. Als ich erfuhr, was passiert ist, habe ich es in den FC-Chat geschrieben und um Hilfe gebeten. Eine Stunde später standen 20 Leute bei mir in der Wohnung, um zu helfen.»

Er ist gerührt, als er erzählt: «Einer hatte ein Bett, ein anderer ein Sofa, wieder andere brachten Pfannen oder Kleider. Was mir am meisten imponiert hat: Man hat nicht darüber geredet, dass man irgendwas abzugeben hätte, sondern hat Transporter organisiert und die Sachen geliefert. Es war unglaublich, am Sonntagnachmittag war die vorher leere vorübergehende Wohnung der Familie fertig eingerichtet. Es stimmt einfach, unser FC ist eine Familie.»

Das freut auch FC-Präsidentin Brigitte Baur: «Ich war mit dem Turnverein unterwegs, darum konnte ich nicht helfen, aber ich bin sehr stolz auf meine FC-Kollegen.»

Doch nicht nur der FC habe geholfen. «Auch wildfremde Leute aus dem Dorf kamen mit Paketen voller Esswaren und anderen Sachen vorbei. Die Familie und auch ich konnten es kaum fassen, so gross war die Solidarität», berichtet Thomas Oester.

Kleine gute Nachricht: Das Büsi ist nicht umgekommen

Für Gemeindeammann Hannes Küng zeigt diese Geschichte, wie nahe man sich in der Gemeinde steht, gerade in den Vereinen. Auf der Gemeindewebsite ist ein Spendenaufruf für die Familie aufgeschaltet. «Das soll nicht heissen, dass wir ihnen von der Gemeinde aus nicht helfen, das ist unsere Pflicht. Doch am 1. Advent fanden im Dorf verschiedene Anlässe statt, zum Beispiel die Eröffnung des ersten Adventsfensters oder ein Konzert. Dabei sind meine Gemeinderatskollegen immer wieder darauf angesprochen worden, wie man der Familie helfen könnte. Auf mehrfachen Wunsch wurde dann der Spendenaufruf aufgeschaltet.»

Der Familie gehe es den Umständen entsprechend, sagt Thomas Oester. Zum Schluss kann er eine kleine Meldung machen, ein Detail, doch eines, das der Familie bei aller Verzweiflung etwas Freude spendet.

Im Bericht von TeleM1 wurde am Sonntag gemutmasst, dass selbst die beiden Katzen der Tochter in den Flammen umgekommen seien. Oester sagt nun: «Die Grössere, die zum Brandzeitpunkt im Haus war, ist am Montag auf einmal wieder aufgetaucht.» Man hört ihm die Erleichterung an. «Und die Kleine wird sicher auch wieder auftauchen, die war ziemlich sicher nicht im Haus.»

Die Brandursache ist noch nicht geklärt

Die Feuerwehr wurde am Sonntag um 4.51 Uhr alarmiert. «Wir brauchten keine 10 Minuten, doch da stand das Gebäude schon in Vollbrand», so der Merenschwander Feuerwehrkommandant Patrick Fischer. Mit seinen rund 60 Mann rückten auch die Feuerwehren Muri und Mühlau aus, so standen gut 100 Feuerwehrleute im Einsatz.

«Wir hatten das Feuer nach 45 Minuten unter Kontrolle. Doch das Nachlöschen dauerte lange. Ausserdem stehen mehrere alte Gebäude in direkter Nachbarschaft, der Funkenwurf war extrem. Und durch den starken Rauch waren viele betroffen», sagt Fischer.

Die Brandursache ist unklar, es werde ermittelt, so Roland Pfister, Mediensprecher der Kantonspolizei. «Es sind mehrere 100000 Franken Schaden entstanden.» Das Gebäude – das älteste des Dorfes – gehörte den Ortsbürgern (Wohnteil) und Privaten (Scheunenteil). Es war lange umstritten, ob es unter Denkmalschutz gestellt werden sollte.

Am Ende entschied das Bundesgericht, dass es schützenswert ist. «Im Juni sprachen die Ortsbürger einen Projektierungskredit für eine Renovierung, man hätte es gerne erhalten», sagt Gemeindeammann Hannes Küng. «Nun müssen wir froh sein, dass den Bewohnern nichts passiert ist.» (aw)

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