Brugg
Wo ist Hausarzt B.? Patienten sind ratlos – Kanton prüft rechtliche Schritte

Die Praxis von Allgemeinmediziner B. in Brugg wurde ohne Vorankündigung geschlossen. Vom deutschen Arzt fehlt jede Spur. Die Patienten stehen ohne ihre Akten da. Der Kanton prüft aufsichtsrechtliche Schritte.

Claudia Meier
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Durch die Storen im ersten Stock sieht man zwar das Licht brennen. Doch die Hausarztpraxis an der Promenade 22 in Brugg ist seit Tagen geschlossen und wird nicht mehr betrieben.

Durch die Storen im ersten Stock sieht man zwar das Licht brennen. Doch die Hausarztpraxis an der Promenade 22 in Brugg ist seit Tagen geschlossen und wird nicht mehr betrieben.

Claudia Meier

Telefonisch ist der Allgemeinpraktiker B. an der Promenade 22 in Brugg seit Tagen nicht mehr zu erreichen. Wer die Praxis aufsucht, findet an der Haustüre ein Schreiben, wonach die Praxis geschlossen ist und nicht mehr betrieben wird. Die Krankengeschichten können ab Montag, 6. Juni, beim KG-Archiv Schweiz in Kehrsatz bezogen werden, heisst es weiter. Die Eingangstüre lässt sich am Donnerstagmorgen trotzdem öffnen und im ersten Stock wird die Schreibende von einer Praxisassistentin hereingebeten.

Es herrscht Aufbruchstimmung. Ein Englisch sprechender Mann steckt gerade einige Unterlagen in ein grosser Couvert und verabschiedet sich. Die Praxisassistentin lässt durchblicken, dass sie nicht mehr angestellt sei, aber nun mithelfe, die Praxis aufzulösen, weil sie immer eine «loyale Mitarbeiterin» gewesen sei. Zu den Gründen für die Praxisschliessung und zum Aufenthalt des Hausarzts dürfe sie allerdings nichts sagen. Kaum hat die Schreibende das Gebäude verlassen, verriegelt die Praxisassistentin die Haupteingangstür mit der Bemerkung: «Nicht, dass noch andere von den Medien kommen.»

Das Schreiben an der Eingangstür wirft viele Fragen auf?

Das Schreiben an der Eingangstür wirft viele Fragen auf?

Claudia Meier

Keine Vermisstmeldung

Was ist geschehen? Das kantonale Departement Gesundheit und Soziales (DGS) ist ebenfalls ratlos. Sprecherin Daniela Diener sagt: «Der Arzt hat die Praxis verlassen, sie ist geschlossen. Nach Kenntnisstand des Kantons wird die Praxis nicht wiedereröffnet.» Für die Aufsichtsbehörden sei der Arzt nicht erreichbar. Der Kanton prüfe nun aufsichtsrechtliche Schritte.

Hausarzt B. ist Deutscher und hat laut DGS ab Mitte 2014 als Stellvertreter im Kanton Aargau gearbeitet. Seit Januar 2015 betrieb er die Praxis in Brugg. Aussagen, wonach B. früher beim Skandalarzt Ingo Malm arbeitete, dementiert der Kanton.

Mehrere Patienten und Passanten haben in den letzten Wochen registriert, dass die Praxis an der Promenade 22 wiederholt wegen Weiterbildung oder Krankheit geschlossen war. Einer von ihnen war ein Diabetiker (Name der Redaktion bekannt), der regelmässig zur Kontrolle musste. Er beobachtete die Arbeitsweise von B. schon seit einigen Monaten kritisch. «Ich bin nicht sicher, ob B. wirklich Hausarzt ist», sagt der 75-Jährige. Beim letzten Besuch Ende April seien die «Diplome» nicht mehr an der Wand gehangen. Auch den Abrechnungen traute er nicht immer. Dass die Praxis ohne Vorankündigung geschlossen wurde und nun Hunderte von Patienten ohne Hausarzt und ihre Krankengeschichte auf der Strasse stehen, findet er einen Skandal. Betroffen seien vor allem ältere Patienten. Der Diabetiker war bei B., weil er mit den beiden Vorgängern gute Erfahrungen gemacht hatte. «Ich will alle meine Akten ausgehändigt bekommen», betont er und fragt, warum der Kanton hier nicht eingeschritten ist.

Ob Arzt B. selbst krank ist und ob es wegen ihm vonseiten Patienten beim Kanton bereits Beanstandungen gab, will das DGS nicht sagen und verweist auf das Amtsgeheimnis. Hausarzt B. war weder persönlich noch telefonisch oder per E-Mail für eine Stellungnahme gegenüber der az erreichbar. Laut Kantonspolizei Aargau wird B. bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht polizeilich vermisst. Bei der Staatsanwaltschaft ist in dieser Angelegenheit auch kein Strafverfahren erfasst.

Kanton sichert Krankengeschichte

Das DGS bestätigt hingegen, dass B. über eine anerkannte Ausbildung als Allgemeinpraktiker verfügt. Sprecherin Daniela Diener ergänzt: «Der Kanton ist dafür zuständig und hat sich bereits darum bemüht, dass die Krankengeschichten-Akten der Patienten sichergestellt wurden.»

Rolf Krähenbühl von der Apotheke am Lindenplatz erfuhr via Kunden von der Praxisschliessung. Er spricht von einer schwierigen Situation bei der gesundheitlichen Grundversorgung in der Region Brugg. Arzt B. war als einer von vier Konsiliarärzten auch für das Kinderheim Brugg tätig. Heimleiter Rolf von Moos ist nun mit Hochdruck daran, für die betroffenen Kinder eine gute Nachfolgelösung zu finden. «Selbstverständlich ist die akute medizinische Versorgung unserer Kinder absolut gewährleistet», so von Moos.