Brugg
Warum es eine über 3300 Jahre alte Ode braucht

Seit über 30 Jahren betreibt der heute 84jährige Windischer Willibald Voelkin in der Brugger Altstadt eine Druckwerkstatt, die Offizin «Römerpresse Vindonissa».

Edgar Zimmermann
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Willibald Voelkin wählte aus seinem grossen Bleisatz-Fundus die seltene Unzial-Schrift für den Druck auf Papyrus und auf italienischem Büttenpapier.

Willibald Voelkin wählte aus seinem grossen Bleisatz-Fundus die seltene Unzial-Schrift für den Druck auf Papyrus und auf italienischem Büttenpapier.

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Hier arbeitet er mit Bleisatz–das reichhaltige Schriftmaterial ist in gegen 700 Schriftkästen untergebracht–und mit alten Buchdruckpressen und Schneidegeräten. Der Besucher fühlt sich um Jahrzehnte in ein altes, faszinierendes Handwerk zurückversetzt–mit Betonung auf «Hand».

Vor allem entstehen hier aus eigener Initiative nebst seiner Neujahrskartensammlung alljährlich exklusive Pressendrucke als Geschenke für seinen Freundeskreis. Bibliophile Kostbarkeiten sind daselbst geschaffen worden, weitere Raritäten als Faksimile-Ausgaben, meistens mit Illustrationen und auf Büttenpapier gedruckt. Als Beispiele erwähnt seien etwa eine Kassette mit handgeschriebenen Gedichten von Else Laske-Schüler samt Biografie, «Die Geschichte vom Soldaten» von Charles Ferdinand Ramuz, vertont von Igor Strawinsky, sowie mit erstmals veröffentlichten Holzschnitten und Skizzen aus dem Nachlass von Felix Hoffmann, «Mine sinne di sint minne», Zürcher Liebesbriefe aus der Zeit des Minnesangs, oder der «Sonnengesang», ein Gebet von Franz von Assisi aus dem 13.Jahrhundert.

Ein Gesamtkunstwerk

Für diese Faksimile-Ausgabe steuerte Hans Erni die Illustrationen bei. Das letztgenannte Werk (wie auch andere Arbeiten) hat Voelkin für den Kranich-Verlag des Ehepaars Hans Rudolf und Alice Gertrud Bosch-Gwalter besorgt. Als der Bücherliebhaber Oskar Liechti diese Publikation erwarb, war er begeistert und fragte die Boschs, die früher hauptberuflich als Ärzte tätig waren, an, ob sie nicht auch den Sonnengesang des ägyptischen Pharao Echnaton (um 1345 v. Chr. verfasst) herausgeben könnten. Und so entstand in der Brugger Druckwerkstatt viele Jahre später eine weitere, hochinteressante Arbeit. Seit diesem Frühling befasst sich Voelkin damit, Mitte November hat er das Liebhaberobjekt in kleiner Auflage vollendet–ein richtiges Bijou.

Voelkin setzt jedes Werk mit grosser Leidenschaft und Begeisterung um und widmet sich intensiv auch den Materialien, der Schrift und der Illustration. Für den Sonnengesang des Echnaton wählte er aus seinem Fundus die seltene Unzial-Schrift von Victor Hammer, die seit dem 4.Jahrhundert bis in die romanische Zeit häufig angewendet wurde. Das Papier ist analog dem ägyptischen Papyrus als Zickzack- oder Leporellofalz bis auf 192 cm Länge ausziehbar (Pliant). 50 Exemplare wurden auf italienisches Büttenpapier gedruckt, 20 Exemplare auf Papyrus. Diese Luxusausgabe ist in einer Halbpergament-Kassette mit Goldprägung integriert.

Mit Wasserdampf befeuchtet

Der Druck auf Papyrus stellt besondere Anforderungen. Voelkin arbeitet deshalb eng mit dem Windischer Theophil Graf zusammen, einem gelernten, erstklassigen Buchbinder, der später in den Schuldienst gewechselt hat. Graf hat die Papyrusblätter mit Wasserdampf befeuchtet und anschliessend gepresst, damit sie anschmiegsamer, glatter und damit besser bedruckbar werden. Graf fertigte sodann mit Büttenkarton aus Schottland die Etuis und Kassetten an und besorgte die Falz- und Klebearbeiten, so auch das Einkleben einer Illustration auf der Titelseite. Diese Illustration zeigt ein Relief mit Echnaton und seiner Gattin Nofretete beim Spiel mit ihren Kindern.

Bald wird der ägyptische Sonnengesang in Brugger Bearbeitung wieder neu «ertönen» mit der Einleitung: «Sonne, Ursprung allen Lebens. Herrlich erscheinst Du uns in Deiner Majestät beim Aufgehen am östlichen Horizont. Du erfüllst alle Lande mit Deinem Licht und Deiner Wärme.»