Villigen

Umstrittenes Atommüll-Tiefenlager findet in einer Studie eine knappe Mehrheit

Das Gebiet Jura Ost rund um den Bözberg ist ein möglicher Standort für ein Atommüll-Tiefenlager. In der Regionalkonferenz reden auch Deutsche mit.

Das Gebiet Jura Ost rund um den Bözberg ist ein möglicher Standort für ein Atommüll-Tiefenlager. In der Regionalkonferenz reden auch Deutsche mit.

An der Regionalkonferenz Jura Ost wurde eine zweiteilige Studie zum Tiefenlager präsentiert. Diese förderte die eine oder andere Überraschung zutage.

Der Gemeindeammann einer Kerngemeinde im Perimeter von Jura Ost zeigte sich erschüttert: «Rund 30 Prozent der Befragten haben übers Ganze gesehen keine Meinung zum Thema. Das ist für mich die Hauptüberraschung der Studie.»

Sein Gemeinderatskollege aus dem Nachbardorf meinte: «Für mich liegt die Überraschung weniger darin, dass so viele keine Meinung haben, sondern darin, dass jeder zehnte Befragte keine Ahnung von einem möglichen Tiefenlager in der Region hat.»

Für diese Überraschungen sorgte die zweiteilige Gesellschaftsstudie, die als erste Welle der repräsentativen Bevölkerungsbefragung in der Standortregion Jura Ost die Auswirkungen eines möglichen Tiefenlagers auf die Gesellschaft ermitteln soll. Am Donnerstagabend stand die Studie im Zentrum der Regionalkonferenz Jura Ost in Villigen.

Sicherheit steht an oberster Stelle

«Im Sachplanverfahren steht die Sicherheit an oberster Stelle», erklärte Thomas Frei, der im Departement Bau, Verkehr, Umwelt des Kantons das Dossier Tiefenlager betreut, zum Hintergrund der Studie. «Sogenannt weiche Faktoren dürfen für den Standortentscheid keine Rolle spielen. Es liegt aber im Interesse des Kantons, dass man sich auch diesen Fragen widmet. Ziel der Studie ist es, die Nachteile eines allfälligen Tiefenlagers für die Bevölkerung zu eruieren.»

Die Studie soll die Basis für Massnahmen bilden, um Entwicklungen zu steuern. Es sei aber kein Ziel dieser Studie, Vergleiche unter den Standorten anzustellen.

Zentrales Anliegen der Studie sei die Ermittlung von Auswirkungen eines möglichen Tiefenlagers auf das gesellschaftliche Zusammenleben in der Region, betonte auch Steffen de Sombre vom Institut für Demoskopie Allensbach (D), das die Studie erarbeitet hat.

Die Studie basiert auf repräsentativen Befragungen bei jeweils gut 1000 Personen in der um einige schweizerische und deutsche Gemeinden erweiterten Standortregion Jura Ost sowie in einer Referenzregion. Die Studie vermittelt damit sowohl eine Innen- als auch eine Aussensicht.

Im Studienergebnis zeigt sich beispielsweise, dass das Tiefenlager unter zehn Topthemen in der Gesamtregion mit 8 Prozent erst an siebter Stelle rangiert, dass es aber im inneren Kreis der Region mit 14 Prozent den ersten Platz einnimmt. Noch vor Themen wie Verkehrssituation oder Zuwanderung und Asylwesen.

Immerhin 55 Prozent der Befragten würden ein Tiefenlager akzeptieren, davon 28 Prozent «ohne grosse Sorgen» aber 27 Prozent doch mit «ungutem Gefühl». Ausdrücklich gegen ein Tiefenlager haben sich 31 Prozent ausgesprochen, davon 20 Prozent «vehement». 7 Prozent der Befragten sind ausdrücklich für ein Tiefenlager. 32 Prozent sehen ausschliesslich Gründe, die gegen ein Tiefenlager in der Region sprechen. 27 Prozent sehen Gründe sowohl für als auch gegen ein Tiefenlager. 15 Prozent sehen nur Gründe für ein Tiefenlager, während 26 Prozent weder Gründe für noch gegen ein Tiefenlager sehen.

Einfluss auf Lebensmittel

Immerhin denkt, gemäss Studie, kaum jemand wegen eines möglichen Tiefenlagers über einen Wegzug aus der Region nach. Zu denken geben muss den Verantwortlichen für die Standortsuche das eher geringe Vertrauen in das Sachplanverfahren. Zweifel am Verfahren äusserten 48 Prozent. Nur 47 Prozent vertrauen darauf, dass das Verfahren fair und objektiv ist.

«Bei den Aussagen zur Aussensicht zeigt sich, dass die Region Bözberg ausgesprochen stark mit einem möglichen Tiefenlager assoziiert wird», stellte Steffen de Sombre fest. Für 8 Prozent wäre das Tiefenlager ein Grund gegen einen Umzug in die Region Bözberg. Interessant ist auch die Aussage, wonach 34 Prozent der Befragten einen potenziellen Einfluss eines Tiefenlagers auf den Kauf von Lebensmitteln aus der Region Bözberg sehen. 18 dieser 34 Prozent würden weniger häufig solche Lebensmittel kaufen und 15 Prozent würden gar ganz auf den Kauf verzichten.

Mit der Gesellschaftsstudie liegen Aussagen auf dem Tisch. Man scheint aber noch nicht recht zu wissen, was daraus werden soll. «Wir können nicht sagen, was in 30 Jahren sein wird», so Thomas Frei. Sicher ist, dass es eine zweite Befragungswelle geben wird.

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