Brugg/Wohlen
Tanzstudios zittern um Existenz: «Viele haben kein Erspartes, auf das sie jetzt zurückgreifen können»

Die Inhaberin des Danza Zentrums in Brugg und Wohlen erklärt, warum der Sport trotz Corona erlaubt sein sollte.

Maja Reznicek
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Tanzen mit Maske ist laut Mariella Farré (links) und ihrer Mitarbeiterin Antonella Soranno gut möglich.

Tanzen mit Maske ist laut Mariella Farré (links) und ihrer Mitarbeiterin Antonella Soranno gut möglich.

Severin Bigler

Die Tanzfläche ist leer, die Tonanlage stumm. Es ist still am Freitagmorgen bei Mariella Farré. «Bis jetzt hatte ich kaum Angst und war sehr positiv. Ich sage immer, wenn eine Türe zugeht, öffnet sich ein Fenster. Aber langsam mache ich mir schon meine Gedanken», sagt die Choreografin. Sie führt seit 32 Jahren das Danza Zentrum in Brugg und Wohlen und kämpft – wie viele Schweizer Tanzschulen – mit den Auswirkungen der Coronapandemie.

Noch bis Ende Februar müssen Sport- und Freizeitanlagen im Rahmen der aktuellen Verordnungen des Bundes geschlossen bleiben. Tanzstudios befinden sich dabei laut Mariella Farré in einem problematischen «Teil-Lockdown»: Kinder bis 16 Jahre dürfen unterrichtet werden, Erwachsene aber nicht. Von ihren normalerweise 35 Kursen darf die 58-Jährige nur insgesamt sieben anbieten. «Wir bekommen kaum finanzielle Unterstützung vom Staat, weil wir teilweise offen haben. Die Fixkosten bleiben für die Studiobesitzer aber die gleichen», erklärt sie.

Die Tanzvereinigung Schweiz (TVS) führte dazu im Dezember eine Umfrage bei ihren 400 Mitgliedern durch. Über 40 Prozent der Studios sehen es als «sehr wahrscheinlich» oder «eher wahrscheinlich», dass sie ihr Unternehmen wegen der angeordneten Massnahmen aufgeben müssen.

Künstler treffe die Krise am meisten

Im vergangenen Jahr haben Tanzschulen und -studios keine Coronahilfsgelder bekommen. Das sagt TVS-Präsident Walter Varisco in einem Interview mit SRF vom 11. Januar. Mariella Farré ergänzt: «Mit einer Tanzschule wird man nicht reich. Viele haben kein Erspartes, auf das sie jetzt zurückgreifen können.» Gleichzeitig sei es vor der Ausweitung der Härtefallregelung letzte Woche für etablierte Betriebe kaum möglich gewesen, Unterstützung zu erhalten – so auch für die Inhaberin des Danza Zentrums. Das sei un­gerecht: «Künstler, wie wir, leiden in der Krise am meisten und sollten wie alle anderen ebenfalls ‹stempeln› gehen können.»

Ebenso kann Mariella Farré die «willkürliche» Auswahl von Unternehmen, die offen haben dürfen, nicht verstehen: «Im Gegensatz zu Nagelstudios oder Coiffeursalons braucht es beim Tanzen keinen Körperkontakt.» Gemäss der Mitteilung der TVS vom 10. Januar liegen auch keine Daten vor, «welche Tanzschulen als Risikoherde für die unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus nahelegen würden».

Es mache viele ihrer Schüler, die teilweise bereits seit 30 Jahren kommen, sehr traurig, den Sport nicht ausüben zu können. Tanzen mit Maske sei gut möglich und werde in Zukunft immer ein Thema sein.

Salsa funktioniere nicht als Onlineangebot

Aktuell sammelt die TVS Stimmen für die Petition «Ja zu Tanz und Gesundheit unter Covid-19». Diese fordert, dass das Tanzen in Studios vom Bund explizit erwünscht und unter-stützt wird, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: Adäquate Schutzmassnahmen werden eingehalten sowie der Unterricht durch erfahrene Tanzlehrer oder -pädagogen ohne Leistungsziele durchgeführt. Es sei dringend nötig, «Aktivitäten, die das Immunsystem stär- ken und die psychische Widerstandskraft erhöhen, aktiv zu fördern». Auch Mariella Farré steht hinter der Petition. Im Gegensatz zu anderen Sportarten vereine Tanzen viele Vorteile: «Es ist bewiesenermassen sehr gesundheitsfördernd. Und es unterstützt Koordination, Konzentration, stärkt die Muskeln und baut Stress ab.»

Ausserdem würden Salsa oder New Jazz nicht als Onlineangebot funktionieren. «Beim ersten Lockdown haben wir das versucht. Es kam aber nicht gut an. Für genaues Vorzeigen oder Korrekturen muss man vor Ort sein. Auch kommen das Feeling und unsere Motivation nicht durch.»

Zurzeit kann Mariella Farré ihre Tanzschule noch halten. Sie setzt Hoffnungen in die Petition, die am Freitag bereits 7140 Stimmen hatte. Farré appelliert: «Lasst uns tanzen und unseren wunderbaren Job machen.»