Birrfeld
Mit Nitratprojekt ist Schluss - auch wegen der finanziellen Belastung.

Regionale Wasserversorgung beschäftigt sich mit künftiger Wasserbeschaffung. Der Ausstieg aus dem Nitratprojekt hat vor allem mit der finanziellen Belastung zu tun.

Michael Hunziker
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Das Däniker Trinkwasser war im letzten Jahr sehr begehrt.

Das Däniker Trinkwasser war im letzten Jahr sehr begehrt.

Walter Schwager

Grosses Grundwasservorkommen auf der einen, gutes Landwirtschaftsland für den Getreide- und Gemüseanbau auf der anderen Seite. Im Birrfeld ist beides vorhanden. Allerdings: Der Konflikt ist vorprogrammiert. Denn durch intensive Landbewirtschaftung kann Nitrat in den Boden und schliesslich mit dem Regen ins Grundwasser kommen.

Um das Grundwasser vor übermässigem Nitrat, Phosphor und Pflanzenschutzmitteln zu schützen, führte die Regionale Wasserversorgung Birrfeld (Rewa) im Jahr 2000 einen Nutzungsplan ein. Mit den Bauern wurden Verträge abgeschlossen, wie die Felder bestellt werden sollen. «So ein Programm umfasst verschiedene Massnahmen», erklärt Rewa-Präsident Stefan Obrist. Als Stichworte erwähnt er Stilllegungen, Begrünungen, Pufferstreifen, Gülleaustrag sowie Trinkwasserverträge. «So kann gewährleistet werden, dass möglichst wenig Nitrat in den Boden gelangt.»

Verträge werden gekündigt

2002 startete die Rewa zusammen mit Bund, Kanton und dem Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg das Nitratprojekt im Birrfeld. «Mit diesem ist es möglich, die Bewirtschafter für den Ernteausfall finanziell zu entschädigen», fährt Obrist fort. Für die Beiträge kommen sowohl die Rewa-Gemeinden und der Kanton mit je rund 10 Prozent sowie der Bund mit rund 80 Prozent auf.

Nach 14 Jahren Nitratprojekt und 16 Jahren Nutzungsplan zieht die Rewa jetzt aber einen Schlussstrich. Beendet wird das Nitratprojekt auf Ende April 2016. Der Nutzungsplan wird aufgelöst, die Verträge mit den Bewirtschaftern werden gekündigt. Als Hauptgründe nennt Obrist den Schutzzonenkonflikt sowie die finanzielle Belastung. Denn als Sparmassnahme hat der Regierungsrat beschlossen, ab 2016 keine Gelder mehr für das Nitratprojekt zu zahlen. Für die Rewa-Gemeinden würde sich die finanzielle Belastung von derzeit jährlich 52 000 Franken auf neu rund 120 000 mehr als verdoppeln.

Nitratgehalt von unter 40 mg/l ist das Ziel

Die Regionale Wasserversorgung Birrfeld (Rewa) ist ein Gemeindeverband, der seit 1985 besteht.
Aufgabe ist es, die Versorgungssicherheit unter den angeschlossenen Gemeinden
sicherzustellen: Birr, Birrhard, Hausen, Lupfig, Mülligen, Scherz, Windisch. Die Rewa betreibt das Hochzonenreservoir
Eitenberg in Mülligen/Hausen, sowie das Stufenpumpwerk Chapf in Windisch.
Quellfassungen, Brunnen und Grundwasserfassungen, sagt Rewa-Präsident Stefan Obrist, unterstehen gesetzlichen Vorgaben. Eine davon ist die regelmässige Prüfung des Nitratgehalts im Wasser. «Ziel ist es, Wasser mit einem Nitratgehalt von unter 40 Milligramm pro Liter ins Versorgungsnetz zu speisen.» Nitrat dient als Nährstoff für Pflanzen und kann – durch Dünger in der Landwirtschaft – ins Grundwasser gelangen. Eine weitere Massnahme zur Qualitätssicherung des Wassers sind laut Obrist die Grundwasserschutzzonen um eine Quelle oder eine Grundwasserfassung. «Diese dienen dazu, das Grundwasser vor Verschmutzung zu schützen, sodass keine gefährlichen Verunreinigungen ins Trinkwasser kommen.»
1998 hat das eidgenössische Parlament mit dem entsprechenden Artikel des
Gewässerschutzgesetzes die Grundlage
geschaffen, um belastete Gewässer mittels gezielter finanzieller Anreize an die
Landwirtschaftsbetriebe sanieren zu
können. (mhu)

Wegen des Schutzzonenkonflikts, gibt der Präsident weiter zu bedenken, müsse die heutige Quelle in Mülligen – die sich zu nahe am Wohngebiet befindet – sowieso spätestens 2028 auf kantonale Verfügung geschlossen werden. Diese Umstände hätten die Rewa dazu bewogen, die Handbremse zu ziehen und «die ganze Wasserbeschaffung aus einer anderen Perspektive anzuschauen», sagt Obrist und ergänzt: «Hätten wir zum Beispiel das Nitratprojekt um sechs Jahre verlängert, wären weitere 2,4 Mio. Franken an Beiträgen in die Landwirtschaft geflossen. Dieses Geld kann auf allen Stufen sinnvoller eingesetzt werden.»

Weiterhin Wasserproben

Der Ausstieg aus dem Nitratprojekt bedeutet laut Obrist nicht, dass die Wasserqualität schlecht wird oder die Quelle in Mülligen sofort geschlossen werden muss. «Solange das Trinkwasser den Nitratwert nicht überschreitet, kann es ohne Probleme genutzt werden.» Ein möglicher Nitratanstieg könne nach ein bis zwei Jahren eintreffen.

Was das Nitratprojekt in 14 Jahren gebracht habe, sei nicht mit Sicherheit zu sagen, fasst Obrist zusammen. «Über die Wirkung der Massnahmen kann nur spekuliert werden.» Wegen zu hoher Nitratbelastung seien die Quellen in Birrhard seit längerer Zeit in Verruf. Der Nitratwert bei der wertvolleren Quelle Rüsshalde in Mülligen dagegen bewege sich immer knapp um die 40 Milligramm pro Liter.

Die Rewa werde weiterhin Wasserproben entnehmen, wirft der Präsident einen Blick in die Zukunft. «Wir wollen genau beobachten, wie sich die Wasserqualität in den nächsten Jahren entwickelt. So können wir feststellen, ob das Nitratprojekt etwas gebracht hat.»

Mittelfristig ein Wasserdefizit

Um die offenen Fragen im Zusammenhang mit der Wasserbeschaffung zu klären, hat die Rewa einen generellen Wasserbeschaffungsplan (GWP) in Auftrag gegeben. Dieser beschreibt gemäss Obrist die Situation, deckt mögliche Schwachstellen auf und zeigt, wo Handlungsbedarf besteht. Dieser strategisch wichtige Bericht wurde im Herbst 2015 von einem Ingenieurbüro fertiggestellt. «Aufgrund des Berichts können wir heute sagen, dass kurzfristig kein Wassermangel zu erwarten ist», sagt der Präsident.

Mittelfristig – das heisst in den nächsten drei bis fünf Jahren – sei aber aufgrund des Bevölkerungswachstums sowie der Zunahme von Industrie und Verkehr ein Wasserdefizit von rund 3400 Kubikmeter pro Tag, langfristig eines von rund 6400 Kubikmetern pro Tag prognostiziert. «Aktuell laufen intensive Gespräche im Rewa-Vorstand und mit umliegenden Gemeinden», führt Obrist aus. Beispielsweise beteilige sich die Rewa am Projekt «Vision 2035 Ringschluss Bünztal/Reusstal», diskutiere eine engere Zusammenarbeit mit anderen Verbänden und schliesse eine eigene Wassergewinnung nicht aus. Kurz: «Die Rewa setzt sich dafür ein, die Bevölkerung auch in Zukunft sicher mit einwandfreiem Trinkwasser versorgen zu können.»

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