Brugg
Kinder wirkten für Mülirad-Erhalt

Eine BT-Sammelaktion führte im Jahr 1972 «wider Erwarten» zur Rettung des grossen Wasserrads der Brunnenmühle in Brugg.

Edgar Zimmermann
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Ein Wahrzeichen der Stadt: Derzeit sorgt der mögliche Verkauf der direkt bei Mühlesteg und Aare gelegenen Brunnenmühle für Gesprächsstoff in Brugg. mhu

Ein Wahrzeichen der Stadt: Derzeit sorgt der mögliche Verkauf der direkt bei Mühlesteg und Aare gelegenen Brunnenmühle für Gesprächsstoff in Brugg. mhu

Michael Hunziker

Der mögliche Verkauf der Brunnenmühle durch die Stadt Brugg liefert derzeit Gesprächsstoff. Vor 47 Jahren ging es um das Schicksal des grossen Wasserrads der Brunnenmühle. Der Einwohnerrat hatte 1971 einen Kredit von 500 000 Franken für die Renovation der Brunnenmühle bewilligt. Das Projekt sah auch die Beseitigung dieses Mühlrads vor, das in einem Anbau untergebracht war. Erhalten war vom Rad nur noch das Eisengerippe. Stadt- und Einwohnerrat scheuten die Zusatzkosten von 36 000 Franken für eine Instandstellung inklusive Wasserzuleitung und Umgebungsarbeiten.

Auf der Brugger Seite des Badener Tagblatts wurde zur Erhaltung dieses Denkmals aufgerufen – erfolglos. Deshalb lancierte der Brugger Redaktor (und Verfasser dieses Rückblicks) in der Beilage «BT am Mittwoch» am 15. November 1972 unter dem Titel «Rettet das Mühlrad» eine Sammelaktion mit dem Ziel, 36 000 Franken aufzutreiben. Im Aufruf wurde festgehalten, dass der bevorstehende Abbruch «nicht zu verantworten wäre». Es gehe um ein einzigartiges und geschichtlich bedeutungsvolles Mühlrad-Idyll und -Denkmal.

Der Fünftklässler Arnold Helbling schuf und verkaufte diesen Linoldruck – heute arbeitet er als bekannter Künstler in New York. zvg

Der Fünftklässler Arnold Helbling schuf und verkaufte diesen Linoldruck – heute arbeitet er als bekannter Künstler in New York. zvg

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«Chaufed Sie au es Mülirad?»

Ein von der Redaktion gewonnenes Patronatskomitee stellte sich hinter das Anliegen. Dem 16 Personen zählenden Komitee gehörten unter anderem an: Einwohnerratspräsident Ernst Döbeli, die Industriellen Karl Rütschi und Marc Germanier, alt Nationalrat Walter Gloor, Ruth K. Gross, Fritz Senn senior als Präsident des Verkehrsvereines, Stadtförster Rudolf Zehnder, Bezirksschullehrer Guido Suter und der kantonale Denkmalpfleger Peter Felder. Letzterer schrieb dazu: «Die Beibehaltung dieses Wasserrads wäre ausserordentlich erfreulich und umso bedeutungsvoller, als sonst im ganzen Kanton kein anderes Gebäude mehr mit zwei Mühlrädern existiert. Hinzu kommt, dass das Kriterium eines gewerbebaulichen, technischen Denkmals immer mehr ins Interessenfeld des Denkmalschutzes tritt. Der Seltenheitswert eines solchen Objekts ist eminent. Besonders der Aargau war ja als wasserreicher Kanton früher mit Mühlen reich dotiert, sodass die Mühle wie das Aargauer Strohdachhaus für unseren Kanton von spezieller Bedeutung ist.»

Die Sammelaktion stiess auf ein überaus positives Echo. Dies zeigte sich beim Spendeneingang ebenso wie bei spontan durchgeführten Aktionen. Die Blauringmädchen sammelten mit Bastelarbeiten Geld. Um die 40 Buben und Mädchen der Brugger Pfadi, unterstützt von weiteren Schülern, verkauften auf Strassen, Plätzen und an Haustüren 4000 von einem Brugger Geschäftsmann gestiftete Plaketten (Erlös 4200 Franken), die sogar an der Windischer Gemeindeversammlung regen Absatz fanden.

Eine Bezirksschulklasse erfreute Passanten mit Lieder-Ständchen. Brugger Fünftklässler verzichteten auf Schleckstängel und «mästeten» dafür das Kässeli mit 250 Franken. Einer dieser Fünftklässler, Arnold Helbling, leistete einen weiteren Zustupf, wie er dem BT schrieb: «Mich hat die Sammelaktion besonders interessiert, und ich fing an, eine Linolarbeit zu schnitzen. Mir kam die Idee, ich könnte die Abdrücke verkaufen, um noch mehr Geld für das Mühlrad zusammenzubringen. Der Stadtschreiber gab mir die Bewilligung, die Linolschnitte für 1 Franken oder mehr zu verkaufen. Meine Schulkameraden halfen mir dabei. Gefällt Ihnen der beigelegte Linolschnitt?» Übrigens: Besagter Arnold Helbling wirkt seit 1989 als bekannter Kunstmaler in New York.

766 Einzahlungen gingen ein

Das Orchester Valentins lud zu einem Tanzabend ins «Rote Haus» ein. Ein Drehorgelmann spielte an mehreren Tagen auf. Der Bäckermeisterverein des Bezirks überwies 500 Franken, viele Industrie- und Gewerbebetriebe beteiligten sich, so mit grössern Beiträgen Motor-Columbus, Elektro-Watt, Möbel-Pfister, das Architekturbüro Heinz Pfister und das BT mit je 1000 Franken, die Rütschi AG mit 2000 Franken. Und die Brugger Ortsbürger steuerten 6000 Franken bar plus 2000 Franken als Holzspende bei. Insgesamt trafen 766 Einzahlungen ein.

Am 25. Januar meldete das BT auf der Frontseite: «Pro Mühlrad: Ziel erreicht». Und am 28. März konnte der Initiant dem erfreuten Stadtammann Eugen Rohr einen Check in Höhe von 36 100 Franken überreichen. Dieser dankte allen Spendern für die tolle Unterstützung und dem BT für das grosse Engagement, dank dem «wider Erwarten» das Mühlrad doch noch gerettet werden konnte. Im November 1973 erstellte Mühlenbauer Joh. Schilling, Brugg-Windisch, unter Beizug des alten Eisengerippes und mit altem Brugger Eichenholz das «neue» Mühlrad in alter Pracht und installierte es anschliessend an Ort, wo es seither, auf BT-Wunsch befreit vom Anbau, zusammen mit dem kleineren, untern Mühlrad die Passanten entzückt.