Pizza-Tour
Jede Stadt hat ihr Gesicht

Vorstädte und Industrieviertel sind austauschbar. Das typische Gesicht einer Stadt zeigt sich im Zentrum. Wenn ich die rund zwei Dutzend bisher besuchter Städte Revue passieren lasse, kann man diese einteilen in: Aufstrebend, verharrend, absteigend.

Martin Gysi
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T32-Benevento

T32-Benevento

Martin Gysi

Donnerstag, 17. Mai. Heute ist Auffahrt - hier ein Werktag wie jeder andere - das nebenbei. Gestern sind wir in Benevento eingefahren. Heute legen wir einen Ruhetag ein, nicht weil Auffahrt ist, sondern weil es uns hier gefällt.

Benevento ist ein «No Name» in der Tourismusszene, obwohl die Hauptstadt des einstmaligen Herzogtums gleichen Namens nur so von historischen Epochen und ihren steinernen Zeitzeugen strotzt. In der Stadt an der Via Apia lösten sich unter anderem Griechen, Römer, Araber, Langobarden, Franzosen und selbstverständlich diverse Päpste in der Herrschaft ab. Wer mehr wissen möchte: Wiki hilft zumindest oberflächlich weiter.

Eine Stadt im Aufbruch

Aber um die geschichtlichen Aspekte geht's hier nicht in erster Linie. Was uns viel stärker beeindruckt hat: Benevento scheint eine Stadt im Aufbruch zu sein. Das Zentrum wird «herausgeputzt». Links und rechts der hübsch gestalteten verkehrsfreien Flanier- und Einkaufsmeile «Corso Garibaldi» wurden und werden die alten Gebäude restauriert - von Privaten ebenso wie von der öffentlichen Hand. Und es scheint nicht, dass das alles nur Fassade ist. Die Stadt pulsiert - auch ohne Touristen. Eine Stadt im Aufbruch. Und gleichzeitig eine Stadt im Grünen, in der man sich durchaus vorstellen könnte, länger zu bleiben.

Selbstverständlich sieht man in ein paar Stunden nicht hinter die Kulissen und sieht kaum, wie gut es sich hier tatsächlich leben lässt. Das gilt aber auch für die Städte die einen ganz anderen Eindruck hinterlassen. Feltre oder Arezzo zum Beispiel. Städte, bei denen man den Eindruck hat, dass sie in ihrer eigenen Geschichtsträchtigkeit langsam verstauben. Schlecht unterhaltene Historik-Kulissen, die ebenso viel Atmosphäre von heutigem Leben verströmen wie der Ballenberg. Aber auch hier lässt sich in so kurzer Zeit kaum beurteilen, ob man nicht mehr aus diesen Innenstädten machen will, kann oder darf.

Kulissen rentieren besser

Besonders tragisch erscheint mir unter diesem Aspekt das Schicksal von Cassino. Dieses lebendige Mahnmal an die Sinnlosigkeit des Krieges scheint langsam seine Mahnmal-Rolle ausgespielt zu haben. Die Söhne der hier zu zehntausenden Gefallenen kommen nun selbst langsam in die Jahre und die Enkel kommen kaum mehr zu den Gräbern ihrer deutschen, englischen, französischen, amerikanischen oder polnischen Grossväter.
Die im zweiten Weltkrieg von den Alliierten vollständig zerstörte Stadt wurde nach dem Krieg - mit Ausnahme des originalgetreu wieder nachgebauten Klosters auf dem Monte Cassino - im damals zeitgemässen Stil neu aufgebaut. Dies ganz im Gegensatz zu gewissen deutschen Städten wie Nürnberg, die man als mittelalterliche Kulissenstädte wiedererweckt hat. Obwohl ich mich in Nürnberg deshalb stets ein wenig «beschissen» vorkomme, hat man dort zumindest kommerziell recht behalten. Nach Nürnberg fahren die Cars nach wie vor zu Dutzenden - Cassino muss seine Rolle neu definieren.

Bella Italia abseits der Touristenströme

Aber genug der eher trüben Gedanken und zurück zu «Bella Italia». Dies ist eine andere Erkenntnis unserer Tour: Nicht nur jede Stadt hat ihren eigenen Charakter, auch jede Region hat ihre kulturellen, kulinarischen und gesellschaftlichen Eigenheiten. Hier in Benevento wird zum Beispiel gehupt, wie man dies sonst von den italienischen Autofahrern nicht mehr kennt. Aber eines ist sicher: das wahre, liebenswerte, an- und aufregende Italien, die lieblichen Landschaften, die offenen, gastfreundlichen und hilfsbereiten Menschen - das alles trifft man in erster Linie an Orten, die in den Reiseprospekten nicht vorkommen. Es muss ja nicht gleich Roccapipirozzi sein!

Die gestrige Tour: San Salvatore Telesina - Benevento, 43 km, 294 Hm.

Das heutige Nachtessen in der Trattoria La Violetta: 2x Antipasti de la Casa, 2x Pasta, 1 Flasche Mineralwasser frizzante, 1 Flasche Wein, 1 Kaffee, 1 Grappa, Pane e Coperto: 15 Euro.

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