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«Ich war ein Star»: Wie ein 14-Jähriger Birrhard ein neues Wappen gab

Vor 50 Jahren nervten sich Heraldiker über das Vorgehen der Gemeinde – Schüler Willi Eichmann war trotzdem der Star.

Janine Müller
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Links: So sah das Wappen vor dem Schülerwettbewerb aus. Rechts: das aktuelle Wappen der Gemeinde Birrhard

Links: So sah das Wappen vor dem Schülerwettbewerb aus. Rechts: das aktuelle Wappen der Gemeinde Birrhard

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Er erinnert sich, als wäre es gestern gewesen: Nach der Vorlage von Willi Eichmann (64) wurde nämlich 1966, also vor 50 Jahren, das aktuelle Wappen der Gemeinde Birrhard im Bezirk Brugg entworfen. «Ich war so etwas wie ein Star an der Schule», sagt Willi Eichmann rückblickend. Doch davon später.

Es waren heraldische Gründe, die dazu führten, dass Birrhard das Wappen ändern musste. Im Jahr 1965 war eine kantonale Wappenbereinigungskommission aktiv, die die aargauischen Gemeindewappen überprüfte und korrigierte, um später sämtliche Wappen des Kantons in einer Wappenscheibe zu vereinigen.

Der mittlerweile 64-Jährige gewann in der 8. Klasse den Schülerwettbewerb. Willi Eichmann lebt in Mellingen.

Der mittlerweile 64-Jährige gewann in der 8. Klasse den Schülerwettbewerb. Willi Eichmann lebt in Mellingen.

zvg

«Die Wappenbereinigungskommission fand das Birrharder Wappen zu überladen», heisst es in einer Ausgabe des «Badener Tagblatts» im Dezember 1965. «Sie war der Ansicht, die links und rechts des Birnbaumes wuchernden Pflanzen, der Rebstock und die Ähre, seien auszumerzen.»

Ein Blick in die Dokumente im Staatsarchiv zeigt: Viele Briefe gingen zwischen Staatsarchivar Nold Halder und dem Gemeinderat Birrhard hin und her. Der Staatsarchivar legte gar Vorschläge für das Wappen bei, doch die Birrharder wollten keinen Aarauer Vorschlag hinnehmen.

An der Gemeindeversammlung vom 10. Dezember 1965 wurde beschlossen, einen Schülerwettbewerb zu veranstalten. Bereits eine Woche später machten sich die Schüler unter der Leitung von Lehrer E. Peterhans an die Arbeit.

Das frühere Wappen von Birrhard
10 Bilder
Das Wappen von Birrhard heute, nach Vorschlag von Willi Eichmann, überarbeitet von einem Heraldiker
Der zweite Vorschlag von Willi Eichmann
Der dritte Vorschlag von Willi Eichmann
Der vierte Vorschlag von Willi Eichmann
Der fünfte Vorschlag von Willi Eichmann
Der sechste Vorschlag von Willi Eichmann
Der siebte Vorschlag von Willi Eichmann
Der achte Vorschlag von Willi Eichmann
Der neunte Vorschlag von Willi Eichmann

Das frühere Wappen von Birrhard

Schweiz am Sonntag

Die Vorgabe war, dass die Reuss sowie ein Birnbaum oder eine Birke auf dem Wappen sein müssen. Ans Werk ging auch Willi Eichmann, der damals die 8. Klasse besuchte. «Im Zeichnen war ich ein Hirsch», sagt er heute nicht ohne Stolz.

Nicht weniger als neun Vorschläge reichte der fleissige Schüler ein. Anschliessend wurden sämtliche Werke im Schulzimmer aufgehängt. Der Gemeinderat kam auf Besuch, inspizierte die Wappenvorschläge. Auserkoren wurde am Ende eine Variante von Willi Eichmann. «Ich sass gerade mit Kollegen an der Reuss, als einer heruntergestürmt kam und mir sagte, dass ich sofort zur Schule kommen solle», erzählt Willi Eichmann. Zurück im Klassenzimmer erfuhr er, dass er den ersten Rang im Schülerwettbewerb belegte.

Vor Ort war bereits die Presse. Der 14-Jährige wurde zu so etwas wie einem Star. Die Eltern und der Lehrer waren stolz, den Medien gab er Interviews. Der «Tages-Anzeiger» und der «Wir Brückenbauer» schrieben genauso über die Ereignisse wie das «Aargauer Tagblatt» und das «Badener Tagblatt».

Sogar ein Flurnamenforscher aus Deutschland meldete sich beim Gemeinderat und sinnierte in einem Brief über die Bedeutung der Wörter «Birr» und «Hard». «Ich war schon eine Berühmtheit», erinnert sich Willi Eichmann und lacht schallend. Mehr als Ruhm und Ehre erhielt er allerdings nicht. Der Lehrer schenkte ihm immerhin ein Buch über Buffalo Bill, den berühmten Bisonjäger.

Die Heraldiker hingegen waren überhaupt nicht glücklich über das Vorgehen in Birrhard. In einer Entgegnung an verschiedene Zeitungen schrieb ein Heraldiker: «Staatsarchivar Nold Halder ist über die ‹Entgleisung› nicht begeistert und sagte unserem Mitarbeiter: ‹Wie sollen denn Schüler ohne jeden Begriff von heraldischen Gesetzmässigkeiten ein Wappen zeichnen können? Diese Idee werden wir nicht akzeptieren, und wir können auch nicht dazu gezwungen werden. Falls die Birrharder keinen von unseren Vorschlägen annehmen, wird ihr Wappen auf der Wappenscheibe eben fehlen.›»

So weit kam es allerdings nicht. Die Gemeindeversammlung vom 13. Januar 1966 entschied sich für ein Sujet von Willi Eichmann. Heraldiker Felix Hoffmann überarbeitete anschliessend das Wappen nach dieser Vorlage. Entstanden ist das heutige Wappen der Gemeinde Birrhard.

Ähnliche Fälle sind Martin Süess, dem heutigen Leiter Rechtsdienst der Gemeindeabteilung des Kantons, nicht bekannt. «Grundsätzlich ist ein derartiger Wettbewerb auch heute möglich, sofern dabei die heraldischen Regeln beachtet werden», sagt er. Zudem muss ein neues Wappen vom Regierungsrat genehmigt werden.

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