Windisch
«Ich schluckte pro Tag über 40 Tabletten»

Victor Dambach (72) war lange Zeit alkohol- und tablettensüchtig – nun fühlt er sich wie ein anderer Mensch.

Claudia Meier
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Victor Dambach sagt heute: «Ich trinke am liebsten Kaffee und Mineralwasser.» ZVG

Victor Dambach sagt heute: «Ich trinke am liebsten Kaffee und Mineralwasser.» ZVG

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Druck am Arbeitsplatz, Depressionen, Kopfschmerzen, Beziehungsprobleme und immer wieder der Griff zur Flasche und zu opiathaltigen Medikamenten: Victor Dambach war in der Vergangenheit in einen Teufelskreis geraten. Wir treffen den 72-Jährigen in Windisch, wo er seit zehn Jahren lebt. Er holt im Campus Kaffee, setzt sich an einen Tisch im Freien und beginnt zu erzählen: «Am 29. Mai vor zwei Jahren habe ich die psychiatrische Klinik Königsfelden verlassen. Seither bin ich ein anderer Mensch. Zuvor hatte ich 40 Jahre lang Kopfschmerzen.»

Dambach hat einen langen Leidensweg hinter sich. Dieser begann schon zu Zeiten, als er noch bei Motor Columbus arbeitete. Im Fussballklub der Firma spielte er im Mittelfeld – auch gegen den FC Badener Tagblatt. Mit der Zeit mauserte er sich zum Meister, wenn es darum ging, einen guten Grund zu finden, warum er gerade heute nicht ins Training könne. Der wahre Grund lag allerdings in seiner Alkohol- und Tablettensucht.

«In meinem Beruf als Verkaufs-Ingenieur in der IT-Branche hatte ich grossen Stress, viel Verantwortung und den Druck, für unsere Firma immer mehr Aufträge zu gewinnen», sagt Dambach zur Vorgeschichte. Seine Gesundheit litt und er musste ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die verschriebenen opiathaltigen Medikamente zeigten zu Beginn Wirkung. Später musste er die Dosierung massiv erhöhen. Zusammen mit den Nebenwirkungen kam es so weit, dass er zu Hause bleiben musste. Zusätzlich wurden Antidepressiva verschrieben. Nach eigenen Angaben schluckte er in den schlimmsten Zeiten seiner Sucht pro Tag über 30 Schmerztabletten, 10 Antidepressiva-Tabletten und trank täglich etwa einen Liter Wein sowie vier Biere. Victor Dambach fälschte Rezepte und hatte dennoch grossen Beschaffungsstress.

«Wollten nicht negativ auffallen»

1989 entschied er sich erstmals für einen Alkoholentzug und wurde in die christlich geführte Klinik SGM in Langenthal eingeliefert. Dort begann er in der Bibel zu lesen und begegnete Jesus. Nach vier Wochen verliess er die Klinik und wagte einen Neuanfang. Das ging fünf Jahre gut. Dann gab es einen Rückfall, Victor Dambach wurde arbeitslos und die Ehe ging in die Brüche.

Anfang 1994 heiratete er seine heutige Ehefrau Vreni. Das Ausmass seiner Sucht hatte er ihr verschwiegen. «Ich lebte als Sünder», sagt Victor Dambach. Und Vreni Dambach erzählt: «Ich machte das mit, weil wir beide geschieden waren und im Umfeld nicht schon wieder negativ auffallen wollten.» Im Glauben fand sie Trost.

Der Ehefrau wurde es zu viel

Völlig aus den Fugen geriet das Leben dann im April 2015. Victor Dambach war zu Hause wieder einmal stockbesoffen. Ehefrau Vreni hielt das nicht mehr aus und zog zu ihrer Tochter nach Turgi. Da sie aber noch als Hauswart arbeitete, musste sie ab und zu doch nach Windisch zurück. So ging das wenige Wochen hin und her, bis Victor aufgrund einer Überdosis notfallmässig ins Kantonsspital Baden eingeliefert werden musste und Vreni einen Nervenzusammenbruch erlitt.

Kurz darauf wurde der damals 70-Jährige nach Königsfelden in die Geriatrieabteilung gebracht, von wo er auf die geschlossene Suchtabteilung verlegt wurde. Dambachs körperlicher Entzug dauerte fünf Wochen. In dieser Zeit führte er wieder intensive Gespräche mit Jesus und fasste neuen Lebensmut. Gross war für ihn allerdings die Ungewissheit, ob ihn seine sieben Jahre jüngere Frau besuchen werde. Sie tat es und schaute oft vorbei. «Ohne meine Frau wäre ich heute nicht mehr am Leben», sagt er dankbar.

Nach dem Klinikaufenthalt suchten beide noch ein paar Mal die Suchtberatung in Brugg auf. «Auch zu Hause haben wir intensive Gespräche darüber geführt, was uns wichtig ist und was in den letzten Jahren wehtat», erzählt Vreni Dambach. Denn alles habe immer zwei Seiten. Bei ihnen zu Hause gibt es heute keinen Alkohol mehr. «Ich trinke am liebsten Kaffee und Mineralwasser», sagt Victor Dambach. Abgesehen von Arthrose fühle er sich fit, gehe oft spazieren und lese in der Bibel. Zusammen mit seiner Frau besucht er jeweils am Sonntag den Gottesdienst bei der Gemeinde für Christus in Brugg. Vreni sagt, dass Victor heute ein anderer Mensch sei und die Ehe sowie das Leben nicht mehr aufs Spiel setzen wolle.

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