Am Bahnhof (5/5)
Gleisbauer krampfen in der Hitze und im Luftsog des Güterzugs

Die Gleisbauer zwischen Villnachern und Brugg arbeiten bei brütender Hitze. 70 Männer in vier Schichten, rund um die Uhr. 2700 Meter Streckengleis müssen erneuert werden.

Katja Schlegel
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Schwelle und Schotter sind neu, die Schienen werden erst später ersetzt
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Mindestens eineinhalb Meter Abstand müssen zwischen Mann und Zug sein
Helm, lange Hosen, Signalweste und hohe Schuhe sind Pflicht
Ein Arbeiter misst, ob bereits genügend Schotter abgeladen wurde
Unterwegs mit den Gleisbauern zwischen Villnachern und Brugg
Auf den Geleisen kann es zwischen 50 und 60 Grad Celsius heiss werden
Der neue Schotter wird ins Bett geschüttet
Sicherheitschef Mario Dieng (li.) und Teamleiter Daniel Peter auf der Baustelle.Emanuel Freudiger

Schwelle und Schotter sind neu, die Schienen werden erst später ersetzt

Emanuel Freudiger

Tief gräbt sich die Schnecke der Gleisbaumaschine in den Schotter, golfballgrosse Steine spritzen hoch, als wären es Sandkörner. Schaufel für Schaufel fahren die Brocken hoch, kullern auf ein Förderband.

Und über allem dieses furchtbare Geräusch; das kreischende Malmen von Stein auf Stahl, das einem die Haare auf den Armen aufrichtet und in den Nieren kitzelt. In den Dieseldunst mischt sich ein Nebel zerstäubten Steins. Dann ein Hornen, Alarmsignal 1. Die Männer treten zurück, ein Güterzug rattert vorbei.

Das ist die Welt von Teamleiter Daniel Peter und seinen Männern, ihr täglich Brot, ihr Alltag. Sie sind Gleisbauer, sind für Unterhalt und Erneuerung zuständig. Sie wechseln Schwellen, Schienen, Weichenteile, Gleise und Weichen aus. Ohne sie würde nichts rollen auf dem SBB-Schienennetz.

Alle Arbeitsschritte auf einem Zug

Auf der Strecke zwischen Villnachern und Brugg arbeiten sie sich vorwärts. 70 Männer in vier Schichten, rund um die Uhr. Der Lebenszyklus des Gleises ist erreicht, ausserdem haben ihm die vielen Güterzüge zugesetzt. 2700 Meter Streckengleis müssen erneuert werden. In diesen Tagen werden Schotter und Schwellen ersetzt, später werden die Schienen ausgewechselt.

Die Männer arbeiten mit einem Bauzug, gleich einer gefrässigen Raupe. Alles findet auf dem 400 Meter langen Gefährt statt, alles hat darauf Platz. In Richtung Brugg geht es in 18-Meter-Schritten; so lang ist ein Gleisjoch, die auf Schwellen montierten Schienen.

Zwei Krane packen das rund zehn Tonnen schwere Joch und fahren es über auf dem Zug montierte Schienen fort, die Schnecke frisst sich durch den alten Schotter und spuckt ihn aufs Förderband, neue Steine werden angefahren und ausgeleert.

Am Zugende lösen die Arbeiter die Schienen von den alten Schwellen und setzen sie auf die neuen. Ist der Schotter vorne verdichtet, fahren die Krane das neue Joch heran, die Arbeiter verbinden die Schienenenden miteinander. Fertig. Nach 45 Minuten ist das Joch ersetzt, die Raupe kriecht weiter.

Ein falscher Schritt und fertig

Immer wieder dieses Hornen. Sekunden später die vorbeirauschenden Züge. Nur eineinhalb Meter liegen zwischen Zug und Mann, so gross ist der zwingend einzuhaltende Sicherheitsabstand.

Der Luftzug saugt die Blumen am Rande des Schotterbetts in Schieflage, treibt den Männern Sand in die Augen. Ein falscher Schritt, eine unüberlegte Bewegung und fertig lustig.

Für Ungewohnte Zug um Zug eine ungemütliche Situation. Teamleiter Peter schreckt das längst nicht mehr: «Hält man sich an die Spielregeln, ist es ein sicherer Job.» Aber ja, Fehler werden nicht verziehen.

Damit nichts passiert, sind drei Sicherheitswärter mit weissen Helmen vor Ort, sie wachen über die krampfenden Kollegen. Dazu kommen eine Warnanlage mit orangen Drehleuchten und das akustische Signal. Und Sicherheitschef Mario Dieng, der schaut, dass alle die Vorschriften einhalten.

Es ist brütend heiss. Und auf den Gleisen noch viel heisser. Der Schweiss rinnt, die Haare kleben am Kopf, die T-Shirts an Rücken und Bäuchen. Kurz vor Mittag zeigt das an den Schienen befestigte Thermometer 41 Grad Celsius.

«Das geht jeweils hoch bis 50 bis 60 Grad», sagt Dieng. Ausziehen geht aber nicht, lange Hosen, hohe Schuhe, Signalweste und Helm sind Pflicht. Auch Hitzefrei kennen die Gleisbauer nicht, im Gegenteil.

«Je wärmer es wird, desto mehr haben wir zu tun», sagt Peter: Die Wärme dehnt den Stahl aus, falsch zusammengeschweisste Schienen können sich unter dem Druck krümmen. «Dann müssen wir ran, damit die Strecke wieder befahrbar wird.»

Damit die Männer nicht dehydrieren, trinken sie pro Schicht bis zu sechs Liter. «Man gewöhnt sich an die Hitze, wir sind hart im Nehmen», sagt Dieng. Ist ihr Job ein Traumjob? Durchaus, meinen Peter und Dieng.

«Man sieht jeden Abend, was man während der Schicht geleistet hat», sagt Peter. «Das ist eine schöne Genugtuung.» Und Dieng meint: «Wenn ich mal mit meinem Sohn im Zug sitze und durch die Landschaft rase, kann ich ihm sagen, dass ich an diesen Gleisen mitgebaut habe. Das ist ein schönes Gefühl.»

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