Windisch
Eine Tafel in der «Sonne» erinnert an den zweiten Aargauer Bundeskanzler

Hans Schatzmann war von 1910 bis 1918 der zweite Bundeskanzler des Aargaus. Er ist der Spross eines Windischer Geschlechts.

Jürg und Barbara Stüssi-Lauterburg*
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Gasthof Sonne in Windisch erinnert an Aargauer Bundeskanzler
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Hans Schatzmann war von 1909 bis 1918 Bundeskanzler. Er ist im heutigen Gasthof Sonne in Windisch zur Welt gekommen.
Die heutige Besitzerin Christine Fricker hat waehrend der Ahnenforschung Bilder von ihrem Urahn (Urururgrossonkel) Schatzmann gefunden.
Blick ins Album: Hans Schatzmann mit Frau (l.) sowie mit Sohn und Enkel.
Das Familienalbum der Familie Fricker mit dem Familienwappen.
Hans Schatzmann mit seiner Schwester Elise, der Urururgrossmutter von Christine Fricker.
Die Eltern von Hans Schatzmann (links), sowie er mit seiner Schwester Elise, der Urururgrossmutter von Christine Fricker.
Hans Schatzmann mit seiner Schwester Elise, der Urururgrossmutter von Christine Fricker.

Gasthof Sonne in Windisch erinnert an Aargauer Bundeskanzler

Sandra Ardizzone

Seit 1848 stellte der Kanton Aargau drei Bundeskanzler. Der Zofinger Gottlieb Ringier versah das Amt in den Jahren 1882 bis 1909, Hans Schatzmann aus Windisch von 1910 bis 1918, und seit Januar 2016 ist als dritter der im Freiamt aufgewachsene Walter Thurnherr im Amt. Von allen dreien wirkte Schatzmann – bisher – während der turbulentesten Zeit.

Der Spross eines Windischer Geschlechts erblickte am 24. Januar 1849 das Licht der Welt. Der Bundesstaat war damals noch kein halbes Jahr alt. Schatzmann wuchs, wie seine ganze Generation, zusammen mit dem Bundesstaat auf. Die Eltern hatten im Dorfteil Oberburg eine kleine Landwirtschaft betrieben und schliesslich den Gasthof Sonne ersteigert. Der im Nachbarhaus wohnende Regierungsrat und Oberst Samuel Schwarz brachte den aufgeweckten Buben «auf den Gedanken, die höheren Schulen zu besuchen, um ebenfalls einmal dem Lande dienen zu können».

26-jährig wurde er Sekretär

Schon vor dem Schuleintritt erhielt Hans Schatzmann Privatunterricht bei Lehrer Richner (vermutlich der Schulmeister der Spinnerei). Auf die Kantonsschule Aarau folgte das Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg, München und Berlin. Der Fürsprecher amtete kurz als Anwalt, 1874 als Gerichtsschreiber sowie 1875 als Gerichtspräsident in Aarau. Dass er daneben als Soldat diente (am Schluss als Oberst im Justizstab) war selbstverständlich. 26-jährig trat er als Sekretär in den Dienst der Bundeskanzlei und wurde 1881 – noch unter dem Bundeskanzler der ersten Stunde, Johann Ulrich Schiess, danach unter Gottlieb Rinigier – Vizekanzler; also die Nummer 2 der Bundeskanzlei und Sekretär des Ständerats.

Blick ins Album: Hans Schatzmann mit Frau (l.) sowie mit Sohn und Enkel.

Blick ins Album: Hans Schatzmann mit Frau (l.) sowie mit Sohn und Enkel.

Sandra Ardizzone

Als Ringier nach 28 Dienstjahren demissionierte, war die radikal-demokratische Fraktion der Bundesversammlung der Meinung, dass «der Kanzler nicht mehr bloss ein Kanzleibeamter, sondern eine Person von politischer und staatsmännischer Bedeutung sein müsse.» Als Kandidat wurde u.a. der aargauische Finanzdirektor und Nationalrat Müri gehandelt. «Das Gefühl der Gerechtigkeit und Billigkeit gegenüber einem langjährigen tüchtigen Beamten, wie Herr Schatzmann einer ist», verhalf Hans Schatzmann schliesslich am 16. Dezember 1909 zum Sieg im letzten Wahlgang über den Basler Regierungsrat Heinrich David.

Staatsmännische Bedeutung erlangte Schatzmann im Zuge des Ersten Weltkriegs und des Generalstreiks. Allerdings: Die Schweizer Geschichte der Jahre 1910 bis 1918 wurde in mehr als nur oberflächlichem Sinne von Kanzler Schatzmann mitgeschrieben. So stammt aus seiner Feder das für die Durchsetzung der rechtsstaatlichen Ordnung entscheidende Ultimatum des Bundesrats an Nationalrat Robert Grimm, in der durch eine eigentliche Revolutionsatmosphäre geprägten Zeit: «Im Hinblick auf die ungeheuern ... Gefahren, die als direkte Folge des Generalstreiks ... dem gesamten Schweizervolke drohen, fordert der Bundesrat Sie auf, dem Generalstreik mit heute ein Ende zu machen, und bis heute abend 5 Uhr eine bezügliche schriftliche Erklärung abzugeben.» Angesichts des Truppenaufgebots und der Haltung der Mehrheit des Volks brachen Grimm und seine Kollegen den Generalstreik ab, und so verlief die weitere Entwicklung der Schweiz in verfassungsmässigen Bahnen.

30 Jahre treue Pflichterfüllung

Das Ultimatum datiert vom 13. November 1918. Hans Schatzmann stand kurz vor seinem 70. Geburtstag und begehrte auf Ende Jahr seine Entlassung. Nationalratspräsident Heinrich Häberlin, der nachmalige Bundesrat, widmete ihm die für den Stil der damaligen Schweiz charakteristischen Worte: «Mit Herrn Schatzmann scheidet der dritte Bundeskanzler von uns. Seit neun Jahren hat er das ihm anvertraute hohe Amt mit treuer Hingabe und mustergültigem Fleisse verwaltet, als Gehülfe des Bundesrates, als Vorsteher der Bundeskanzlei, als Protokollführer des Nationalrates. Dreissig Jahre treuer Pflichterfüllung im Dienste der Eidgenossenschaft sind vorausgegangen. ... Dem wohlverdienten Danke des Bundesrates schliesst sich deshalb auch die Bundesversammlung von Herzen an und wünscht dem hochverdienten Magistraten das otium cum dignitate, auf das ihm sein Alter und seine langjährige Tätigkeit im Dienste des Vaterlandes einen vollen Anspruch gewähren.»

In derselben Sitzung wurde auch General Ulrich Wille mit dem Dank des Landes die gewünschte Entlassung genehmigt. Als Präsident der Schulkommission des Berner Schulkreises Länggasse stellte sich Schatzmann auch im engeren Kreis der Öffentlichkeit zur Verfügung. Die letzte Lebenszeit wurde überschattet durch den Tod des ältesten Sohnes. Hans Schatzmann, wohnhaft gewesen an der Mittelstrasse 38, starb am 11. Juli 1923 in Bern und wurde dort auf dem Bremgartenfriedhof bestattet.

Heute erinnert am Windischer Gasthaus Sonne eine schlichte Tafel an eine Persönlichkeit der Schweizer Geschichte: Bundeskanzler Hans Schatzmann.

*Jürg und Barbara Stüssi-Lauterburg sind Historiker und wohnen in Windisch.

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