Brugg
Ehefrau verlor Kampf gegen Alzheimer - jetzt muss er ein neues Leben aufbauen

Robert Spiess pflegte seine an Alzheimer erkrankte Ehefrau Erika zu Hause in Brugg. Wir begleiteten das Paar auf seinem Weg.

Elisabeth Feller
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Als alles noch gut war: So behält Robert Spiess seine im September verstorbene Frau Erika in Erinnerung.

Als alles noch gut war: So behält Robert Spiess seine im September verstorbene Frau Erika in Erinnerung.

EF

Dieser Besuch fällt uns schwer. Wir sind traurig. Wir werden heute nicht mehr jenen Menschen antreffen, den wir monatelang begleitet haben: Erika Spiess. Wir werden vermissen, was wir von ihr so gerne gehört haben. «Du lieber Schatz. Du bist der beste Mann.» «Danke», hatte ihr Mann Robert, den sie Roberto nannte, gesagt und seine Frau in die Arme genommen.

Die ersten Krankheitssymptome tauchen bei Erika Spiess vor zehn Jahren auf. Damals sei ihm aufgefallen, wie oft seine Frau nach etwas gesucht habe, sagt ihr Mann Robert, den sie Roberto nannte. Nach Abklärungen und Tests steht die Diagnose fest: Erika Spiess leidet an Alzheimer, einer Krankheit, die – bei einer stetig älter werdenden Bevölkerung – weltweit zunimmt.

Die Diagnose verändert das Leben von Erika und Robert Spiess fundamental. Ihr fällt es immer schwerer, sich zu orientieren und mitzuteilen. Sie reiht Worte aneinander, aber diese ergeben keinen Sinn. Ihm fällt die Aufgabe zu, sie rund um die Uhr während sieben Tagen in der Woche zu betreuen. Erst Jahre später vertraut er seine Frau während zweier Tage pro Woche dem Betreuungsteam in der Tages- und Nachtstätte Reusspark an, um für sich etwas Zeit zu gewinnen. Er fährt Velo, um die Batterien aufzuladen.

Robert Spiess’ sprühende Energie lässt Besucher vermuten, dass die pflegerischen Aufgaben zwar anspruchsvoll, jedoch zu schaffen sind. Irrtum. Annemarie Rothenbühler von der Geschäfts- und Beratungsstelle der Alzheimervereinigung Aargau in Brugg weiss aus langjähriger Erfahrung, wie sehr Ungewissheit, Verzweiflung, Hoffnung und Angst an pflegenden Angehörigen nagen – bis sie zusammenbrechen. «Das darf nicht passieren. Deshalb sind Entlastungsdienste für die Angehörigen unentbehrlich», sagt Annemarie Rothenbühler, die das Ehepaar Spiess seit langem mit Rat und Tat begleitet.

Als sie Robert Spiess im Juni aufsucht – seine Frau Erika ist im Reusspark – merkt sie: Es ist 5 vor 12. Hilfe tut dringend not. Ob er sich schon überlegt habe, seine Frau nicht nur für kürzere, sondern für längere Zeit in den Reusspark zu bringen? «Es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich sie hinfahre», sagt er, doch Annemarie Rothenbühler wendet behutsam ein: «Das kann für dich wieder ein Schritt mehr sein, um Abschied von deiner Frau zu nehmen. Robert, du musst die Notbremse ziehen.»

Er träumt von Ferien mit seiner Frau; träumt, dass er seinen Tag selbst gestalten kann, weil er seine Frau in bester Obhut weiss. Annemarie Rothenbühler handelt unverzüglich: Wenige Tage später reisen Robert und Erika Spiess mit der Berner Alzheimervereinigung nach Schruns. Für eine Woche.

Unser nächstes Treffen mit dem Ehepaar soll Anfang September stattfinden. Dann: ein unverhoffter Anruf. «Erika Spiess ist gestorben», sagt Annemarie Rothenbühler. «Das kann nicht sein», schiesst es der Journalistin durch den Kopf. Was ist passiert? Wochen später besuchen wir Robert Spiess. Er trägt jenes blaue T-Shirt, das ihm so gut steht. Wir gehen hoch zur Dachwohnung, wo sich die Tochter gerade verabschiedet. Diesmal werden wir von Hündin Cora nicht mit freundlichem Gebell begrüsst. «Sie sitzt oft vor der Tür und wartet auf Erika.»

Robert Spiess setzt Wasser auf und bringt Tee. Es gehe ihm, den Umständen entsprechend, gut, sagt er und erzählt vom Reusspark, wo es einen Zwischenfall gegeben habe. Deshalb wird Erika Spiess ins Spital gebracht. Aber die Ärzte finden nichts. Die Rückkehr in den Reusspark kommt vorläufig nicht in Betracht. Denn das Verhalten von Erika Spiess war dort so auffällig, dass Annemarie Rothenbühler vorschlägt, die Kranke nach Königsfelden zu verlegen, um sie medikamentös neu einzustellen – danach stünde dem Aufenthalt im Reusspark nichts mehr im Wege. Es ist Montag, als Robert Spiess seine Frau Erika nach Königsfelden bringt.

«Wie heisst deine Frau?» Dieser Satz schmerzt Robert Spiess noch heute, «weil er zeigt, wie massiv sich der Zustand von Erika verschlechtert hat». Er macht eine kurze Pause, sagt dann leise: «Zwischen Erika und mir hat es nach wie vor so etwas wie eine Kommunikation gegeben.» Seine Frau habe früher ihre Emotionen nie so gezeigt, «aber in der letzten Zeit, da war sie so anhänglich, umarmte mich immer wieder».

Als Robert Spiess seine Frau am Freitag besucht, erkennt er sie nicht wieder. «Erika sass im Rollstuhl und hatte die Augen geschlossen.» Sie wird sie nicht mehr öffnen; am Abend stirbt Erika Spiess in Königsfelden. Herzversagen.

Es gehe ihm gut, den Umständen entsprechend, betont Robert Spiess erneut. Aber er sei nach zehn Jahren Pflege erschöpft: Zehn Jahre, in denen er seine Sinne schärfen musste, um jede Regung seiner Frau zu erspüren. Jetzt, da sie nicht mehr da sei, müsse er eine völlig neue Tagesstruktur erlernen. «Du musst ein eigenes Leben aufbauen. Aber lass erst einmal die Trauer zu», sagt Annemarie Rothenbühler. Sie ahnt, was Robert Spiess umtreibt: «Die Situation zu Hause wäre für euch beide sehr schwierig geworden, denke nur an die vielen Treppenstufen bis zur Dachwohnung.» Hätte er Kraft gehabt, um die künftigen Aufgaben zu bewältigen? «Ich habe alles für Erika getan, denn ich wusste: Sie würde dasselbe für mich tun», sagt er.

Robert Spiess nimmt ein Foto zur Hand: Seine Frau Erika steht in einem Sonnenblumenfeld und lächelt – unwiderstehlich. «Du bist nicht mehr da, wo du warst, aber du bist überall, wo wir sind», heisst es auf der Danksagungskarte. Erika Spiess ist da, wo ihr Mann Roberto ist.

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