Brugg
Der verschwundene Hausarzt B. gab sich den Doktor-Titel selbst

Ein Patient hat die Praxistätigkeit des untergetauchten Brugger Arztes schon im Mai 2015 infrage gestellt – und den Kanton informiert.

Claudia Meier
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Hausarzt B. gibt ein Interview.
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So präsentierte sich die Hinweistafel auf die Hausarztpraxis von B. im Mai 2015 an der Ecke Rottweiler-/ Annerstrasse in Brugg. Die Bezeichnung «Dr.» wurde mit Klebebuchstaben angebracht.
"Hausarzt" B.

Hausarzt B. gibt ein Interview.

Printscreen Youtube

Von Hausarzt B. fehlt jede Spur. Der Kanton versucht seit Anfang Mai vergeblich, über verschiedene Kanäle mit B. Kontakt aufzunehmen.

Rückblick: Im Januar 2015 hatte der rumänischstämmige deutsche Allgemeinmediziner eine bestehende Hausarztpraxis an der Promenade 22 in Brugg übernommen. Ende Mai 2016 wurde die Praxis überraschend geschlossen und wird nicht mehr weitergeführt. Die Patienten können ihre Krankengeschichten seit dem 6.Juni 2016 beim KG-Archiv Schweiz in Kehrsatz beziehen. So hat es das kantonale Departement Gesundheit und Soziales (DGS) veranlasst.

Offenbar wechselten viele Patienten ihren Hausarzt, weil sie mit B. nicht zufrieden waren, wie persönliche Gespräche und zahlreiche Kommentare in den Sozialen Medien zeigen.

Ein Betroffener ist ein knapp 42-jähriger Brugger, der vor über einem Jahr wegen diffuser Beschwerden im Unterleib B. aufsuchte. Aufgrund verschiedener Ungereimtheiten im Rahmen der Konsultationen und bei der Abrechnung stellte der Patient die rechtmässige Tätigkeit des Hausarzts infrage und wandte sich – da B. nicht antwortete – schriftlich an den Kantonsarzt.

Kanton liess Titel entfernen

Der Patient aus Brugg wies den Kanton ausserdem darauf hin, dass ihm während eines Arztbesuchs die Visitenkarten im Eingangsbereich auffielen. B. betitelte sich darauf als «Dr. medic. Univ. Frankfurt/Main» und mit «M. D. Harvard Univ. (USA)». In Anbetracht der zweifelhaften ärztlichen Leistungen beschloss der Patient, Abklärungen bezüglich dieser Titel vorzunehmen.

Seine Nachfrage bei der Medizinischen Fakultät der Harvard Universität ergab, dass dort niemand mit dem Nachnamen des erwähnten Arztes einen medizinischen Doktorgrad erlangt hatte.

Irritiert hat den Patienten auch die Abänderung der beiden Hinweistafeln beim Praxisgebäude, auf denen die Buchstaben «Dr.» mit Klebebuchstaben eingefügt wurden. Wenige Tage nach dem Schreiben an den Kantonsarzt waren die Klebebuchstaben auf den Hinweistafeln verschwunden.

DGS-Sprecherin Daniela Diener bestätigt auf Nachfrage der Aargauer Zeitung, dass der Kanton die Entfernung der Bezeichnung «Dr.» veranlasst hat, weil B. keine Dissertation abgeschlossen habe. Sein Medizinstudium hatte der 52-Jährige laut DGS an einer deutschen Universität absolviert. Auch die erforderliche Weiterbildung, um als Hausarzt in der Schweiz praktizieren zu dürfen, schloss er in Deutschland ab.

Verfahren eröffnet

Die Verwendung des falschen Titels hatte für B. keine strafrechtlichen Folgen, sondern sei aufsichtsrechtlich erledigt worden, sagt Daniela Diener. Details zu den behördlichen Massnahmen gibt der Kanton nicht preis und verweist auf das Amtsgeheimnis.

Seit der Publikation des ersten Zeitungsartikels vor zehn Tagen sei bei der Staatsanwaltschaft eine Anzeige gegen B. eingegangen und ein Verfahren eröffnet worden, sagt Sprecherin Fiona Strebel.

«Meldet sich Hausarzt B. nicht mehr bei der Aufsichtsbehörde, ist das ein Grund, ihm die Berufsausübungsbewilligung zu entziehen», so die DGS-Sprecherin Diener zum weiteren Vorgehen. Für eine Stellungnahme gegenüber der Aargauer Zeitung war B. nicht erreichbar. Mehreren Beobachtern war aufgefallen, dass B. jeweils in einem Auto mit rumänischem Kontrollschild unterwegs war.

Überrascht zeigt sich Santésuisse, die Branchenorganisation der Schweizer Krankenversicherer. Ihnen sei kein Verfahren gegen Hausarzt B. bekannt, sagt Mediensprecher Christophe Kaempf. «B. ist seit 2014 selbstständig. Es braucht zwei Jahre Beobachtung, um beurteilen zu können, ob ein Arzt auffällig praktiziert.»

Auffällig sei ein Hausarzt etwa, wenn er mit 30 Prozent höheren Kosten als seine Berufskollegen abrechnet. «In solchen Fällen fragen wir beim Arzt nach», so Kaempf.