Wettingen
Gemeinderat will keine Gratis-Tampons in öffentlichen Gebäuden

Menstruationsartikel sollen gratis zur Verfügung gestellt werden – wie WC-Papier oder Seife: Der Vorstoss zweier Jungpolitiker findet beim Gemeinderat kein Gehör. Mia Gujer (SP) findet: Der Gemeinderat mache es sich mit seiner Antwort zu einfach und sei mit der Thematik nicht vertraut.

Andreas Fretz
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Was sagt der Wettinger Einwohnerrat zu Gratis-Tampons?

Was sagt der Wettinger Einwohnerrat zu Gratis-Tampons?

Keystone

Mia Giujer (SP) sprach vor rund einem Jahr von einem progressiven Vorstoss. Sie und ihr Einwohnerratskollege Andreas Leuppi (WettiGrüen) reichten eine Motion ein, die verlangte, dass in den öffentlichen Gebäuden Wettingens Menstruationsartikel kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Im Tägi, in der Schule, im Rathaus

«Tampons und Binden sollen gratis verfügbar sein, genau gleich wie Toilettenpapier, Wasser und Seife.» Als Beispiele öffentlicher Gebäude nannten sie das Freizeit-, Sport- und Eventzentrum Tägi, Schulen, Räume der Jugendarbeit und das Wettinger Rathaus.

Nun liegt die Antwort des Gemeinderats vor. Der Vorstoss wird an der nächsten Sitzung des Einwohnerrats am 30. Juni zur Abstimmung kommen. Der Gemeinderat empfiehlt die Motion zur Ablehnung. Gujer sagt:

«Der Gemeinderat macht es sich mit seiner Antwort etwas gar einfach.»
Einwohnerrätin Mia Gujer (SP).

Einwohnerrätin Mia Gujer (SP).

zvg

In seiner Argumentation berufe er sich hauptsächlich auf den Kanton. Der Aargauer Regierungsrat hatte einen ähnlichen Vorstoss der SP-Fraktion abgelehnt.

Der Gemeinderat schreibt: «Der Regierungsrat führt auf, dass das Anliegen scheinbar an keiner Schulstufe ein Thema sei.» Auch gebe es an Schulen bereits niederschwellige Angebote. In anderen öffentlichen Gebäuden, wie beispielsweise einer Bibliothek, sei der Besuch freiwillig und nur kurz, dabei könne davon ausgegangen werden, dass sich eine menstruierende Person selbst ausrüstet.

Die Politik ist mit dem Diskurs nicht vertraut

«Dass behauptet wird, es sei an den Schulen kein Thema, zeigt mir, dass die Politik nicht am öffentlichen Diskurs beteiligt ist», sagt Gujer und merkt an, dass der Wettinger Gemeinderat aus sechs Männern und einer Frau besteht.

Gujer ist es ein Anliegen, jungen Frauen, gerade Schülerinnen, einen unkomplizierten Umgang mit der Menstruation zu ermöglichen. Häufig sei dieser mit Scham behaftet. Zum vermeintlich niederschwelligen Angebot sagt Gujer:

«Einem Mädchen fällt es nicht zwingend leicht, eine Lehrperson um Tampons zu bitten.»

«Und wenn das Angebot tatsächlich so niederschwellig ist wie behauptet, kann man die Tampons ja gleich gratis bereitstellen.»

Der Gemeinderat sieht das freilich anders, wenn er, mit Bezug auf Wettingen, sagt: «In den Schulen und der Jugendarbeit besteht bereits ein niederschwelliges Angebot an Menstruationsartikeln, die bei Bedarf durch Lehrpersonen, Sekretariat oder Betreuer abgegeben werden können. Auch im Rathaus und im Tägi besteht dieses Angebot.»

Gemeinderat erkennt kein elementares Anliegen

Eine Notfallsituation könne somit schnell und unbürokratisch abgedeckt werden. Und weiter: «Dass es den Nutzern ein Bedürfnis ist, Menstruationsartikel jederzeit zur freien Verfügung zu haben, wurde gegenüber den Schulleitungen und Bau- und Planungsabteilung nie erwähnt.» Es sei daher anzunehmen, dass es den Nutzern kein elementares Anliegen sei, und die niederschwellige Abgabe auf Verlangen scheine das Bedürfnis zu decken.

Gujer bleibt bei ihrer Meinung: «Den menstruierenden Menschen würde der Alltag erleichtert. Stress und Bedenken wegen unangenehmen Situationen würden vermindert und das Portemonnaie entlastet.» Denn gerade bei Personen mit geringem Einkommen komme noch die zusätzliche Scham hinzu, sich Menstruationsartikel nicht leisten zu können.

Für Gleichstellung im öffentlichen WC

Gujer und Leuppi fordern in der Motion: «Alle Menschen sind im öffentlichen WC gleichgestellt, denn allen werden jene Hygieneprodukte geboten, die sie benötigen.» Es wäre schön, wenn Wettingen für einmal fortschrittlich entscheiden würde, findet Gujer. «Ich hoffe, dass der Einwohnerrat den Fehlentscheid des Gemeinderats korrigiert und dass die Gleichberechtigung am Ende gewinnt.»